Über Simon zu sprechen, das war für Tessa Korber nie schwer gewesen. Und die Offenheit der Gespräche - mit anderen Müttern, mit Ärzten, mit Behörden - hatte "fast immer auch zur Offenheit auf der anderen Seite geführt", erzählt die Forchheimer Schriftstellerin. Doch als sie anfing, über ihr autistisches Kind zu schreiben, wurde alles anders.

Mit dem Schreibprozess setzte eine "innere Distanzierung" ein, erinnert sich die 46-Jährige. Und nach der Distanzierung kam der Zusammenbruch - und dann begann ein neues Leben.
Das alte Leben: Mit ihrem ersten Mann hat Tessa Korber zwei Kinder. Gesund und "lächelnd" kommt Sohn Simon im Jahr 2000 auf die Welt; er verbringt drei glückliche Jahre. "Ein trügerischer Start", sagt Tessa Korber heute.

Denn nach dem dritten Lebensjahr beginnt Simon zum Rätsel zu werden: Er wird aggressiv gegen sich selbst und andere. Er schreit, er schläft nicht, kann nicht im üblichen Sinne kommunizieren; er bringt meist nur "dadaistische Wortgebilde" hervor. Der ältere Sohn Jonathan wächst im Schatten des behinderten Bruders auf. Die Familie trägt die Last nicht. "Scheidung auf autistisch", heißt ein Kapitel im Buch der heute 46-Jährigen.
"Ich liebe dich nicht, aber ich möchte es mal können" - den Titel ihres autobiografischen Berichtes verdankt Tessa Korber ihrem Sohn. Es ist einer jener Sätze, die mitunter plötzlich aus dem Kern seines Wesens auftauchen. Und zeigen, welche Intelligenz in dem Jungen steckt.


Die scheinbare Wende


Solche Sätze waren es auch, die im September 2011 eine Wende im Leben von Simon einzuläuten schienen.
Mit Hilfe einer "gestützten Kommunikation" beginnt er zu schreiben. Er beginnt Aussagen über sein Leben zu machen: "Ich will eine richtige Schule". Oder: "Ich will Wasser-Experimente". Oder: "Ich will etwas über das kaputte Atomkraftwerk wissen."

Das zu hören, "war berauschend", erinnert sich Tessa Korber. Und nachdem sie jahrelang in der Rolle der "Aufpasserin, Weltvermittlerin und Antreiberin" funktioniert hatte, entstand nun der Wunsch, das Phänomen Autismus "für mich selbst zu begreifen". Anfangs glaubte sie, ein Buch über die Entwicklungschancen eines autistischen Kindes schreiben zu können - "eine Geschichte mit einem guten Ende".
Der Glaube trog. Simons hoffnungsvoller Start im Gymnasium wird zum Desaster. Der Zwölfjährige fühlt sich überfordert. Die Schule will ihn halten, aber er hält es nicht aus. "Nach zwei Wochen hat Simon selbst die Reißleine gezogen", sagt Tessa Korber.

Simon war in sein altes Muster zurückgefallen. Mit ihm in Kontakt zu treten, das vergleicht Tessa Korber mit der Suche nach einer unzureichenden Funkfrequenz im Radio: "90 Prozent ist Rauschen." Zwar sei Simon "ein intelligentes Wesen", das habe sich ja herausgestellt. "Aber das Wesen ist selten erreichbar. Man ist sich nicht einig, wer Simon ist." Und weil das so ist, musste das Ende des Buches offen bleiben.

Kaum war es geschrieben, erlitt die Autorin einen Nervenzusammenbruch. Ein viertel Jahr verbrachte sie in der Klinik; ihr Sohn lebt seitdem in einer diakonischen Einrichtung. Tessa Korber kann dieser Entwicklung auch etwas Positives abgewinnen. Ihr Sohn sei "nicht irgendwo aufgeräumt", sondern lebe in einem Umfeld, in dem er augenscheinlich aufblühe. "Auch seinem großen Bruder geht es jetzt gut - und ich habe ein eigenes Leben."


Schuldgefühle und Trauer


Gleichzeitig gebe es Schuldgefühle und Trauer. Simon sehe sie nur noch alle vierzehn Tage, erzählt Tessa Korber. Ihr erwachsener Sohn habe die passenden Worte für diese zwiespältigen Situation gefunden: "Du hast von zwei Scheiß-Optionen die gewählt, die eine Zukunft hat."
Mit ihrem Buch hat sich Tessa Korber ein Stück weit von ihrem Sohn entfernt. Nach neun Jahren Symbiose erlebt sie Simon nun als gelegentlichen Gast in der eigenen Wohnung.
Endgültig verabschiedet hat sich die Autorin von der Idee, es gebe so etwas wie "Autismus als Erfolgsmodell". Autismus sei "nicht heilbar", ist Korber heute überzeugt.
Nachdem sie mit Simon grenzenlose Liebe und Hass, gute Tage und lähmende Tage erfahren, und nachdem sie das Gefühl, versagt zu haben (bis hin zu Suizidabsichten) durchlebt hat, bleibt ihr am Ende nur dieses verlässliche Einsicht: "Auch Autisten wachsen, aber nicht über sich hinaus."



Autismus


Es gibt viele Formen und Grade des Autismus. Gemeinsam ist ihnen eine "neuronale Störung", die zu einer gestörten Eigenwahrnehmung und zu Verhaltensproblemen führt. Autisten sind in der Regel hoch intelligent. Sind aber - im Gegensatz zum Protagonist im Film "Rain Man" - selten fähig, das so auszudrücken, dass sie von ihrer Umwelt verstanden werden.


Kunst


Wie viele Autisten, lässt auch Simon, das autistische Kind der Autorin Tessa Korber, immer wieder Fähigkeiten aufblitzen, die meist im Dunkeln liegen. In einer Zeit, als Simon erfolgreich das Gymnasium besuchte, schrieb er etwa dieses Gedicht: " Im Sommer/Wetter zum baden/Trinkst du viel wasser/Oje hast du zeit für mich?/ Wenn aber/ Nicht/Dann halte ich sie mit dir fest/Und wir toben durch den sommer."


Buch


Tessa Korber ist Autorin von rund 30 historischen Romanen und Krimis. Mit dem Buch "Ich liebe dich nicht aber ich möchte es mal können", hat sie einen autobiografischen Bericht über das Leben mit ihrem autistischen Sohn vorgelegt. Das Buch ist im Ullstein-Verlag erschienen und kostet 19,99 Euro.