Behutsam setzt der Künstler Gunter Demnig den im hellen Sonnenlicht glänzenden Gedenkstein in die Lücke im Gehweg in der Nürnberger Straße 2. Die goldenen Stolpersteine erinnern an einen grausamen Teil der Stadtgeschichte.

 

Hier, mitten in Forchheim, wohnten Julius Moritz Prager und seine Schwester Sera. Die beiden wachsen gemeinsam mit ihren drei Geschwistern in der Königsstadt auf, sie kennen jede Gasse und sprechen den fränkischen Dialekt. Er ist 1888 geboren, sie sieben Jahre später.

Forchheimer Juden ahnten nicht, was ihnen bevor stand

Julius Moritz zieht für Deutschland in den Krieg, verliert sogar ein Bein und wird mit dem Eisernen Kreuz ausgezeichnet. Sera, die jüngste Tochter der Pragers, verlässt zunächst Forchheim, kehrt wieder in ihre Heimatstadt zurück und lebt mit ihren Geschwistern. Sie ahnten nicht, was ihnen bevor stand: Am 23. März 1942 holen die Nazis die beiden Forchheimer Juden ab und deportieren sie in das polnische Izbica. Julius Moritz und Sera überlebten die NS-Zeit nicht. Ihre Todesumstände sind ungeklärt, die Nationalsozialisten haben sie ermordet.

Zwei weiß gekleidete Schülerinnen des Herder-Gymnasiums tragen das grausame Schicksal des jüdischen Geschwisterpaares vor. Währenddessen fixiert der Kölner Künstler Demnig die zwei Stolpersteine fest im Boden. Der Kölner Künstler, der die Idee des dezentralen Mahnmals ins Leben rief, hat im Februar 2018 die ersten vier Steine in Forchheim verlegt.

Am Donnerstag kamen vier neue hinzu. Neben den Stolpersteinen in der Nürnberger Straße erinnern in der Hornschuchallee 4 zwei Steine an die Forchheimerinnen Sofie Kotz (geboren 1860) und Rosa Tiesler (1875). Die vielen Besucher und Schüler lauschen andächtig den Lebensgeschichten der Forchheimer Juden. Das Orchester des Herdergymnasiums spielt ein jüdisches Klezmer-Stück. Pfarrer Martin Emge spricht segnende Worte.

Die goldenen Stolpersteine sollen zeigen, dass es sich um Menschen aus der Mitte der Forchheimer Gesellschaft handelte. Die Schulleiterin des Herder-Gymnasiums, Ingrid Käfferlein, erzählte, wie ein Schüler die Idee erklärte: "Man soll nicht im wörtlichen Sinne stolpern oder gar hinfallen, man soll mit dem Kopf und mit dem Herzen stolpern." Die Schülerinnen und Schüler wollen die Stolpersteine in Zukunft pflegen und reinigen - und so die Erinnerung an die deportierten Forchheimer Juden am Leben halten.

An diese vier Forchheimer erinnern die neuen Stolpersteine:

Recherche: Rolf Kießling, Dr. Thomas Greif, Johannes Freund

Julius Moritz Prager

1895 wird er als fünftes Kind der Eheleute Jakob und Klara Prager in Forchheim in der Fuchsenstraße 4 geboren. Er besucht die katholische Knabenschule in Forchheim. Vermutlich absolviert er eine kaufmännische Ausbildung.

1915 J.M. Prager wird im 1. Weltkrieg an der Westfront eingesetzt und 1917 mit dem Eisernen Kreuz der ll. Klasse ausgezeichnet. Schwerverletzt kehrt er aus dem Krieg zurück und versucht, sich eine neue Existenz aufzubauen.

1922 eröffnet er zusammen mit seiner Schwester lda ein Schuhgeschäft im Haus am Paradeplatz 13. Zur Miete wohnen beide in der Nürnberger Straße 2.

1933 erfolgt der Aufruf der örtlichen Nationalsozialisten, jüdische Geschäfte zu boykottieren.

1938 Er wird in der Reichspogromnacht vom 9. auf den 10. November verhaftet und muss als beinamputierter Kriegsinvalide den Weg zur Polizeiwache zu Fuß zurücklegen. Am nächsten Tag wird er mit anderen jüdischen Mitbürgern gezwungen, den Trümmerschutt der zwischenzeitlich gesprengten Synagoge in der Wiesentstraße auf einen Wagen aufzuladen.

1940 J.M. Prager wird gezwungen, seine Wohnung in der Klosterstraße aufzugeben und zusammen mit seiner jüngeren Schwester Sera in das sog. Judenhaus am Paradeplatz 4 zu ziehen.

1942 Zusammen mit seiner Schwester Sera wird er am 23. März nach Izbica (Polen) deportiert. Das dortige Ghetto war Durchgangsstation zu den Vernichtungslagern Belzec und Sobibor. Die Todesumstände der beiden sind unklar.

Sera Rosenbaum, geb. Prager

1888 wird sie als jüngste Tochter der fünf Kinder der Eheleute Jakob und Klara Prager geboren.

1909 verlässt sie Forchheim und hält sich in Frankfurt und Nürnberg auf, wo sie vermutlich als Haushaltshilfe tätig war.

1911 heiratet sie den Kaufmann Benno Rosenbaum und zieht mit ihm nach Nürnberg. Die Ehe bleibt kinderlos.

1933 auf einer Geschäftsreise verunglückt ihr Ehemann unter tragischen Umständen und verstirbt.

1934 nach dem Tode ihres Mannes kehrt Sera Rosenbaum zurück in ihre Heimatstadt Forchheim und lebt mit ihren Geschwistern lda und Julius Moritz Prager zunächst in der Nürnberger Straße 2.

1935 ziehen die Geschwister Prager in die Klosterstraße 16.

1940 zusammen mit ihrem Bruder wird sie gezwungen, in das Haus am Paradeplatz 4 umzuziehen. Die ältere Schwester lda ist zwischenzeitlich verstorben.

1942 wird sie nach lzbica/Polen deportiert. Das dortige Ghetto war Durchgangsstation zu den Vernichtungslagern Belzec und Sobibor. Über die genauen Umstände ihres Todes ist nichts bekannt.

Rosa Tiesler, geb. Becker

1877 wird sie in der Kleinstadt Zempelburg (Westpreußen) als Tochter des Pferdehändlers Salomon Becker und dessen Ehefrau Fritze geboren. Über ihren weiteren Werdegang ist nichts bekannt. Rosa Becker lernt den Kaufmann Paul Tiesler kennen, der aus Schlesien stammt und evangelischer Christ ist. Sie verloben sich und ziehen nach Forchheim.

1903 Rosa entschließt sich, zum evangelischen Glauben zu konvertieren. Sie wird in der St. Johanniskirche in Forchheim getauft. Bald darauf heiratet sie den Kaufmann Paul Tiesler. Das Ehepaar betreibt ein Lebensmittelgeschäft im Haus am Paradeplatz 13.

1924 Ihr Ehemann verstirbt. Sie führt das Geschäft in der Hauptstraße 55 für einige Zeit weiter und wechselt mehrmals die Wohnung.

1938 In der Reichspogromnacht wird ihre Wohnung in der Wiesentstraße 21 verwüstet. Auch in ihrer Kirchengemeinde wird die Situation für Rosa zunehmend schwieriger. Es gibt Gemeindemitglieder, die die Anwesenheit einer zum Christentum konvertierten Jüdin unerträglich finden und sie vom Abendmahl ausschließen wollen.

1941 Sie zieht in das Haus der ebenfalls verwitweten Jüdin Sofie Kotz in der heutigen Hornschuchallee 4. Beide Frauen sind wiederholt Schikanen ds NS-Regimes ausgesetzt,

1942 erhält sie die Mitteilung der örtlichen Polizeibehörde, dass sie am 24. April "evakuiert" werden soll. Rosa bittet Pfarrer Kern von der Johanniskirche um das HI. Abendmahl und verabschiedet sich "bitterlich weinend, (...) klar berührt, dass sie nicht am Leben bleiben werde".

Rosa Tiesler wird zunächst nach Bamberg "verschubt". Von dort wird sie weiter mit einem Transport unterfränkischer Juden nach Polen deportiert, dessen Ziel die Stadt Krasnystaw im Bezirk Lublin ist. Dort befindet sich bis 1942 ein Ghetto für 4000 Juden. Diese werden später in das Durchgangslager lzbica verschleppt und schließlich in einem der in der Nähe gelegenen Massenvernichtungslager ermordet. Über die genauen Umstände des Todes von Rosa Tiesler ist nichts bekannt.

Sofie Kotz, geb. Sara Sternberg

1860 wird sie in Kirchheim bei Würzburg als Tochter des Getreidehändlers Löb Sternberg und dessen Ehefrau Rika geboren.

1883 heiratet sie in Nürnberg den Musiker Simon Brückner. Ihr Mann ist evangelischer Christ und auch der gemeinsame Sohn Georg wird evangelisch getauft.

1887 verstirbt ihr Ehemann im jungen Alter von 33 Jahren. Sofie zieht vermutlich 1888 nach Forchheim und führt dem Witwer Johann Kotz den Haushalt.

1889 Sofie wünscht, sich katholisch taufen zu lassen, da sie beabsichtigt den verwitweten Wagnermeister Kotz zu heiraten.

1890 Weltliche Eheschließung in Forchheim. Aus der Ehe Kotz gehen die zwei Kinder Karl und Maria Theresia hervor.

1899 Sofie Kotz meldet ein Lebensmittel-und Kurzwarengeschäft in der Alleestraße 4 (heutige Hornschuchallee) an.

1926 Johann Kotz verstirbt im Alter von 77 Jahren. Das Haus in der Alleestraße geht in den Besitz von Softe Kotz über.

1944 wird sie als letzte jüdische Einwohnerin Forchheims im Januar nach Theresienstadt deportiert. Laut Gedenkbuch des Bundesarchivs stirbt sie am 13. Oktober 1944 in Theresienstadt. Die Todesumstände sind unklar.

Nach dem Abtransport der letzten Forchheimer Jüdin Sofie Kotz sagt der Forchheimer Ortsgruppenleiter der NSDAP, der im Hauptberuf Volksschulrektor ist: "Kinder, heute haben wir einen großen geschichtlichen Tag. Forchheim ist vollständig judenfrei. Wir haben heute die letzte Jüdin, Frau Kotz, fortgeschatft. Geht heim und sagt das euren Eltern!"