Es ist ein extremer Fall von Gewalt auf dem Fußballplatz: In den Niederlanden haben drei Jugendliche einen Linienrichter derart schwer verprügelt, dass der 41-Jährige an den Folgen der Schläge und Tritte starb. Vermutlich nur, weil sie mit den Abseitsentscheidungen des Familienvaters nicht einverstanden waren. Auch hierzulande ist Gewalt auf und neben dem Platz ein immer größeres Thema. Sagen die Medien. Sagt die eigene Wahrnehmung. Und wie sehen es die, die selbst betroffen sind? Wir haben uns mit Schiedsrichter-Obmann Hans Heckel unterhalten.

Herr Heckel, was läuft eigentlich falsch, wenn ein Mensch auf dem Fußballplatz zu Tode getreten wird?
Hans Heckel: Da läuft ganz viel falsch. Das grundsätzliche Problem ist der fehlende Respekt - gerade in der Jugend. Vor 20, 25 Jahren war das noch ganz anders. Außerdem sind die Vereine verpflichtet, für die Sicherheit zu sorgen, Ordner zu stellen und den Schiedsrichter zu schützen. Dieses Bewusstsein muss viel stärker in den Köpfen der Verantwortlichen verankert sein. Es kommt ja immer wieder vor, dass Schiedsrichter attackiert werden. Es bringt dann auch nichts, zu sagen, dass die Zahl tätlicher Übergriffe bei tausenden Spielen jedes Wochenende im Promillebereich liegt. Jeder einzelne Angriff ist aufs Schärfste zu verurteilen.

Haben die Angriffe in letzter Zeit zugenommen?
Genaue Zahlen liegen mir nicht vor, vom Gefühl her würde ich aber ganz klar sagen: ja. Es ist nicht nur die Anzahl, die zugenommen hat. Auch die Einzelfälle sind extremer geworden. Auf dem Platz passiert relativ wenig, aber viele Schiedsrichter fürchten um ihre Gesundheit, wenn sie diesen verlassen.

Ist es gerade bei Jugendspielen und in den unteren Klassen ein Problem?
Je höher ein Verein spielt, desto abgeschotteter und sicherer ist der Schiedsrichter. Die Anlagen sind größer und die meisten Vereine unterhalten Ordner, die diesen Namen auch verdienen. In den unteren Klassen ist das schwer zu handhaben. Manchmal bekommt ja derjenige die Binde, der sowieso am lautesten auf den Schiedsrichter schimpft.

Die Sperren fallen nach tätlichen Angriffen oftmals überraschend milde aus. Ein paar Spiele Sperre, ein paar Euro Geldstrafe. Muss der Verband nicht härter durchgreifen?

Die Strafen sind immer abhängig davon, wie der Schiedsrichter den Fall schildert. Dann gibt es natürlich den Gegenbericht des betroffenen Vereins. Anhand dieser Berichte muss das Sportgericht urteilen. Ein möglichst detaillierter Schiedsrichter-Bericht ist das A und O, damit das Sportgericht ein entsprechend hartes Urteil fällen kann.

Sind Sie selbst schon Opfer eines tätlichen Angriffs im Zuge eines Spiels geworden?
Ja, ein Mal - und das war richtig heftig. Es war ein Bayernliga-Spiel, ich war der Linienrichter. Zurecht hat der Schiedsrichter bei einer Schwalbe den Elfmeter-Pfiff verweigert. Eine Stunde nach dem Spiel, wir hatten geduscht und wollten das Stadion verlassen, da hat uns einer erkannt und 'Die Schiedsrichter' gerufen. 20 Mann haben uns gejagt, der Schiedsrichter hat Tritte abbekommen. Da fragt man sich schon, warum man sich das eigentlich antut.

Wie kann es künftig besser laufen?
Eine Patentlösung gibt es dazu nicht. Es ist in vielen Bereichen viel Arbeit notwendig - natürlich bei Vereinen und Betreuern, aber auch bei Eltern und Großeltern. Was manchmal bei Jugendspielen abläuft, darf eigentlich nicht sein. Im Fußball ist es eben so, dass manchmal Fehlentscheidungen stattfinden. Der Schiedsrichter ist auch nur ein Mensch und Fehler sind völlig normal. Das Bewusstsein muss sich ändern: Fußball ist Sport, und dieser soll Spaß machen. Bei manchen Eltern und Großeltern habe ich aber das Gefühl, dass es um die Weltmeisterschaft geht. Etwas mehr Lockerheit würde allen gut tun.