In der Schlussphase der am Freitag um Mitternacht endenden Transferperiode der Fußball-Bundesliga haben sie alle Hände voll zu tun, beschäftigt sind sie aber das ganze Jahr über: Spielerberater. Ein Job, der vor einigen Jahren noch ein Nischendasein fristete, hat Hochkonjunktur. Leisteten sich früher nur wenige Kicker den persönlichen Agenten, kommt inzwischen kaum noch ein Profi in dieser Sportart ohne ihn aus. Zudem ist mittlerweile nicht mehr nur der Fußball an sich ein florierender Wirtschaftszweig, auch hinter den Kulissen fließen enorme Summen, die 2017 im 222-Millionen-Euro-Deal um Neymar gipfelten.

Heuer wohl kein neuer Rekord

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In den europäischen Topligen in England, Italien und Spanien ist die Transferperiode bereits beendet. Einen neuen Rekord gab es nicht, eine Trendwende bedeutet das wohl kaum. Einer, der zwar (noch) nicht die Großen des Sports unter seinen Fittichen hat, sich in der teilweise verrufenen, weil verborgenen Branche aber auskennt, ist der Forchheimer Erkan Martin. Nach seiner aktiven Laufbahn heuerte der 34-Jährige in der Agentur von Ex-Bundesliga-Trainer Uwe Rapolder an, wo er sich Kenntnisse aneignete, die man in keiner Ausbildung erhält - und vor allem Kontakte knüpfte.

"Beziehungen sind das A und O", sagt Martin, der täglich im Schnitt drei bis vier Stunden telefoniert. In seinem Handy sind mehr als 4000 Einträge gespeichert. Aufgrund von Namensdopplungen sind diese zum Teil mit Ländern und Städten ergänzt. Sein Spezialgebiet ist aufgrund seiner Wurzeln der türkische Zielmarkt. Dazu reist er durch ganz Deutschland, sieht sich etliche Amateurspiele an. "In der Jugend nur Bundesliga. Bei den Erwachsenen muss es mindestens Regionalliga sein", sagt Martin zu den Aussichten der Kicker. "Wenn mir jemand positiv auffällt, spreche ich ihn oder einen Elternteil an. Man muss Vertrauen aufbauen und den Spieler bzw. seinen Erziehungsberechtigten überzeugen, dass er bei mir die besten Chancen auf eine Profikarriere hat."

Doch nicht nur das Scouting gehört zu den Aufgaben des Beraters. Am anderen Ende braucht es einen Verein, der bereit ist, den in der Regel unerfahrenen und unbekannten Akteur aufzunehmen. Auch hier spielen Kontakte eine entscheidende Rolle. "Wenn ich einem Verein mehrmals Mist anbiete, nimmt er keinen Spieler mehr von mir. Umgekehrt ist er bereit, mehr Risiko einzugehen, wenn einer meiner Jungs eingeschlagen hat", berichtet der Oberfranke.

In Marktredwitz geboren, zog Martin im Alter von zwei Jahren mit seiner Familie nach Forchheim. Deutsch lernte er nicht im Kindergarten, sondern von Freunden. Gekickt wurde erst auf der Straße, dann im Verein bei Jahn Forchheim. "In der Schule war ich immer schlecht - außer in Sport", erzählt er. Einen Abschluss erwarb er nicht. Mit Fußball verdiente er sein Geld in der 2. türkischen Liga, aber nicht üppig genug, um ausgesorgt zu haben. "Ich hatte immer Fußball im Kopf", sagt der 34-Jährige. Zwangsläufig musste seine Tätigkeit damit zu tun haben. Da traf es sich gut, dass Spielerberater kein offizieller Ausbildungsberuf ist. "Heutzutage braucht man nicht mal mehr eine Lizenz", erklärt der Forchheimer.

Martin nahm immerhin an einem Seminar mit dem Schwerpunkt Vertragsrecht teil und belegte einen Lehrgang, um eine Art Schein zum Vorzeigen zu haben. Unter Rapolder war er eineinhalb Jahre Chefscout, brachte seine Beziehungen ein, die er nicht zuletzt dank Kindheitskumpel Roberto Hilbert (aktuell Greuther Fürth) und Bruder Ersen (u.a. drei Nationalspiele für die Türkei) hat. Den 39-Jährigen, der heute im türkischen Fernsehen Partien von Besiktas Istanbul kommentiert, brachte er 2010 für gutes Geld beim damaligen Erstligisten Kasimpasa Istanbul unter. "Ich kann behaupten, ich habe meinen Bruder verkauft", erzählt Martin schmunzelnd.

Inzwischen betreibt er mit zwei Kollegen seine eigene, in Baden-Württemberg registrierte Agentur. "Ich habe acht Klienten, davon vier türkische U19-Nationalspieler", erklärt Martin, der auf den großen Deal hofft. "Eren Derdiyok ist mir durch die Lappen gegangen, da hätte ich 400 000 Euro verdienen können", sagt er zum geplatzten Transfer des Ex-Leverkuseners von Galatasaray Istanbul nach China. Wer die zehn Prozent, die ein Agent üblicherweise kassiert, auf den Fall Neymar anwendet, kann sich ausrechnen, welchen Reibach dessen Berater Pini Zahavi gemacht hat - auch wenn an dem Geschäft weitere Parteien wie Sponsoren und der Vater des Brasilianers beteiligt waren. "In dieser Branche wollen viele mitverdienen", weiß Martin.

"Wenn man große Spieler unter Vertrag hat, die jeder kennt, braucht man niemanden mehr zu beobachten", sagt der 34-Jährige. Bis es für ihn so weit ist, muss (oder darf) Erkan Martin also weiter über die "kleinen" Fußballplätze schlendern, Kicker ansprechen, sich mit Trainern, Managern und Präsidenten in den VIP-Logen europäischer Stadien treffen. Oder nehmen ihm die Kameras, die inzwischen bis zur Landesliga hinunter auf fast jedem Sportplatz stehen, einen Teil seiner Arbeit weg? "Das glaube ich nicht. Live ist etwas ganz anderes."

Gerade im Umgang mit dem Nachwuchs sind Martin und seine Kollegen nicht nur Berater, sondern teilweise auch Vaterfiguren. "Manche Jungs rufen mich an, wenn sie private Probleme haben, bei ihrem Verein auf der Bank sitzen oder neue Fußballschuhe brauchen", erzählt Martin. Auch im Gespräch mit Eltern benötige er soziale Fähigkeiten. "Türkische Väter sind besonders schlimm. Die mischen sich viel zu sehr ein ", sagt der Türke und lacht. Seit sieben Jahren ist Erkan Martin in der Branche. In spätestens zwei Jahren will er das große Geld verdienen. "Aber manchmal ist es eben auch Glückssache", räumt der Spielerberater ein.

Christian Springer kam immer ohne Berater aus

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Auf dem Höhepunkt seiner Karriere gehörte Christian Springer zu einer aussterbenden Spezies: Fußballprofi ohne Spielerberater. Der heute 47-Jährige stand in knapp 300 Spielen der 1. und 2. Bundesliga für St. Pauli (1995 bis 1998) und den FC Köln (1998 bis 2006) auf dem Platz. Hätte er unter den Fittichen eines Beraters finanziell mehr herausschlagen oder zu einem Verein im internationalen Geschäft wechseln können? "Vielleicht hätte ich 5000 Euro im Monat mehr verdienen können", sagt Springer, "aber für mich war das so in Ordnung."

Ausbildung in der Hinterhand

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Anders als so mancher Fußballer hat Springer Fachabitur und eine Lehre als Industriekaufmann abgeschlossen. Die Sorge, mit dem Fußball nicht genug Geld beiseite legen zu können, war bei ihm daher womöglich kleiner als bei Kollegen. Die Gründe dafür, dass der Forchheimer keinen Agenten hatte, sind - neben der damaligen Gepflogenheit - aber eher in seiner Persönlichkeit und den Umständen zu suchen: "Bei meinen Stationen Jahn Forchheim, TSV Vestenbergsgreuth, SC 08 Bamberg und St. Pauli habe ich Leute wie Bernd Eigner, Andreas Blum und Bernd Hollerbach kennengelernt, von denen ich mir Rat holen konnte und die mir Kontakt zu anderen Vereinen verschafft haben", erzählt Springer.

Bild-Zeitung half beim Transfer

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Beim Wechsel vom Hamburger Stadtteilklub in die Domstadt half die Bild-Zeitung, die erfahren hatte, dass Springers Vertrag in St. Pauli nicht verlängert worden war, und den Kontakt zum damaligen Kölner Trainer Bernd Schuster herstellte. "Ansonsten habe ich mir nur für juristische Vertragsdetails Hilfe geholt", sagt der Ex-Profi. Irgendwann kannte sich Springer aus: "Ich wusste, was gezahlt wird und worauf ich achten musste." Zudem habe er immer ein gutes Verhältnis zu den Funktionären gepflegt. "Ich bin nie übers Ohr gehauen worden."

Berater können Ängste nehmen

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Die Vorzüge eines Beraters sind dem aktuellen Coach des Bayernligisten Jahn Forchheim gleichwohl bewusst: "Er nimmt einem viel Arbeit ab und die Angst vor einem Karriereende." Wie der Werdegang eines Kickers dadurch positiv beeinflusst werden kann, habe er bei einigen Weggefährten selbst erlebt. Heutzutage gebe es keinen Fußballprofi mehr ohne Agenten. Die Entscheidungsgewalt liege zwar noch bei den Spielern, aber die Berater zögen die Fäden und verdienten fleißig mit. "Zum Beispiel, wenn der Vertrag eines Profis verlängert oder er Nationalspieler wird", sagt der 47-Jährige.