Jean-Michel Saive quietscht mit seinen Schuhen, Stefan Fegerl und der Unterfranke Kilian Ort stöhnen lauter als Maria Sharapova. Mit übertriebenen Geräuschen versuchen die Tischtennis-Profis in Ebermannstadt, ihren Gegner zu stören. Der Griff in die Trickkiste soll ihnen aber nicht in erster Linie das Preisgeld näherbringen, das es für den Gesamtsieger der sechsteiligen Champions-Tour gibt, sondern vor allem das Publikum in der Stadthalle unterhalten.

Das gelingt dem Sextett, das sich in zwei Gruppen und anschließendem Finale der Erstplatzierten misst. Der 52-jährige, fünffache Weltmeister Jörgen Persson bietet den jüngeren Konkurrenten mit Erfahrung und Cleverness Paroli. Seine Reaktionsfähigkeit beweist der Schwede, als er die Platte ein Stück zur Seite schiebt, damit der Abwehrball des Gegners doch noch sein Ziel erreicht.


Völkerverständigung am Tisch

Wenige Tage nach dem Erfolg Österreichs im Fußball-WM-Testspiel gegen Deutschland zeigen Fegerl und Ort, dass zwischen ihren Heimatländern noch alles in Ordnung ist: der Ösi ist in der Offensive, der Piefke bringt die Schmetterbälle in hohem Bogen auf die Platte zurück. Mit immer spitzer werdendem Winkel treibt der Angreifer den Defensiven bis auf Netzhöhe parallel zum Tisch.

Jetzt tauschen die Sportler die Seiten, so dass jeder den Ball auf die vordere Hälfte der Platte schlägt - denn das ist ja die Hälfte des Gegners. Wer letztlich den Punkt macht, kann selbst Oberschiedsrichter Richard Gügel aus Heroldsbach nicht mit Sicherheit sagen. Zumindest die Profis behalten den Überblick und drehen den Spielstand an der manuellen Anzeigetafel eigenhändig weiter.


Schiri Gügel bietet Brille an

Im nächsten Match beweist Gügel aber sein geschultes Auge. Weil der Ball von Persson seitlich an den Tisch springt, reklamiert der Schwede den Punkt für sich, doch der Schiri verortet den Treffer weiter unten und bietet Persson für den nächsten Ballwechsel seine Brille an. Überhaupt hat der frühere Bürgermeister von Heroldsbach mehr zu tun als bei jeder ernsthaften Meisterschaft: Als sich die Kontrahenten vom Nachbartisch über die Geräuschkulisse beim deutsch-österreichischen Duell beschweren, zückt Gügel ohne mit der Wimper zu zucken die gelbe Karte.

Schauspielerisches Talent beweist auch Ex-Europameister Saive, der vom Organisator der Champions-Tour nicht nur wegen seines Könnens, sondern auch aufgrund seiner Mimik und Gestik ins Aufgebot geholt wurde. Theatralisch zeigt er Ruwen Filus das vom Weltranglisten-20. verursachte "Einschussloch" auf seiner Brust, später ruht er sich an die Schulter des Schiedsrichters gestützt aus. Der Brustschmetterball war allerdings Filus' einzige echte Offensivaktion.

Der 30-Jährige untermauerte die Fußball-These, dass die Abwehr Meisterschaften gewinnt und holte sich im Endspiel gegen Fegerl die acht Siegerpunkte. Weitere Zähler für den Titel gibt es in Fürstenfeldbruck, Merseburg, Vreden, Münster und Muggensturm. Ob diese Orte mehr Menschen als der TSV Ebermannstadt zu dessen 50-jährigen Bestehen der Tischtennis-Abteilung in ihre Hallen locken, dürfte auch vom Wetter abhängen.

In die Stadthalle jedenfalls kamen für den Veranstalter enttäuschende, aber nicht enttäuschte 100 Zuschauer. Platz war für knapp 400. Die 17 Euro Eintritt für Erwachsene an der Abendkasse investierte mancher Tischtennisfreund möglicherweise lieber in eine Brotzeit auf dem schattigen Kellerberg.