"Ich habe mit meiner anderen Band schon mal vier Songs über Mordfälle gemacht", sagt Simon Michael, "und ich fand das irgendwie inspirierend." Der gebürtige Forchheimer hatte dann die Idee, für die bekannten Mittelalter-Rocker von Subway to Sally ein ganzes Album zu schreiben, das sich thematisch mit Kriminalfällen beschäftigen sollte. Die Idee kam gut an - und wurde in seinem Studio in Ebermannstadt umgesetzt.



Simon Michael, seit 2005 Schlagzeuger für den "Bundesvision Song Contest"-Gewinner und auf dem Album-Cover zu "Mitgift" als Mördersilhoutte zu erkennen, begann daraufhin, Bücher wie "Das große Verbrecher-Lexikon" zu wälzen. "Einmal habe ich eines dieser Bücher im Fitness-Studio am Tresen liegen lassen", erzählt der 29-Jährige und lacht, "da waren schon überall Fähnchen reingeklebt bei Fällen, die ich besonders gruselig oder interessant fand. Als ich dann nach dem Training wieder kam, um mir das Buch zu holen, hat mich die Frau am Tresen mit großen Augen angestarrt und mir das Buch mit zittrigen Händen wieder gegeben."

Kunst, kein Voyeurismus
Nach seiner Recherche wählte Simon Michael die Kriminalfälle aus, die er am inspirierendsten fand. "Dabei haben wir zwei Dinge ausgeschlossen: Fälle, die erst in jüngster Vergangenheit passiert sind, und Verbrechen an Kindern", erklärt der Musiker. Die Band wollte nämlich mit den Songs die Verbrechen künstlerisch aufarbeiten, ohne dabei voyeuristisch zu werden.

Dabei hatte die Band Unterstützung der etwas ungewöhnlichen Art: Von der Kriminalpsychologin Lydia Benecke. Die 31-Jährige mochte schon immer die Musik von Subway to Sally und kannte Simon aus der Grufti-Szene. "Ich mochte seine Musik, er interessierte sich für meine Arbeit, so kam dann eines zum anderen." Über die Fälle, die Simon ausgesucht hat, haben sich er und Lydia Benecke dann gemeinsam Gedanken gemacht. Haben versucht, die Logik hinter dem Verbrechen zu erklären.

Wie etwa im Fall des Carl von Cosel, der für "Schwarze Seide" Modell stand. Der deutschstämmige Arzt heiratete 1930 die 34 Jahre jüngere und todkranke Elena. Wenige Wochen nach der Hochzeit verstarb die junge Frau, Cosel konservierte den Leichnam, zog ihr das Brautkleid an und lebte neun Jahre lang mit der Leiche zusammen. Cosel hatte in dieser Zeit auch Sex mit dem Körper seiner Frau.

Ein Fall, den die meisten wohl als abstoßend empfinden - zu abstoßend, um einen Song daraus zu machen? Für Benecke ist Cosel noch der menschlichste unter all den Tätern, deren Taten Einzug in das Album gefunden haben: "Er hat niemanden getötet. Nekrophilie, die Liebe zu toten Menschen, gibt es in verschiedenen Abstufungen - von Menschen, die sich nur als Zaungäste auf Beerdigungen einschleichen, bis hin zu Menschen, die gezielt töten, um sich an den Leichen zu vergehen."

Die ideale Frau für Cosel
Die Psychologin vermutet, dass sich Cosel wohl gezielt eine Frau gesucht habe, die bald sterben wird. Nekrophile haben Angst vor echten Beziehungen zu lebenden Menschen, das trauen sie sich nicht zu. Einen Toten könnten sie aber ganz und gar besitzen. "Elena war wahrscheinlich die ideale Frau für Cosel, weil sie eine unsterbliche Partnerin war, die ihn nie verlassen würde", erklärt Benecke.

Nur: Hätte man sich solche Geschichten nicht einfach auch ausdenken können? "Der Grusel-Faktor ist viel höher, wenn ein echter Fall dahintersteckt", weiß Simon Michael. "So bleibt auch der Song nicht fiktiv, sondern wird für den Hörer viel erlebbarer, wenn er weiß, dass da ein echter Fall dahinter steckt."

Erlebbar sind die Songs des Albums auf jeden Fall - schließlich ist Sänger Eric Fish nicht immer nur der unbeteiligte Beobachter, sondern schlüpft auch mal in die Rolle des Täters. "Das ging bei ihm richtig an die Substanz", erinnert sich der Schlagzeuger, "schließlich war er an der Entstehung der Songs nicht beteiligt, konnte sich also nicht kreativ damit auseinandersetzen, musste dann aber die Rolle des Täters einnehmen. Eric kam da erstmal gar nicht mehr aus diesem Film raus."

Platz 5 in den deutschen Charts
Kein Wunder, schließlich ist der Hintergrund der Texte ziemlich harte Kost - es geht um Massenmord, Eifersuchtstaten, Entführung und grausame Verstümmelung. Trotzdem - oder gerade deswegen? - stößt das Album bei den Fans auf große Resonanz, stiegt auf Platz 5 in die deutschen Charts ein. "Das ist jetzt unser zwölftes Studioalbum, und viele Fans sagen, es sei unser Bestes", erzählt Simon Michael stolz. Nur eines ist bei "Mitgift" anders: "Sonst haben wir von Fans oft gehört, dass sie sich in unseren Texten wieder gefunden haben, das war jetzt nicht der Fall. Zum Glück!"

"Kunst muss nicht immer schön sein, Kunst darf auch mal erschrecken, aufrütteln und weh tun", sagt Simon Michael. Dieses Ziel haben Subway to Sally mit "Mitgift" erreicht. Der Titel ist übrigens ein Wortspiel: Einerseits ist die CD ein Geschenk an die Fans, andererseits eine Anspielung auf ihren mörderischen Inhalt - mit Gift eben.

Was macht die Faszination solch grausamer Taten aus? "Wenn ein schreckliches Verbrechen geschieht, wollen sich die Menschen den Täter immer als Monster vorstellen", erklärt die Kriminalpsychologin, "sie wollen nicht glauben, dass so jemand trotzdem ein normales Leben führt, ohne dass es etwa den Nachbarn auffällt." Dabei tue jeder Mensch gute und schlechte Taten - und niemand, der etwa fremdgeht oder Steuern hinterzieht, würde sich selbst als Monster sehen, so Benecke. "Bei Kapitalverbrechern ist da nur die Kluft zwischen dem guten und dem bösen Teil größer." Und genau das ist es wohl, was die Faszination des Verbrechens ausmacht.