Schon im September des Vorjahres begann im Rahmen des Projektseminars „Alpenüberquerung“ am Maria-Ward-Gymnasium in Bamberg die Vorbereitungsphase für die anstehende Alpenüberquerung, sowohl in organisatorischer als auch physischer Hinsicht. Oberste Priorität hatte bei der Planung anfangs das Festlegen der Route sowie das Buchen der Hütten. Einen wesentlich größeren Zeitfaktor stellte natürlich die physische Vorbereitung dar, zumal das von den Schülerinnen bewusst gewählte P-Seminar Sport als Leitfach hat. Das Training erfolgte daher zum Beispiel in Form einer neunstündigen Probewanderung in der fränkischen Schweiz, abwechslungsreichen Ausdauereinheiten innerhalb des Seminars sowie Trainingseinheiten zu Hause. Da gute Erste-Hilfe-Kenntnisse für eine derartige Tour fast schon obligatorisch sind, durfte natürlich auch ein Erste-Hilfe-Kurs für die Teilnehmerinnen bei der Planung nicht unberücksichtigt bleiben.
 
Und so konnte das P-Seminar am 16. Juli 2016 natürlich top vorbereitet und motiviert die erste der insgesamt sieben Etappen auf sich nehmen. Startpunkt war wie bei einer Alpenüberquerung auf dem Europäischen Fernwanderweg E5 üblich, auch hier Oberstdorf, beziehungsweise Spielmannsau. Von dort aus folgte, nach der langen Anreise am Vormittag nachmittags mit insgesamt drei Stunden nur ein relativ kurzer Aufstieg zur ersten Hütte, der Kemptner Hütte. Zum Einlaufen mit mehr als zehn Kilo auf dem Rücken war diese Etappe sehr gut geeignet. Auch das Hüttenleben musste für einige der Alpenüberquererinnen erst geübt werden und war anfangs etwas gewöhnungsbedürftig, was sich bei vielen an einer schlaflosen ersten Nacht zeigte. Mit der Zeit wurden die teilweise sehr geselligen Hüttenübernachtungen in den Lagern, das fremde Schnarchen, das oftmals trotz Duschmarke kalte Wasser in den Duschen, der fehlende Handyempfang auf den Hütten, das Suchen von Steckdosen und das Gedränge in den Speiseräumen zur Routine und die Schülerinnen konnten schließlich sogar, man glaubt es kaum, Spaß daran gewinnen.

Auch das Wandern mit den oftmals nicht enden wollenden Auf- und Abstiegen und der brütenden Hitze wurde irgendwann zur Gewohnheit. Schon auf der zweiten Etappe hatte man sich an den Rucksack gewöhnt und deutlich gemerkt, dass das gesamte Team auf den Wegen über, beziehungsweise durch Bäche, Schnee und Geröllfelder zunehmend trittsicher geworden ist und sich von Etappe zu Etappe einer positiven Entwicklung unterzieht. Die Motivation hingegen geriet vor allem auf der zwölfstündigen, zweiten Etappe mal mehr, mal weniger ins Schwanken. Als dann auf dem letzten nicht endend wollenden Aufstieg zur Memminger Hütte auch noch die Trinkwasserreserven ausgingen, war die Motivation endgültig im Keller. Doch spätestens nach einer Dusche und einem warmen Abendessen waren die Anstrengungen des Tages in den meisten Fällen schon fast wieder vergessen und beim abendlichen Zusammensitzen mit all den anderen Wanderern auf den Hütten überwiegte schließlich immer wieder der Stolz, die auch als noch so schlimm empfundenen Etappen gemeistert zu haben.

Der dritte Tag toppte mit dem längsten Abstieg der gesamten Alpenüberquerung im Vergleich zum schon als extrem anstrengend empfundenen Vortrag noch einmal alles. 1.900 m ging es meist über Geröll in brütender Hitze abwärts ins Inntal nach Zams und genauso wie an der Etappe zuvor wollte auch diese nicht enden und schien sich endlos zu ziehen. Spätestens nach diesen heftigen acht Stunden war kaum einer mehr unversehrt geblieben, denn über den Tag hinweg hatten sich Blasen gebildet und die Schultern waren von der Sonne verbrannt und vom Rucksack aufgerieben. Vielleicht war es der Gedanke, fortan nicht mehr auf dem E5 unterwegs zu sein und somit dessen langen und überlaufenen Etappen zu entkommen, der allen auch für die vierte Etappe wieder die nötige Kraft gab. Vielleicht war es auch der starke Gruppenzusammenhalt und das ständige gegenseitige Aufbauen, das neue Motivation verschaffte. Wie auch immer, auf jeden Fall blieb die vierte Etappe zur Siegerlandhütte bei allen in überaus positiven Erinnerungen verankert. Einen großen Teil trug die ruhige Hütte abseits des E5 mit den freundlichen Hüttenwirten dazu bei. Zum ersten Mal hatte man das Gefühl wirklich willkommen und nach wahrhaftigen drei Nächten endlich richtig in den Alpen angekommen zu sein.

Die fünfte Etappe zur Schneeberg Hütte führte die Gruppe dann endlich nach Italien. Am Etappenziel angekommen, war sogar noch Zeit für eine zweistündige Führung durch das Bergwerk am Schneeberg und die Nacht durfte in drei Zimmern mit normalen Betten und Zudecken verbracht werden, nach vier Nächten im Hüttenschlafsack und DAV-Decken natürlich ein kaum zu glaubender Luxus. Nach zwei Etappen auf wunderschönen einsamen Wanderwegen durch eine ursprüngliche Bergwelt führte die sechste Etappe wieder zum Einzugsbereich des E5. Außerdem näherte man sich der Touristenstadt Meran, wodurch auf man wieder auf Ansammlungen von Wanderern und Mountainbikern stieß. Nach einer Nacht auf der Hirzer Hütte war die Frage nach der Motivation am Morgen der letzten Etappe endgültig kein Thema mehr. Nachdem der allerletzte Aufstieg überwunden war und die Gruppe in Meran 2000 eingetroffen war, wurde der restliche Weg zum Kinderspiel. Die auf den zuvorigen Etappen oftmals verstummten Gespräche stellten sich wieder ein und die Freude auf das zu Hause mit einem eigenen Bad und Zimmer wurde immer größer. Nur noch eine Nacht trennte die Schülerinnen und Lehrerinnen von der Heimfahrt. Diese wurde auf der Meraner Hütte verbracht, ebenfalls wieder in 3 Zimmern. Am Morgen des 23. Juli 2016 ging es dann mit dem Bus nach Meran und nach ein paar Sunden in der Zivilisation ging’s dann zurück nach Bamberg.
 
Abschließend lässt sich das Projekt wirklich als sehr gelungen bezeichnen. Alle Teilnehmer haben die Alpen überquert und noch viel wichtiger, es gab abgesehen von ein paar Blasen und Sonnenbränden keine Situation, in der Erste-Hilfe geleistet werden musste. Natürlich waren vor allem die ersten Etappen auf dem überlaufenden E5 von der Frage „Warum mach ich das überhaupt?“ geprägt, aber im Nachhinein ist jeder stolz, die Alpen überquert zu haben. Man hat innerhalb der 5202 Höhenmetern rauf und 5136 Höhenmetern runter derart viel Neues gelernt, die eigenen Grenzen ausgetestet, Lebenserfahrungen gesammelt, den inneren Schweinehund überwunden und das eigene Durchhaltevermögen immer wieder auf die Probe gestellt.
 
Nächstes Jahr werden erst einmal nicht die Gipfel der Alpen, sondern viel mehr die Hürden des Abiturs zu meistern sein. Aber sicherlich hat die eine oder andere auf der Alpenüberquerung die Schönheit der Alpen erkannt und wird vielleicht direkt nach dem Abitur oder später noch einmal mit dem Rucksack in die Berge ziehen.

Yvonne Kaiser