Mut vor Verstand

Mir wurde freundlich und geduldig erklärt, das Casting sei in Hallstadt und man wolle von mir nur ein paar professionelle Bilder für die Sedcard. Der Mann klang schon kompetent und weil mein Mut meinen Argwohn überholte, sagte ich spontan zu. Sicherheitshalber habe ich dann gleich eine Freundin eingeladen, so als emotionale Stütze, kann man ja immer brauchen.Also haben wir uns beide aufgebrezelt und sind hin. Viele Zuschauer, viele Menschen mit Nummern am Revers. Die Leute vom Castingteam hatten Gott sei Dank alle T-Shirts mit dem Agentur-Logo an, sonst hätte man die im Gewusel gar nicht ausmachen können. Aus einiger Entfernung haben wir beide das Geschehen erst einmal misstrauisch beäugt. Tänzer, Sänger, Moderatoren, volles Programm und einige echt gut. Die standen vor dem Mikro, als würden sie das jeden Tag machen.  Da hat sich mein Pulsschlag doch gleich mal verdoppelt, denn nun war ich schon mal da, also wollte ich mich auch anmelden. War immer noch auf dem Trip, dass die ja nur Fotos machen.


Ein Anfall von Größenwahn

Einer drückt mir schließlich einen Anmeldebogen in die Hand und schmeißt gleich hinterher, dass es sinnvoll wäre, mich ebenfalls mal probehalber hinters Mikro zu stellen. „Oh, oh“, dachte ich, „war ja klar, dass die Sache einen Haken hat.“ Weil meine Freundin gleich so hämisch grinste, habe ich ihr ebenfalls einen Anmeldebogen verpasst, Strafe muss sein. Klar war da auch die Frage, für welche Kategorie man sich denn eigentlich bewerben wolle: Tanz, Gesang, Schauspiel, Moderation etc. Vorsichtshalber habe ich erst einmal „Sonstiges“ angekreuzt, was immer das auch bedeuten sollte.  Hab dann aber in einem Anfall von Größenwahn noch Schauspiel hinzugefügt und ehe ich über die Konsequenzen nachdenken konnte, hatte mich der Fotograf schon an Leine. Das war der einfache Teil. Kurze Zeit später fand ich mich tatsächlich hinter dem Mikro wieder und die leichte Aufwärmübung mit Namen und Beruf hab ich schnell hinter mich gebracht. Dann kam die Schicksalsfrage, ob ich denn schon mal auf einer Bühne gestanden hätte.

Wenn man die Klappe nicht halten kann

Tja, dann überholt sie einfach den Verstand. Ich bejahte. Habe ja tatsächlich ein paar Jahre in der Bütt gestanden. Das war eine Steilvorlage, zumindest für den Moderator. „Na dann legen Sie mal los“, forderte er mich frech auf. „Wie jetzt?“, dachte ich, „will der jetzt allen Ernstes eine Büttenrede aus dem Stegreif?“ Überraschung! Genau das wollte er nämlich. Autsch. Also dachte ich: „Löffler, mach die Tür zu deinem Gehirn auf, da findest du vielleicht ein paar brauchbar Sätze.“ Gehirn? Welches Gehirn? Hilfe! Und plötzlich sprudelte alles nur so aus mir heraus, in feinstem fränkischen Dialekt, von dem er nicht mal die Hälfte verstand. Da hatte das Publikum schon eher einem Heimvorteil. Vielleicht hätte man dem Team ja einen Übersetzer mitgeben sollen? Als ich fertig war und dachte, der hätte jetzt genug Material im Kasten, grinste er schadenfroh und ließ mich eine Rolle am Telefon spielen. Und die gleich zweimal. Mal weinerlich, mal resolut. Und das alles in reinstem Hochdeutsch. War das vielleicht die Retourkutsche für meine fränkische Einlage? Ich schwöre, der hat echt den letzten Rest Kreativität und Spontanität aus mir rausgepresst. Hat aber wirklich Spaß gemacht und manchmal ist es gar nicht so schlecht, wenn man einfach mal ins kalte Wasser springt. Jetzt bin ich gespannt, was bei der ganzen Sache unter dem Strich herauskommt. Wenn nichts daraus wird, bleibt es immer noch eine tolle Erfahrung.