Es ist noch nicht richtig hell an diesem Morgen. Es herrscht Stille, die unterbrochen wird von Autos, die vorbeifahren, und von Motorrädern. Am Straßenrand stehen Bernhard Scharting und Martin Horn. Sie sind nicht zum ersten Mal hier. Nichts ist ungewöhnlich, alles ist normal, wie an jedem Morgen hier am Ortsausgang von Rudendorf (Gemeinde Ebelsbach) in Richtung Leppelsdorf (Gemeinde Lauter). Etwas ist doch anders: Auf dem Grünstreifen neben der Straße stehen ausgebrannte Grablichter. Um den Pfosten eines Schildes, das auf ein Naturschutzgebiet hinweist, sind sie aufgestellt worden. Das war vor etwa sieben Wochen.


An der Unfallstelle gestorben

Am Nachmittag des Karfreitags verunglückte am Ortseingang von Rudendorf ein 53-jähriger Motorradfahrer. Er wurde bei dem Unfall so schwer verletzt, dass er noch an der Unfallstelle starb. Möglicherweise ist er, als er in der Rechtskurve die Kontrolle über seine Suzuki verloren hatte, gegen das Schild geprallt. In der Wiese neben der Straße blieb der Mann aus dem Landkreis Haßberge liegen. Die Rettungskräfte konnten nichts mehr für ihn tun.

Am Karfreitag waren auch Martin Horn und Bernhard Scharting an der Unfallstelle. Sie sind Feuerwehrleute und gehörten zu den Einsatzkräften. Jetzt, knapp sieben Wochen später, bat sie unser Portal an diesen Ort, um von ihnen zu erfahren, wie sie die damaligen Geschehnisse erlebt haben. Wie sie damit umgegangen sind und was es bedeutet, mit dem Tod konfrontiert zu werden. Für den einen Feuerwehrmann war es eine neue Erfahrung, der andere ist schon zu vielen tödlichen Unfällen gerufen worden. Leicht ist es in keinem Fall.

Bernhard Scharting ist seit zwölf Jahren Kommandant der Rudendorfer Feuerwehr. In der Truppe ist der 44-Jährige seit 29 Jahren. Zu einem tödlichen Unfall, wie er am Karfreitag passiert ist, war er zuvor noch nie alarmiert worden.


Unsicherheit

Mit welchem Gefühl fährt man an eine Einsatzstelle, an der man erwarten muss, dass dort ein Mensch gestorben ist? Scharting kann es nur schwer beschreiben. Ein bisschen erschrocken, ein bisschen verunsichert. "Man kennt die Situation nicht", schildert Scharting. Er ist froh, dass unter den Feuerwehrleuten auch eine Krankenschwester ist, die sich mit solchen Situationen auskennt und an jenem Karfreitag dabei war. Deshalb "fühlt man sich etwas sicherer", erklärt der 44-Jährige.

Martin Horn, der seit 30 Jahren bei der Feuerwehr ist, früher auch Kommandant der Ebelsbacher Feuerwehr war und seit 13 Jahren als Kreisbrandmeister tätig ist, hat solche Unfälle schon öfters gesehen. Rund 20 Mal, schätzt er, ist er in seiner aktiven Dienstzeit zu ähnlichen Ereignissen wie in Rudendorf gerufen worden. Nach dem tragischen Verkehrsunfall im Ebelsbacher Gemeindeteil wurde er in den vergangenen Wochen bei zwei weiteren Unglücksfällen mit tödlichem Ausgang eingesetzt: in Eltmann nach der Explosion in einer Werkshalle der Firma Schaeffler, die Tage später ein Todesopfer forderte, und bei einem landwirtschaftlichen Betriebsunfall in Stettfeld; auch hier starb ein Mensch. Wie verkraftet man das? "Man versucht, es nicht an sich heran zu lassen", sagt Horn.

Der 46-Jährige hat sich jedoch schon dabei "ertappt", wie die Gedanken um tödliche Unfälle ständig präsent sind. Man sitzt in seinem Garten, erzählt er, und hört dort die aufdrehenden Motoren der schweren Maschinen auf der nahen Straße - und wartet auf den Schlag. Horn hat wie Scharting das Gefühl, dass der motorisierte Zweiradverkehr zunimmt und damit auch die Unfälle.

Norbert Mohr, der Leiter der Polizeiinspektion in Haßfurt, erklärt mit Zahlen, die nach oben gehen, dass das mehr als ein Gefühl ist. In den ersten fünf Monaten dieses Jahres stieg die Zahl der Unfälle mit motorisierten Zweirädern im Kreis Haßberge deutlich. Allerdings ist die Entwicklung nicht einheitlich. Für ganz Unterfranken gibt es nach seiner Darstellung aktuell eine rückläufige Tendenz. In anderen Teilen Frankens häuften sich zuletzt schwere Motorradunfälle dagegen auffällig (Würgauer Berg im Landkreis Bamberg zum Beispiel).


Tage später

Sowohl Martin Horn wie auch Bernhard Scharting haben die Erfahrung gemacht, dass sich die Szenen von tödlichen Geschehnissen einprägen. "Richtig kommt's erst zwei Tage später; da kommen die Gedanken", beschreibt Scharting die Folgen des Rudendorfer Unfalls. "Das Bild geht nicht aus dem Kopf", sagt Martin Horn, und weiter erklärt der Kreisbrandmeister: "Manche Bilder kriegst du nie raus." Sie treten nach seiner Darstellung höchstens in den Hintergrund - wegen neuer Bilder.

Zwei Wochen lang habe der schwere Unfall am Ortseingang die Einsatzkräfte der Rudendorfer Feuerwehr beschäftigt, erinnert sich Bernhard Scharting. Man habe sich danach darüber unterhalten. Geholfen bei der Bewältigung der Ereignisse haben auch die Aussagen von anderen Beteiligten. "Ihr habt alles richtig gemacht", hatte laut Scharting ein Rettungssanitäter noch am Unfalltag den Rudendorfern bescheinigt.

Mittlerweile sind der Unfall und dessen Folgen auch ein Thema bei den Übungen der kleinen Feuerwehr. Wie man damit umgeht, "das kann man üben", erklärt der Kommandant.

Damit seien die Rudendorfer auf dem richtigen Weg, betont Norbert Mohr. Der Chef der Haßfurter Polizei hat in seiner langen Dienstzeit schon mit vielen tödlichen Geschehnissen zu tun gehabt, und er hat Todesnachrichten an Angehörige überbringen müssen. Die Mentalität vom "harten Hund" sowohl bei der Polizei wie auch bei der Feuerwehr und bei weiteren Einsatzkräften sei völlig "fehl am Platz". Um traumatische Ereignisse bewältigen zu können, müsse man sich gegenseitig helfen und auch helfen lassen, wenn nötig von professioneller Seite. Mohr hat gelernt, dass ein Polizist, der Todesnachrichten überbringt, nie allein zu Angehörigen gehen soll. Mittlerweile ist es gängige Praxis, dass Notfallseelsorger die Beamten bei der schweren Aufgabe begleiten.



Kommentar (von Klaus Schmitt)

Respekt vor dieser Leistung!


Wer nur oberflächlich hinschaut, kann sich zu der Behauptung versteigen, die Feuerwehr sei bisweilen eine Feierwehr. Sie veranstalte Feste, und die Mitglieder ließen sich gerne ehren. Manche für 25 Jahre Dienstzeit, ohne auch nur einmal ausgerückt zu sein.

Das ist ein falsches, zumindest ein stark verzerrtes Bild. Wer Feuerwehrleute schon einmal gesehen hat, wie sie an einem Unfallort verzweifelt versuchen, einen Menschen aus einem kaputten Auto zu befreien, um Leben zu retten, oder wie ein Feuerwehrmann an einer Unfallstelle vor einem Toten kniet, der weiß, welch schwere und wichtige Aufgabe sie haben. Respekt vor der Leistung!