Viele Menschen haben eine diffuse Angst vor der Vollnarkose. Michael Rohrbach ist aus seiner 30-jährigen Berufspraxis heraus der Überzeugung, dass diese Angst zu einem großen Teil durch Aufklärung beseitigt werden kann und deshalb referierte der Chef der Anästhesie und Intensivmedizin an den Haßberg-Kliniken im Gesundheitsforum des VdK Haßberge zum Thema "Wie hoch ist das Risiko einer Vollnarkose einzuschätzen?"

Zu schlafen, nicht zu wissen, was während dieser Zeit passiert - das sei sicherlich einer der Gründe für die Vorbehalte, erklärte Rohrbach. Dazu kämen oft Fehlinformationen. Eine Patientenumfrage in Bad Neustadt ergab, dass die Patienten eine ganz falsche Vorstellung von der Arbeit und der Zuständigkeit des Anästhesisten haben, der ja neben der Narkose für die Schmerztherapie zuständig ist. "Der Anästhesist ist beim Patienten, bis dieser aufwacht, in Deutschland werden nicht mehrere Patienten parallel betreut", erklärte er.


Folgen der Operation

Der Patient schläft ein, wacht auf und hat Beschwerden. "Oftmals vergisst er dabei, dass er ja auch eine Operation hatte und bezieht alle Folgeerscheinungen auf die Narkose", analysierte Rohrbach das Empfinden vieler Patienten. Die verschiedenen Narkosemittel seien in den vergangenen Jahren deutlich verbessert worden, der Tiefschlaf könne sehr genau gesteuert werden, auch die Nebenwirkungen seien reduziert worden.

Dennoch komme es oft zu Übelkeit - die kann aber auch durch die Operation bedingt sein, wenn diese im Bauchraum stattfand. Auch Schmerzmittel lösen oftmals Übelkeit aus.


Auswirkungen auf das Gehirn?

Die Frage, ob die Narkose grundsätzlich negative Auswirkungen auf das Gehirn haben kann, verneinte Rohrbach kategorisch. Allerdings gebe es das postoperative Delir, das Patienten nach dem Aufwachen für Stunden oder Tage verwirrt oder aggressiv erscheinen lässt. Das hänge aber nicht ausschließlich mit der Narkose, sondern auch mit der Operation zusammen, etwa wenn die Körperflüssigkeiten ins Ungleichgewicht kommen, oder bei langen Operationen der Körper sehr stark auskühlt. Bis zu einem halben Jahr können Patienten solche Auswirkungen spüren, etwa auch motorische Beeinträchtigung.

"Auch eine vorher schon latent vorhandene Demenz kann nah einer Operation stärker erscheinen", erklärte der erfahrene Anästhesist. Das habe aber weniger mit der Narkose als mit der Fülle an Eindrücken zu tun: neue Umgebung, Schmerzen nach der Operation, vielleicht ein Sturz-Trauma. "Das kann das Gehirn dann nicht mehr alles kompensieren. Patienten, die Antidepressiva oder Schlafmittel einnehmen, müssten mit mehr postoperativen Beschwerden rechnen. Auch könne man in der Intensivmedizin nicht immer auf Medikamente verzichten, die ebenfalls verwirren können. Das alles sei aber nicht auf die Narkose zurückzuführen.


Punktion nicht immer besser

Eine Zeitlang sei angenommen worden, die Folgeerscheinungen wären bei einer Spinal-Anästhesie, also einer örtlichen Betäubung über das Hirnwasser in der Wirbelsäule, geringer. Rohrbach erklärte, dass diese Punktion nicht im Bereich den Rückenmarks erfolgt. Weniger Nebenwirkungen oder geringere Belastungen für den Organismus hätten Studien aber nicht nachgewiesen. Diese Art der Narkose greift ohnehin nur bei Eingriffen im unteren Körperbereich. "Für Knie geht das gut, aber die lange Unbeweglichkeit anschließend ist nicht gut", erklärte der Arzt. Mancher Zuhörer fragte sich, ob er die Geräusche während einer Hüft- oder Knie-OP hören möchte.

Rohrbach erklärte dass die Sicherheitsstandards gerade in der Anästhesie extrem hoch seien. "Wir haben schon sehr früh in der Ausbildung auch mit Simulatoren gearbeitet, außerdem sind wir die Fakultät, die am stärksten auf Teamarbeit setzt", erklärte er. An den Haßberg-Kliniken habe der größte Teil der Pflegekräfte die einjährige Zusatz-Ausbildung als Anästhesie-Pfleger.