Dass der Bestohlene, ein 82-jähriger früherer Landwirt, das ihm geklaute Holz auf dem Lagerplatz des Angeklagten (72 Jahre) wiedererkannt hatte, daran hatte das Gericht keinen Zweifel. Unklar blieb dagegen, wer zu welchem Zeitpunkt auf welche Weise den Holzfrevel begangen hat. Die widersprüchlichen Zeugenaussagen in diesem Indizienprozess am Amtsgericht in Haßfurt abwägend, fällte die Amtsrichterin Ilona Conver einen sogenannten "Freispruch zweiter Klasse". Das bedeutet, dass einerseits die Unschuld des Mannes nicht nachgewiesen werden konnte, andererseits aber blieben Zweifel an der Schuld, die ebenfalls nicht ausgeräumt werden konnten. In dieser Situation entschied die Strafrichterin nach dem Grundsatz: Im Zweifel für den Angeklagten.

Der Diebstahl trug sich vor knapp einem Jahr im Bereich des Altlandkreises Ebern zu. In dem kleinen Dorf wird traditionell mit dem nachwachsenden Rohstoff geheizt. Man kann nicht genau sagen, wann die drei Ster Hainbuche gestohlen wurden, aber es lässt sich eingrenzen: Der Dieb muss in dem Zeitraum zugeschlagen haben, der zwischen dem Aufsetzen der Holzscheite und der Wahrnehmung der "Lücke" in einem großen Holzstapel liegt. Mithin in der Zeitspanne zwischen dem 25. November und dem 25. Dezember 2013.

Ein heißer Tipp

"Warum machst du bloß sowas?", wandte sich der rüstige Bestohlene im Zeugenstand direkt an den Angeklagten. Empört und kopfschüttelnd erzählte er, dass er etwa 14 Tage vor den letztjährigen Weihnachtsfeiertagen den Beschuldigten in etwa 80 Metern Entfernung auf dessen Traktor gesehen habe. Erst später, als der Diebstahl bemerkt wurde, ging ihm ein Licht auf. Das Opfer ist felsenfest davon überzeugt, damals von weitem den Dieb quasi in flagranti gesehen zu haben.

Nach einem heißen Tipp aus der Nachbarschaft inspizierte der 82-Jährige zusammen mit seinem Neffen (43) den Holzlagerplatz des vermeintlichen Holzfrevlers. Und tatsächlich, etwas versteckt hinter drei großen Silageballen fanden sie das Diebesgut. Sie identifizierten es anhand der Nummerierung sowie der eher seltenen Holzart.

Hainbuchenholz, so erklärten die Bestohlenen vor Gericht, gebe es in nennenswertem Umfang nur in ihrem eigenen Wald. In dem Waldstück des Angeklagten dagegen finde sich kaum ein derartiger Baum.

Reifenspuren

Der Sohn des nicht vorbestraften Angeklagten versuchte, diese Vorwürfe mit dem Argument zu entkräften, dass es sich bei dem Heizmaterial um gekauftes Holz von der Waldgenossenschaft gehandelt habe. Zudem habe er unverzüglich nach Bekanntwerden der Anschuldigungen gegen seinen Vater Fotos von den Reifenspuren am Tatort gemacht. Er präsentierte diese Aufnahmen dem Gericht und legte dar, dass die dokumentierten Reifenprofile völlig anders seien als die Reifenabdrücke des Traktors, mit dem sein Vater unterwegs ist.

Für die Staatsanwaltschaft forderte Ilker Özalp eine Geldstrafe von 30 Tagessätzen á 20 Euro, weil er die Tat für erwiesen hielt. Letztendlich setzte sich aber die Auffassung der Verteidigerin Kerstin Rieger durch, die auf Freispruch plädiert hatte.

In ihrer Urteilsbegründung für den Freispruch des Mannes sprach Ilona Conver davon, dass in der Dorfgemeinschaft "Unfrieden schwelt." Ob der Staatsanwalt gegen das Urteil Berufung einlegt, blieb offen.