Die Kräfteverhältnisse im Europäischen Parlament verschieben sich. Zwar bleibt zumindest hierzulande der von vielen befürchtete Rechtsruck aus. Das liegt zum einen daran, dass die CSU anders als ihre Schwesterpartei stabil bleibt und sogar minimal zulegen kann. Von einem "Aufwärtstrend" spricht Parteichef Markus Söder, der sich mittlerweile freuen muss, nicht unter die 40 Prozent-Marke zu rutschen.

Als die großen Verlierer gehen die Sozialdemokraten aus dem Rennen um Sitze im Europäischen Parlament. Nicht einmal jeder zehnte Bayer schenkte der SPD sein Vertrauen. Außer in Franken (Bestwert Wunsiedel: 15,4 Prozent) bleibt die einstige Volkspartei im einstelligen Prozentbereich.

"Das Ergebnis der Europawahl ist eine weitere schwere Niederlage. Sie muss sichtbare Konsequenzen haben. Die SPD wollte die GroKo nicht; jetzt gibt es einen weiteren Grund, dagegen zu sein", sagt der mittelfränkische SPD-Bezirksvorsitzende Carsten Träger und zeigt klare Kante in Richtung Berlin. Vor fünf Jahren gab es drei Städte, in denen die SPD statt der CSU stärkste Kraft waren (Nürnberg, Erlangen, Fürth). Das ist vorbei. Einzig die Grünen schafften es in Erlangen, München und Würzburg (letztere mit mehr als 31 Prozent), besser als die Christsozialen abzuschneiden. Aus Rot wird Grün. Vor allem die jungen Wähler strafen die alten Volksparteien ab.

Bei den unter 25-Jährigen wählten deutlich mehr Grün als CSU und SPD zusammen.

Die Freien Wähler können sich auch in Franken über Zuwächse freuen und erreichten wie im bayernweiten Schnitt knapp 5,3 Prozent der Stimmen. Die Linke spielt in Bayern traditionell nur ein kleine Rolle; das zeigt auch die Europawahl. Nur in Fürth und Nürnberg kratzte sie an Fünf-Prozent-Marke, ansonsten blieb sie in der Regel unter drei Prozent.

AfD wächst weniger als erwartet

Die AfD hat ihre selbst gesetzten Ziele im Freistaat nicht erreicht. Sie legte nur 0,4 Prozent im Vergleich zur letzten Europawahl zu. In Franken schnitten sie am stärksten in den Städten Hof und Schweinfurt sowie im Landkreis Bamberg ab. Warum die Rechtspopulisten vor allem dort so stark waren (11,3 Prozent), konnte der Bamberger Landrat Johann Kalb auch nicht beantworten. Auf Anfrage schreibt er lediglich: "Ein Zehntel der Wähler finden sich in den Volksparteien nicht wieder. Daran müssen alle Parteien arbeiten."

Höhere Wahlbeteiligung

Dass der Erfolg extremer Kräfte nicht so groß ist, liegt laut der Bamberger Politikwissenschaftlerin Ariadna Ripoll unter anderem an der hohen Wahlbeteiligung. Denn die war so hoch wie seit Jahren nicht. 60,9 Prozent der Franken folgten dem Ruf an die Urnen, so viel wie seit 20 Jahren nicht. "Die Angst vor (Rechts)-Populismus hat viele Leute mobilisiert", so Ripoll.

Kommentar vom Autor (Stephan Großmann): Bringt Quartett mehr Einfluss?

Ihr lautstark vorgetragener Kurs in Richtung einer starken und stabilen Europäischen Union hat den Grünen einen großen Wahlerfolg beschert. Von Erlangen aus wird Franken künftig mit Pierrette Herzberger-Fofana sogar mit grüner Stimme in Straßburg und Brüssel sprechen. Doch zu welchem Preis? So sehr wie die Grünen von der aktuellen Klimaschutzdebatte und dem Wählerplus bei jungen Leuten profitieren, so rasant rutscht die SPD wenig überraschend weiter ab in Richtung Bedeutungslosigkeit. Die Bundesregierung in Berlin ist nun gut beraten, nicht erst die drei Landtagswahlen im Herbst abzuwarten, um Konsequenzen zu ziehen.

Für Franken zeichnet sich auf den ersten Blick ein positives Bild. Künftig wird es vier statt bisher drei Regionalvertreter im EU-Parlament geben. Jede Stimme mehr, die Acht auf unsere Region legt, ist gut. Die hat alleine wegen zahlreicher wirtschaftlicher Beziehungen und der Landwirtschaft viel von der EU zu erwarten - oder zu verlieren. Mit dem Einzug einer zweiten CSU-Abgeordneten sowie einer AfD-Politikerin und dem gleichzeitigen Ausscheiden von Linke und SPD wird sich das regionale Profil in Brüssel und Straßburg konservativer entwickeln. Es bleibt zu hoffen, dass dies der wieder aufkeimenden Lust auf ein buntes Europa nicht den Wind aus den Segeln nimmt.