"Das ist aber sehr unangenehm", sagt Eva-Maria Schwach auf dem Weg über den Haßfurter Wochenmarkt. Die Vorsitzende des Seniorenbeirats Haßfurt geht nicht wie gewohnt flotten Schrittes zum Einkaufen, sondern wird im Rollstuhl geschoben. Und das ist nicht etwa komfortabler als Laufen, wegen des Pflasters wird sie ziemlich durchgeschüttelt. Noch unangenehmer wird es dann auf dem Vorplatz der Stadtpfarrkirche, wo das historische Pflaster liegt.

Den Selbstversuch machte Eva-Maria Schwach anlässlich des Aktionstages "Barrierefreie Stadt", den die Lebenshilfe, die Rummelsberger Diakonie und der Verein "Lebens(t)raum" am gestrigen Freitag in Haßfurt veranstalteten. Trotz regnerischen Wetters stieß der Informationsstand bei allen Altersklassen auf reges Interesse, denn Barrieren sind vielfältig. Auch Mütter mit Kinderwagen können davon ein Lied singen - aber auch Menschen mit kaputten Knien, Bandscheibenvorfällen, oder Beeinträchtigungen der Augen oder der Ohren.
Viel wurde schon erreicht in Haßfurt, das wurde bei den Gesprächen deutlich. Einen Großteil dieses Verdienstes dürfen sich die Aktiven des Seniorenbeirats auf ihre Fahnen schreiben, denn sie sammeln seit Jahren wichtige Anregungen - und finden bei der Stadt auch jederzeit Gehör. Aber dass noch viele Barrieren zu beseitigen sind, erlebte auch Eva-Maria Schwach bei ihrem Rollstuhl-Selbstversuch. Nicht nur, dass Bettina Surkamp von der Lebenshilfe schon ganz schön angestrengt war vom Infostand bis zur Stadtpfarrkirche ("Jetzt stellte man sich vor, die 78-Jährige schiebt ihren 82-jährigen Mann"). Die letzten Meter zum Eingang der Kirche genoss Eva-Maria Schwach den schönen glatten, neuen Plattenweg durch das Pflaster. Doch allein wäre sie dann als Rollstuhlfahrerin nicht weitergekommen, denn die Tür der Pfarrkirche öffnet sich vorschriftsmäßig nach außen. Ohne Automatik ist das die nächste Barriere.

Die Gäste am Infostand lobten das neue Pflaster zwischen Stadthalle und Landratsamt und die Errichtung verschiedener Rampen. Die Hauptkritik wendete sich jedoch gegen das Kopfsteinpflaster und den Haßfurter Bahnhof. Auch viele Linienbusse seien weder Senioren- noch Behinderten- oder Kinderwagengerecht. "Und vom Haßfurter Bahnhof kommt man dann innerhalb Haßfurts nirgends hin", kritisiert eine Frau. "Doch, alle Stunde fährt der Bus nach Hofheim, der hält auch am Krankenhaus. Kostet aber nochmal 1,50", ergänzt eine andere.
Mit geländegängigen Dreirad-Buggis sind Franziska, Jonas und ihre Mütter unterwegs. "Mit den großen Rädern kommen wir eigentlich fast überall zurecht", freuen sich die Mütter.

Ein ganz anderer Aspekt wird gerade nebenan diskutiert: die Gastronomie. "Nach einer Veranstaltung in der Stadthalle kriegst Du hier quasi nix mehr", sagt ein älteres Ehepaar. Barrierefreiheit ist ein breites Thema. Auch Induktionsschleifen für Schwerhörige in Veranstaltungsräumen, Flyer in einfacher Sprache, Untertitel oder Blindenschrift gehören dazu.

Auf einem großen Banner sollen die Passanten die Barrierefreiheit Haßfurts bewerten. Je nach Gesundheitszustand des Bewertenden kann sich da die Perspektive deutlich verändern. Das Ergebnis am späten Vormittag: die Stadt ist auf einem guten Weg. Allerdings kann die Stadt auch nicht alles beeinflussen: den Bahnhof beispielsweise. Auf jeden Fall haben die Organisatorinnen mit ihrer Aktion sensibilisiert für ein Thema, das manchmal nur ganz kleine Maßnahmen erfordert. Die Anregungen, die während des Aktionstages gesammelt wurden, werden sie natürlich weitergeben an den Seniorenbeirat und die Stadt - und an die Bahn.