Immer sei nur von den Opfern die Rede, beklagt Norbert R. (Name von der Redaktion geändert). Der Forchheimer zählt sich zu den Tätern - und zu den Opfern.

Täter ist der 38-Jährige, weil er vor vier Jahren sein Fahrzeug auf gerader Strecke in den Gegenverkehr gesteuert und eine Frau getötet hatte. Als Opfer fühlt er sich, weil er seitdem bemerkt, dass es für Täter wie ihn in der öffentlichen Meinung kein Verständnis gebe.

"Mir fehlen die letzten 500 Meter komplett", erzählt der Handwerker von dem Abend des Unfalls auf einer Bundesstraße im Landkreis Forchheim. Er war von einer Baustelle gekommen - "plötzlich hat es geknallt und es war vorbei". Keine Erinnerung an den Unfallhergang.

Die Ermittlungen ergaben, dass Norbert R. weder getrunken, noch Medikamente genommen oder am Steuer telefoniert hatte. Die Ursache des Unfalls blieb ungeklärt. R. wurde zu einer 5000 Euro-Strafe verurteilt und der Fall war - zumindest juristisch - erledigt.

"Im Rahmen eines Strafbefehls ist das möglich", bestätigt der Polizeihauptkommissar, dessen Inspektion damals mit dem Unfall beschäftigt war. Allerdings sei es bei einem tödlichen Unfall "äußerst selten" diesen Weg zu beschreiten.

Keine Reaktion auf einen Brief

"Ich habe nie einen Richter gesehen", sagt Norbert R. Wen er nach dem Unfall aber immer wieder sah, das war der Ehemann der getöteten Frau. Norbert R. hatte ihm einen Brief geschrieben und beteuert, wie Leid ihm die Sache täte. Eine Reaktion blieb aus. Doch ein Jahr später stand ein Mann hinter ihm an der Tankstelle: "Sind Sie Herr R.", fragte er. "Ich bin der Mann von der Frau, die sie getötet haben."

Der Witwer hatte Norbert R. offenbar erkannt, weil er den Namen des selbstständigen Handwerkers auf der Werbung des Firmenautos gelesen hatte. "Er hat sich vor mir aufgebaut und hat mir Vorwürfe gemacht", erinnert sich R.

Unter anderem warf der Witwer dem Unfallfahrer vor, dass er sich nicht persönlich gemeldet habe; und dass er jetzt ein neues Auto fahre, "während meine Frau auf dem Friedhof liegt".

Die Beteuerungen von Norbert R., dass es keine Absicht gewesen sei und dass es ihm leid tue, verpufften.
Es sollte nicht die einzige Begegnung mit dem Mann der Toten bleiben. Mal sah Norbert R. ihn durch das Autofenster, wie er ihm mahnend zuwinkte. Mal stand er beim Einkaufen hinter ihm und erneuerte seine Vorwürfe: "Weißt du noch, wer ich bin...".

Er schien ihn zu verfolgen, so wie Norbert R. von seinem Gewissen verfolgt wurde. "Es wird mich immer begleiten", sagt er heute, über vier Jahre nach dem Geschehen. Oder er sagt: "Es schwebt der Vorwurf über einen, du hast einen Menschen auf dem Gewissen."

Zwei Jahre nach dem Unfall schien eine Wende möglich. Der Witwer hatte sich an die Caritas gewandt. Eine Psychologin meldete sich bei Norbert R. und lud ihn zu einem "klärenden Gespräch" ein. "Ich war grundsätzlich bereit", erinnert sich Norbert R. Aber er hatte der Psychologin auch gesagt, er würde "sofort aufstehen und gehen, falls Vorwürfe laut würden". Zu dieser Begegnung bei der Caritas kam es aber nicht; der Mann der verunglückten Frau hatte es sich anders überlegt.

Doch auch Norbert R. vermied das Gespräch. Die Ratschläge unmittelbar nach dem Unfall, einen Psychiater aufzusuchen, schlug er in den Wind. Bis heute sei er nie bei einem Psychologen gewesen. "Ich hab das mit mir selbst abgehandelt." Selbst, als seine Frau eine Seelsorgerin aufsuchte, und ihn aufforderte, mitzukommen, lehnte er ab.

Allein gelassen

Stattdessen zog er einige Schlüsse aus dem tödlichen Verkehrsunfall. "Mir wurde bewusst, wie schnell das Leben vorbei sein kann. Ich schätze seitdem die Zeit mit meinen Kindern und nehme mir auch bewusst mehr Zeit." Doch immer wieder geistert ihm durch den Kopf, dass er auf der "anderen Seite" steht. "Keiner denkt daran, dass es Menschen gibt, die so etwas verursacht haben. Solche Menschen werden alleine gelassen", kritisiert der 38-Jährige.

Monika Vieth lässt die Kritik so nicht gelten. Als Vorsitzende des Weißen Rings ist sie mit Opfer-Perspektiven und mit dem Thema Opfer-Täter-Ausgleich vertraut. "Eine Therapie zu machen, ist das einzige, was ich ihm empfehlen kann", sagt sie über Norbert R.: "Es mit sich selbst ausmachen, das wird er nicht schaffen."
Noch nie habe ein Täter nach einer fahrlässigen Tötung Kontakt zu ihrer Organisation gesucht, betont Monika Vieth. Der Weiße Ring sei auch gar nicht in der Lage, diese Form der Resozialisierung zu leisten: "Wir können die Täter nicht auch noch auffangen, dann sind wir nicht mehr objektiv."

Im Fall von Norbert R. müsse man bedenken, dass auch der Ehemann der tödlich Verunglückten "ein Opfer ist". Wenn sich Täter und Opfer der Situation nicht stellen, "kann es zur Eskalation kommen - etwa in Form von Stalking", warnt Monika Vieth.

Über Norbert R. mutmaßt sie: "Wenn die Bereitschaft zur Therapie fehlt, dann ist er nicht richtig einsichtig. Dann wird er sich im Kreis drehen."

Genau darauf deuten die widersprüchlichen Bekenntnisse von Norbert R. hin. Einmal sagt er: "Ich verspüre nicht das Bedürfnis, meine Seele auszuschütten." Er sagt aber auch: "Ich hab immer versucht, das auf die Seite zu drängen."

Als er nach dem Unfall-Schock mit leichten Verletzungen in der Klinik erwacht war, fühlte sich Norbert R. von den Ärzten "schlecht behandelt". In den folgenden Wochen hatte er das Gefühl, "man liest es mir auf der Stirn". Lange fühlte er sich "beobachtet". Er besuchte das Grab der Frau, die er getötet hatte. Und dachte immer wieder an ein Gespräch mit ihrem Mann. "Vielleicht hätte es was gebracht", meint der 38-Jährige rückblickend.

Er wirkt verunsichert, wenn er über die Möglichkeit einer Aussprache mit dem Mann der toten Frau nachdenkt. "Ich hatte das Bedürfnis, aber ich muss es nicht mehr haben", sagt er in einem Moment. Und im nächsten: "Ich hoffe, dass ich es spüren werde, wenn ich es brauche."