Wendelin Zettelmeier hatte immer ein Päckchen Spielkarten dabei, ergaben sich ein paar freie Minuten, klopfte er mit anderen eine Partie. Die älteren Breitbrunner nickten, als sein Neffe Kilian Zettelmeier, Leiter des Gemeindearchivs, am Freitagabend von seinem Onkel berichtet.

Ja, genauso kannten sie ihn. Fast schon schmunzeln mussten einige Männer, als der Archivleiter ein Foto aus dem Schützengraben per Projektion an die Wand warf. Wendelin Zettelmeier saß da im Feldgrau und kartete mit zwei anderen Soldaten irgendwo an der Westfront im Ersten Weltkrieg.
In Jahre langer, akribischer Kleinarbeit hat Kilian Zettelmeier mit seiner Frau Mechthild und einigen Helfern wie

Claudia Schramm das Gemeindearchiv aufgebaut. Am Freitag berichtete er im gut besuchten Gemeindezentrum über seine reichhaltige Sammlung. Die Zeit der beiden Weltkriege und die Zeit dazwischen hatte er sich vorgenommen. Mit dabei waren einzigartige Dokumente, die Breitbrunn betrafen.

Eigene Erfahrungen

Neben Bildern gab es Schriftstücke, denen Zettelmeier durch die Ergänzung mit seinen eigenen Erinnerungen Leben einhauchte. Lebhaft erinnerte er sich noch an die russischen Kriegsgefangenen, die von 1942 bis 1945 vornehmlich in zwei Steinbrüchen um Breitbrunn arbeiten mussten. "Die haben natürlich immer wenig zu Essen bekommen und so hat jeder Steinbruchmitarbeiter, auch mein Vater, einen Russen immer ein bisschen mitversorgt. Die haben ihre Suppe nur zu zwei Drittel leer gegessen und den Behälter weitergereicht. Das musste natürlich heimlich geschehen, denn die Wachen durften das nicht sehen," erläutert er. Auch den Kindern taten die Kriegsgefangenen leid, die er als feine, freundlichen Menschen beschrieb: "Wir sind abends zu ihrer Unterkunft, einem Tanzsaal, geschlichen und haben in ihre Beutel, die sie an Schnüren herunter gelassen haben, Brot gesteckt. Zum Dank schickten sie uns, ebenfalls in den Beuteln, schön geschliffene Ringe, gefertigt aus Patronenhülsen".

Die Vision, die Zettelmeier hat, ist klar: Nie wieder Krieg. Er zeigt das große Bild, das bis vor kurzem in der Pfarrkirche hing und das die Passbilder einer ganzen Reihe von Gefallenen aus der Gemeinde enthält. Jung waren sie, sehr jung, die meisten erst zwischen 19 und 23 Jahren alt.

Seltenes Dokument

Nach dem Zweiten Weltkrieg hat es ein Unbekannter zusammen gestellt und vor kurzem hat es Zettelmeier für das Gemeindearchiv restaurieren lassen. "Es ist ein seltenes Dokument", betonte er. Die meisten anderen Städte und Dörfer haben nur Namenslisten. Auch in Breitbrunn und den Ortsteilen gibt es die in Stein gemeißelten Erinnerungstafeln. Zettelmeier hat sie alle fotografiert und rät zu einem Besuch, damit die Toten eine Mahnung bleiben.

Für seinen gut eineinhalbstündigen Vortrag, der so manches Mal Gänsehaut entstehen ließ, erhielt er viel Applaus. Er berichtete von den vier Flakgeschützen, die die Kugelfischerwerke in Eltmann schützen sollten und 1944 für ein paar Monate aufgebaut waren. Sie haben ihn und die anderen Jungs im Ort, nicht aber die erwachsenen Männer, damals stark beeindruckt. Er hatte ein Buch von seinem Vater aus dem Ersten Weltkrieg dabei, in das er eintrug, als ein anderer Breitbrunner, den er zufällig in Siebenbürgen traf, gefallen war und eine weiteres mit großen Fotos aus dem Ersten Weltkrieg Privatbesitz aus Ebelsbach, das er für diese Ausstellung erhalten hat.

Zeit der Lohntüte

Aus der Zeit der Inflation 1929 gibt es ein Lohntüte mit fünfstelligem Wochenlohn, der Steinbrucharbeiter Adalbert Hofmann wurde etwa zur selben Zeit, unmittelbar nach der Auszahlung des Gehalts für zwei Wochen von seinem Vater zum Einkaufen nach Ebelsbach geschickt. Er bekam dafür gerade mal ein Päckchen Streichhölzer.
Und es gibt 1936/37 einen umfangreichen Schriftverkehr um drei Gemeinderäte, die bei der Prozession mitgelaufen waren und den Himmel getragen hatten, ihnen wurde im Wiederholungsfall strenge Strafmaßnahmen angedroht.
Bürgermeisterin Gertrud Bühl zündete für jeden der 32 Gefallenen des Ersten und der 80 Gefallenen des Zweiten Weltkriegs aus der Gemeinde ein Licht an.

Sie zitierte das bekannte Lied "Sag mir wo die Männer sind, wo sind sie geblieben", das Marlene Dietrich so inbrünstig sang. Sie zog Parallelen zur Zeit vor genau 100 Jahren, auch damals gab es einen rasanten technischen Fortschritt und eine Aufbruchstimmung, die aber dann leider in die Katastrophe mündete.
Für den musikalische Rahmen sorgten Justus Böhm und Ralf Hofmann mit Kontrabass und Klavier.