In der Vortragsreihe in Ebern, bei der Franz Zeheter moderiert, kommen Politiker aus verschiedenen Parteien zu Wort, um darzulegen, in welcher Weise in ihrer Partei christliche Werte eine Rolle spielen. Diesmal sprach und diskutierte Christine Scheel, die sich selbst als Politikerin mit der Kirche in stetem Dialog sieht. Die Ausgangsfrage, ob man mit der Bergpredigt Politik machen kann, beantwortete sie zwar mit einem "Ja", ließ aber auch ein "Aber" folgen.

Bei der Bergpredigt begebe sich Jesus nahe zu den Menschen und rege zum Nachdenken an, etwa ob es gut ist, zurückzuschlagen. Dabei verzichtet Jesus, so legt Scheel dar, auf die Aussage "du musst!". Sie liest daraus, dass es für ihn um Liebe, um Rücksichtnahme, um die Menschen geht. Die in den Seligpreisungen beschriebene Moral sei nicht weltfremd, aber weltverändernd.

Kontroversen mit der Kirche


Die Politikerin bezog ihr "Aber" zunächst im wesentlichen auf das Verhältnis ihrer Partei zu den Kirchen. Auch wenn viele Grüne aus der kirchlichen Basisarbeit kämen, so habe es gerade in der Anfangszeit der Grünen viele Auseinandersetzungen mit den Kirche gegeben, gerade mit deren Führungsebenen. So habe es fast 20 Jahre gedauert, bis erste offizielle Gespräche zustande kamen.

Inzwischen habe sich, so Christine Scheel, ein für die Demokratie hilfreicher respektvolle Umgang miteinander entwickelt, gerade in der Energie- und Bildungspolitik. Ab 2002 habe sich die Partei in ihren Aussagen wegentwickelt von Schlagworten. Stattdessen vertrete sie nun Werthaltungen wie Frieden, Gerechtigkeit, Bewahren der Schöpfung. Und gerade da seien Grüne und die Kirchen nahe beieinander.

Politik als Christin


Christine Scheel bestritt allerdings auch nicht konfrontative Positionen gerade bei der Forderung nach Trennung von Staat und Kirche, Abschaffen der Kirchensteuer und des Religionsunterrichts in der Schule. Sie selbst bekennt: "Ich mache als Christin Politik", und so tritt sie ein für die Beibehaltung der Kirchensteuer und des Religionsunterrichts.

Das Gleichnis vom Senfkorn (Lukas 13) bestärke sie dabei: Aus einem kleinen verletzlichen Pflänzchen wird ein weit ausladender Baum. Das fordert nach den Worten der Politikerin jeden einzelnen heraus zu fragen: Was kann ich, was kann Politik dazu beitragen, dass die Schöpfung bewahrt wird?

Dazu zählte für sie auch die Frage, wie sie in ihrem politischen Wirken Finanz- und Wirtschaftspolitik , also die Macht des Geldes, mitgestalten könne. Oder wie sie Wertvorstellungen einbringen könne etwa in der Frage der Altersarmut, in der Mindestlohndebatte und der Generationengerechtigkeit. Dabei müsse es auch mal notwendig werden, unangenehme Dinge zu benennen und sich in politischen Gremien durchzukämpfen.

Bis an die Grenzen


Mit christlichen Grundpositionen könne man, so die Politikerin Scheel, auch an Grenzen geführt werden, etwa in der Friedenspolitik. Da könnte pazifistisches Denken auch danebenliegen. Nach hartem Ringen mit sich selbst habe die Partei der Grünen einer Nato-Intervention mit Waffen im ehemaligen Jugoslawien zugestimmt, weil man befürchtete, ein Nichteingreifen würde schlimmere Auswirkungen zeitigen. "Wir mussten die Unschuld pazifistischer Werthaltungen aufgeben zugunsten einer menschlicheren Politik" rechtfertigte sich die Grünen-Politikerin. Schließlich müsse man sich in der Politik für oder gegen etwas entscheiden - im Gegensatz zu so mancher Diskussion in der Kirche.

Auch in der Euro-Frage gebe es keine einfache Lösung, denn hierbei gehe es nicht nur um die gemeinsame Währung, sondern auch um die europäische Freiheits- und Friedensgemeinschaft. Im Blick auf die südeuropäischen Staaten müsse die Politik nach den Worten Scheels um eine Vertrauensbasis ringen, "es gibt hier in vielen Fragen nicht ja oder nein". Vielfach seien die praktischen Auswirkungen zu beachten, die für alle fair und gerecht sein müssen.

Von Habsucht geleitet


Zusammenfassend betonte Christine Scheel, dass es Jesus in der Bergpredigt zuvörderst um das Leben ging. Wohin Politik und Wirtschaften ohne die Werte der Bergpredigt führen können, sei besonders deutlich geworden in der Finanzkrise der letzten Jahre, als viele sich der von Jesus angeprangerten "Habsucht" hingaben.

Die Vortragsreihe wird fortgesetzt am 19. November mit Thomas Hacker, dem Fraktionsvorsitzenden der FDP im Bayerischen Landtag und am 14. Januar mit Günther Beckstein (CSU), dem ehemaligen bayerischen Ministerpräsident.

Zur Person


Christine Scheel Sie begann ihre politische Tätigkeit 1984 im Kreistag von Aschaffenburg, kam 1986 mit 29 Jahren in den bayerischen Landtag und wechselte 1994 in den Bundestag. Dort war sie zunächst Mitglied und ab 1998 Leiterin des Finanzausschusses und finanzpolitische Sprecherin ihrer Partei, der Grünen. Im Januar dieses Jahres trat sie auch dem Bundestag aus und übernahm einen Vorstandsposten bei einem Energiekonzern, der in einer Tochtergesellschaft Ökostrom vertreibt. Nach Querelen mit dem Vorstand verließ sie inzwischen diesen Konzern wieder. Sie ist seit 1996 Mitglied in der Landessynode der evangelischen Kirche in Bayern.