Schuld ist mal wieder die Europäische Union (EU): Die Abschlüsse der allgemeinen Schulbildung sollen europaweit vergleichbar sein, um mehr Transparenz auf dem internationalen Arbeitsmarkt zu ermöglichen. Deshalb sollen sie zunächst in den achtstufigen Deutschen Qualifikationsrahmen (DQR) eingeordnet werden und dann in den Europäischen Qualifikationsrahmen (EQR). Die Einstufung von Abitur, Mittlerer Reife und Quali wurde zuletzt allerdings um fünf Jahre verschoben. Knackpunkt war die Bewertung des Abiturs. Die Kultusminister plädierten für Stufe 5, Wirtschaftsverbände für Stufe 4 und damit für die Gleichstellung mit einer Lehre. Zu diesem Thema debattieren die angehende Abiturientin Sandra Nikolovski und ihr Lehrer Thomas Lukat auf der einen und der ehemalige Schreiner-Lehrling Jörg Eismann und sein Ausbilder Jürgen Hölzlein auf der anderen Seite.

FT: Jörg, wie viele Jahre hast Du in deinem Leben gelernt?
Jörg Eismann: Vier Jahre Grundschule, sechs Jahre Realschule, ein Jahr Berufsgrundschuljahr, zwei Jahre Ausbildung, also 13 Jahre bis zur Gesellenprüfung. Am meisten gebracht hat mir das, was ich im Betrieb gelernt habe. Die Sachen aus der Schule, also Mathematische Formeln und Physik, haben mir bis jetzt nichts geholfen.

FT: Sandra, Du bist ein Jahr früher, also nach zwölf Jahren, am Zwischenziel Abitur. Spricht das nicht allein dafür, beides gleichzustellen?
Sandra Nikolovski: Man muss auch beachten, was man in den Jahren lernt. Auf der Realschule hat man andere Fächer, zum Beispiel keine zweite Fremdsprache. Deshalb sollte man das nicht gleichstellen. Andernfalls würden sich viele Gymnasiasten denken, sie können zwei Jahre auf der Schule sparen und gleich ins Praktische einsteigen. So würden die Schülerzahlen an den Gymnasien sinken.
Eismann: Die höhere Einstufung des Abiturs ist teilweise schon berechtigt, weil man durch seine Berufsausbildung viel früher Geld bekommt. In der Ausbildung selber und nach dem 13. vollen Jahr kriegt man schon den vollen Gesellenlohn. Und was kriegt Sandra, wenn sie mit dem Abitur fertig ist?
Jürgen Hölzlein: Man kann die beiden Ausbildungsformen nicht vergleichen. Das Abitur ist erst einmal eine Grundvoraussetzung für das Studium. Ein Lehrling lernt sicher in 13 Jahren auch sehr viel - mehr praktisch als theoretisch. Es wird wahrscheinlich nie auf einen gleichen Nenner zu bringen sein. Bei der Gleichstellung habe ich meine Probleme, vor allem wenn im nächsten Schritt dann der Meisterbrief mit dem Bachelorabschluss auf einer Stufe steht.
Thomas Lukat: In Deutschland hätten wir eigentlich gar kein Problem, das kommt nur durch die Europäisierung und die Levelanpassung. Ich denke schon, dass die Lehre, wie wir sie in Deutschland haben, durchaus dem Abitur in anderen europäischen Ländern entspricht, weil die ein relativ niedriges Abiturniveau haben. Ich habe selbst ein Jahr in England studiert, da wurde in ein paar Seminaren der Stoff aus der gymnasialen Oberstufe gelehrt. Deswegen könnten wir im europäischen Standard die deutsche Lehre mit dem Abitur gleichsetzen. Aber das deutsche Abitur steht trotzdem in einigen Bereichen von der Intensität und der Lerndichte darüber.
Nikolovski: Mit dem deutschen Abitur erwirbt man ja auch die uneingeschränkte Hochschulzugangsberechtigung. In Frankreich muss man zum Beispiel an jeder Hochschule noch eine Aufnahmeprüfung bestehen.
Hölzlein: Ich hätte kein Problem damit, die Lehre auf 4 einzustufen und das Abitur auf 5. Dagegen hat vor allem die Industrie etwas, die speziellere Anforderungen an die Ausbildung stellt, weniger aber das Handwerk.

FT: Welche Anforderungen stellen Sie an den Lehrling?
Hölzlein: Den qualifizierten Hauptschulabschluss mindestens, aber ich bevorzuge die Mittlere Reife. Man sieht es an Jörg: Er hat es in der Lehre viel leichter als ein schwächerer Schüler. Im Handwerk schleppen wir auch manchmal Leute mit schlechteren Noten durch. Das fordert viel mehr Einsatz. Bei Jörg ist es ganz leicht, wenn ich ihm etwas erklärt habe, hat er das verstanden. Bei ihm musste ich mich erst wieder daran gewöhnen, nicht alles zwei, drei Mal sagen zu müssen. Wir haben auf einem ganz anderen Niveau miteinander geredet.
Eismann: Mich hat es auch schon gewundert, da er alles immer extrem ausführlich und genau erklärt hat.

FT: Würden sie Abiturienten aufnehmen, wenn sie sich bewürben?
Hölzlein: Ja natürlich, wobei man natürlich sagen muss, dass sie nicht die bevorzugten Kandidaten sind, weil wir wissen, die werden nach der Lehre gehen und nicht weitermachen. Und wir brauchen natürlich Leute, die im Handwerk bleiben.

FT: Sandra, könntest Du Dir vorstellen, nach dem Abitur in eine Lehre einzusteigen?
Nikolovski: Das würde sich eigentlich nicht lohnen, weil ich mir dann zwei Jahre sparen hätte können. Dann hätte ich auch gleich auf die Realschule gehen können.

FT: Fehlt der Praxisbezug am Gymnasium?
Nikolovski: Zum Beispiel in Geschichte schon etwas, aber was will man in so einem Fach schon großartig Praktisches machen. Aber in Deutsch fehlt der Praxisbezug nicht, denn das wäre ja doch das Schreiben.
Lukat: Außerdem gibt es zwei Arten von Praxis. Es gibt einmal die Praxis, die ich mit meiner Hand mache und dann die, die ich mit meinem Gehirn mache. Beides ist eine Tätigkeit. Wenn ich auf dem Gymnasium bin, kann ich natürlich keinen Stuhl schreinern. Dafür brauche ich die praktische Ausbildung in der Lehre. Aber im Gymnasium lerne ich bestimmte Kompetenzen, die ich später abrufen kann - zum Beispiel Debattieren oder Schreiben oder strukturiertes Durchdenken

FT: Wir sprechen die ganze Zeit von der Lehre. Aber sind Lehren überhaupt gleichwertig?
Hölzlein: Also wenn man vom Handwerk spricht, sind sie schon relativ unterschiedlich. Es gibt Berufe mit zwei Jahren Lehrzeit, aber auch welche mit dreieinhalb Jahren Lehrzeit. Ein Elektrotechniker hat ganz andere Anforderungen, sei es Mathe oder Physik, als, und dabei möchte ich niemanden diskriminieren, ein Bäcker oder Metzger. Und bei kreativen Berufen muss man auch ganz andere Fähigkeiten einsetzen.

FT: Gibt es Lehren, die sie vom Schwierigkeitsgrad her mit dem Abitur gleichsetzen würden?
Hölzlein: Ja, auf jeden Fall den Mechatroniker. Aber auch die Schreiner-Lehre.
Lukat: Hier wird doch ein wesentlicher Unterschied deutlich. In der Lehre kann ich mir aussuchen, was mich interessiert. Also wenn ich kreativ bin, mache ich den Mediendesigner und wenn ich handwerklich begabt bin, mache ich einen Schreiner. Beim Abitur kann ich, abgesehen von ein paar Wahlkursen, nichts aussuchen, sondern muss in einem großen Bereich alles irgendwie können.

FT: Im DQR sind auch soziale Fähigkeiten aufgelistet. Was halten Sie davon?
Lukat: Es gibt bestimmt Lehrlinge, die unsere faulen und schlechten Schüler am Gymnasium bei weitem übertreffen - in jedem Kompetenzbereich. Nur, weil bei uns ein Schüler mit ach und krach das Abitur schafft, ist er noch lange keine begnadete Führungskraft. Aber ein entscheidender Punkt ist das selbstständige Arbeiten, das wir im Gymnasium haben. Gerade in der Oberstufe müssen Schüler den Stoff entweder lernen oder nicht und wenn sie es nicht machen, dann kriegen sie null Punkte und fliegen raus. Es geht um dieses permanente sich zwingen, eine Seminararbeit zu schreiben, noch mal eine Hausaufgabe, wieder Englisch-Vokabeln zu lernen, noch einen Aufsatz über die Photosynthese zu schreiben und dann kommt schon wieder die nächste Abfrage in Englisch. Das ist eine echte Mühe! Da gibt es keinen netten Meister, der mich durchschleust.
Hölzlein: Dazu muss ich sagen: ein Handwerksbetrieb ist auf Gewinn und Wirtschaftlichkeit ausgerichtet. Da kann man sich nicht einfach einen netten Tag machen. Auch da muss jeder seinen Schweinehund überwinden, speziell im dritten Lehrjahr, wenn der Meister früh einen Auftrag vergibt und am Abend schaut, wie weit du bist.
Lukat: Aber der Lehrling macht es, weil die Anweisung "Du machst es jetzt heute" von außen kommt. Der Gymnasiast muss selbst entscheiden, ob er rechtzeitig anfängt zu lernen oder im Unterricht aufpasst.
Hölzlein: Das ist sicher richtig. Im Großteil wird für den Lehrling gedacht.

FT: Wie lauten Ihre Fazits der Debatte?
Nikolovski: Ich bin immer noch der Meinung, dass es nicht sinnvoll wäre, das Abitur mit der Lehre gleichzustellen, weil es in der Lehre viele verschiedene Ausbildungsgrade gibt. Einen Friseur kann man einfach nicht mit dem Abitur gleichsetzen.
Eismann: Ich finde, dass manche Ausbildungen wie meine Schreiner-Lehre schon auf dem Niveau des Abiturs sind. Jedoch zweijährige Ausbildungen, wie Friseur oder Kosmetikerin, müssen eine Stufe drunter sein. Letztlich interessiert mich die Stufe, in die ich eingestuft werde, überhaupt nicht. Wichtig ist, was ich dann bin.
Lukat: Ich spreche mich immer noch für das Abitur auf Stufe 5 aus, einfach weil hier gleich hohe Anforderungen an alle Schüler und hohe Grundkompetenzen in allen Fächern gefordert werden. Im Europavergleich, denk ich, kann die deutsche Lehre aber mit einigen Abituren in anderen Ländern mithalten.
Hölzlein: Man kann Abitur und Lehre schwer vergleichen, weil es andere Voraussetzungen sind. In vielen Bereichen sind beide aber durchaus ebenbürtig, beispielsweise beim Schreiner, wegen der hohen Anforderungen.