Mit vielen neuen Eindrücken aus einer fremden Kultur und dem dritten Weltcup-Sieg in Folge ist Lukas Kohl aus Hongkong zurückgekehrt. Für den Weltmeister im 1er Kunstrad der Männer waren es intensive Tage, begleitet von einem großen Medieninteresse und herzlichen Asiaten. Herr Kohl, Sie haben auch den dritten von vier Weltcups souverän gewonnen. Darf man schon zum Gesamtsieg gratulieren? Lukas Kohl: Ich habe durch die drei Siege einen ordentlichen Vorsprung. Da aber das eine Woche vor der WM stattfindende Weltcup-Finale die doppelte Punktzahl bringt, ist noch alles möglich. Mein Vorsprung kann sehr schnell schmelzen. Deswegen stehe ich noch nicht vorzeitig als Gesamtsieger fest. In Hongkong haben sie 201,68 Zähler aufgestellt - wieder ein Wert jenseits der 200er-Marke. Hat alles funktioniert wie erhofft? Die größte Abwertung hatte ich bei der Kehrstandsteiger-Drehung, da ich die Pirouette nicht auf dem Punkt halten konnte, sondern weggewandert bin. Mit meinem Drehsprung, den ich erstmals bei einem Wettkampf siebenfach zeigen konnte, holte ich mir wieder ein paar taktische Punkte. Die restlichen Übungen verliefen gut. Zweiter wurde Moritz Herbst, Platz 3 ging an Wong Chin To aus Hongkong - dieselbe Podestverteilung wie bei der WM 2017 in Österreich. Wie unterscheidet sich ein Weltcup in Asien von einer Veranstaltung in Europa? Der Weltcup war mit vielen neuen Erfahrungen verbunden: In der Halle fand gleichzeitig mit den Hongkong Open noch ein anderer Kunstradwettkampf statt. Weil auch Radball ausgetragen wurde, liefen drei Wettkämpfe parallel in einer Halle. Das hatte auch zur Folge, dass die Trainingsfläche recht klein war. Die Tribüne für die Kunstradwettkämpfe hat bei Weitem nicht ausgereicht, die Zuschauer standen um die Fläche herum und versperrten uns Sportlern ziemlich den Weg, da mussten wir uns erst durchwuseln. Man hat zwar Tischtennisbanden als Absperrung zur Fahrfläche aufgestellt, aber die Zuschauer hatten sich so weit über die Absperrung gelehnt, dass die Handys fast in die Fahrfläche gereicht haben. Es waren ziemlich viele Pressevertreter vor Ort, fast jeder hat mit Smartphone oder Tablet etwas aufgenommen. So etwas kennt man aus Europa oder Deutschland eher nicht. Die Asiaten waren jedenfalls begeistert, das hat man gemerkt. Als Doppel-Weltmeister sind Sie das Aushängeschild der Kunstrad-Szene. Wie wurden Sie empfangen? Freundlich distanziert oder hysterisch kreischend? Die Asiaten haben einen kleinen Hype um mich gemacht, den ich in Deutschland gar nicht kenne. Viele wollten Autogrammkarten haben oder ein Bild mit mir machen. Auch habe ich viele Gastgeschenke bekommen, eine super Sache. Am Anfang waren sie noch distanziert, bis ich zwei Sportlern Tipps gegeben und damit die Stimmung gelockert habe. Dann merkten auch die anderen, dass ich doch ein ganz normaler Mensch bin. Die Distanz war weg, die Selfies sind gekommen. Sportlich steht außer Frage, dass sich die Reise gelohnt hat. Was nehmen Sie für sich persönlich mit? Ich habe so viele neue Sachen gemacht und eine andere Kultur kennengelernt. Auch das chinesische Essen ist ganz anders, als die China-Restaurants es uns in Deutschland vorspielen. Aber die vielen Sightseeing-Touren hat man irgendwann ganz schön gemerkt. Wir waren jeden Tag unterwegs, am Ende war es ziemlich anstrengend. Sportlich ist es natürlich super gelaufen, es waren komplett neue Wettkampfbedingungen, auch das Training vor Ort hat mich weitergebracht. Dort war alles relativ eng und kein Training wie zu Hause möglich. Allein, um mit so einer Situation klarzukommen, war es wichtig. Wenn nächstes Jahr erneut ein Weltcup in Hongkong stattfinden sollte, wäre ich auf jeden Fall dabei. Die Leute sind so unglaublich lieb, dass es mir auch darum geht, sie wieder zu treffen. Und finanziell? Der Trip war ja mit Kosten verbunden... Die ganze Reise hat mich und meine Trainerin zusammen rund 3800 Euro gekostet. Wir hatten schöne Tage, ich will das Erlebte auch gar nicht missen, aber Ausgaben von 3800 Euro für eine fünfminütige Kür sind unter dem Strich eine sehr schlechte Bilanz. Dass ich vom Radsportverband, dem Freistaat Bayern, dem Bezirk Oberfranken, der Stadt Forchheim, der Stadt Ebermannstadt oder der Gemeinde Kirchehrenbach keinerlei Unterstützung erhalten habe, ist schon sehr traurig. Schließlich war ich für Deutschland in Hongkong, habe mein Land repräsentiert und bin für meinen Verein aus Kirchehrenbach gestartet. Die Reise hat nur dank meiner Unterstützer und Sponsoren funktioniert. Die eigentlichen Saison-Highlights kommen erst noch. Wie geht es in den nächsten Wochen weiter? Gestern kam Stefanie Dietrich aus Schleißheim für eine zweitägige Trainingssession. Danach reise ich von Sonntag bis Mittwoch zum Sporthilfe Elite Forum, als Art Belohnung für meinen EM-Titel dieses Jahr. Das sind spannende Tage, mit vielen hochrangigen Gästen aus Politik und vor allem Wirtschaft. Zwei Tage danach fahre ich nach Österreich zum Ems Cup, das ist ein erster Testwettkampf, ehe eine Woche später das Swiss Austria Masters stattfindet. Wiederum sieben Tage später steigt das erste German Masters mit den ersten beiden Durchgängen zur WM-Quali. Danach ist jedes Wochenende wieder ein Wettkampf. Ich bin jetzt praktisch immer unterwegs. Höhepunkt ist natürlich die WM im Dezember in Lüttich. Spätestens dort werden Sie den einen oder anderen Sportler aus Asien wiedersehen. Oder ist die Einladung zum Gegenbesuch in der "Fränkischen"schon erfolgt? Einige Hongkonger waren schon in Deutschland, aber in Baden-Württemberg zum Training. Ich war einen Tag in Macau, um mit dem dortigen Team zu trainieren. Es wäre toll, wenn ein paar Sportler mich für eine Trainingssession besuchen. Das funktioniert aber frühestens nächstes Jahr, es muss vorher auf beiden Seiten noch viel organisiert werden. Aber ich würde mich riesig freuen, wenn es zustande kommt.