"Ich habe Fußball eigentlich verabscheut", so die etwas überraschende Spieleröffnung von Anna Schlenz. Die Fußballerin des SV Gloria Weilersbach gehört zu den wenigen - Frauen wie Männern - die sich während der Wintermonate die Tabelle von ganz oben betrachten können. Denn nach dem Abschluss der Hinrunde in der Kreisliga überwintern die Weilersbacherinnen auf dem ersten Tabellenplatz.

Annas Vater, selbst Fußballer, und ihr Bruder schauten im Fernsehen Fußball, ausgiebig, das tun sie immer noch: "Ich habe es immer blöd gefunden", erklärt Anna ihre Abneigung. "Da rennen zweimal elf Mann hinter einem Ball her, wo es wahrscheinlich friedlicher wäre, jedem einen Ball zu geben!"

Doch diese Aversion hielt nur so lange, bis Anna, die bis dahin lieber Tennis gespielt hatte, Hans Amon buchstäblich in die Hände fiel. Der Weilersbacher, der die Frauenmannschaft als Trainer betreut, seit er vor fast einem Vierteljahrhundert beim SV Gloria selbst eine Frauenmannschaft gründete, hat seit jeher einen Blick für Talente - auch für solche, die das selbst noch gar nicht wissen. Und Anna Schlenz gehörte zu denen, die er von Kindesbeinen an regelrecht umgarnte und sie zu einem Probetraining zu überreden versuchte.

Hartnäckigkeit wird belohnt

Hans Amon kann sehr hartnäckig sein, wenn er sich etwas in den Kopf gesetzt hat. Und dass aus Anna eine gute Fußballerin werden würde, stand für ihn unumstößlich fest. So geschah, was die einstige Fußballhasserin selbst nie geahnt hätte, und zwar in zweierlei Hinsicht: Erstens, sie ließ sich zu einem Probetraining animieren. Und zweitens, sie fand Gefallen daran, wurde geradezu von einem Saulus zum Paulus. "Im Tennis gewinnt einer - dann ist der andere enttäuscht. Und der andere, der gewonnen hat, fühlt sich vielleicht auch nicht gut, weil er die Enttäuschung des unterlegenen Gegners spürt. In einer Mannschaft relativieren sich solche Gefühle, daher bin ich ein Teamsportler."

Debüt im Mai 2004

An den Aufzeichnungen, die Hans Amon in der Schublade hat, kann er auch nach Jahren noch ablesen, wann seine Bemühungen von Erfolg gekrönt waren. "Anna hat am 10. Mai 2004 ihr erstes Spiel im Weilersbacher Trikot bestritten", sagt er, schränkt aber ein: "Gegen welchen Gegner das war, weiß ich nicht mehr." Denn so weit geht die statistische Dokumentation eben doch nicht. Sie war also zwölf Jahre alt, als sie sich von den Einflüssen von Bruder und Vater abnabelte und beschloss, selbst Fußballerin zu werden.

Seitdem hat Anna 298 Spiele für die Mädchen- und Frauenmannschaften der Gloria bestritten und dabei 183 Tore erzielt - und das, obwohl sie sich selbst mehr als Torvorbereiterin sieht. Mit einer Steffi Dierl als "lebende Tormaschine", die kürzlich für ihren 1000. Treffer geehrt wurde, mag man die Gelegenheit ergreifen, sich als Zuarbeiter hinter deren alles andere als breitem Rücken zu verstecken, doch auch eine Torjägerin braucht das "tödliche" Zuspiel.

Sportstudentin leitet das Aufwärmtraining

"Anna war schon als 16-Jährige ein kompletter Typ", rühmt Amon seine gerade 20-jährige Vorbereiterin mit Torriecher-Instinkt: "Sie hat einen festen Charakter, auch als solcher ist sie einfach Klasse." Die Spielkameradinnen haben ihr den etwas gewöhnungsbedürftigen Spitznamen "Sport" verliehen, und der ist Programm. Anna übernimmt es meistens, das Aufwärmtraining zu leiten, weil sie sich als Sportstudentin sehr gut dabei auskennt, wie man Einspielfehlern vorbeugt und einem Malheur wie einem Muskelfaserriss oder anderen typischen Aufwärmverletzungen vorbeugt.

Zwar verdrehen die anderen Spielerinnen oft theatralisch die Augen, wenn Anna sie zu Lockerungsübungen bittet, aber die Möglichkeit, auf diese Weise Verletzungen zumindest minimieren zu können, schätzen sie schon sehr. "Meine Mitspielerinnen wollen immer, dass ich Sportmedizinerin werde", lacht Anna und lässt durchblicken, dass sie sich das als Berufswunsch durchaus vorstellen kann.

"Der erste Platz wird eingemauert", hatte Hans Amon als Losung ausgegeben, als seine Mannschaft auf den Spitzenplatz geklettert war, und seine Spielerinnen arbeiten daran - in der Hoffnung, dass der für die Mauer verwendete Mörtel hält, und zwar von Sturmspitze Steffi Dierl über Vorbereiterin Anna Schlenz bis hin zu Torfrau Marija Krügel, die nach einer langwierigen Knieverletzung trotz ihrer fast 40 Jahre wieder ein zuverlässiger Rückhalt ist.

Die Konkurrenz lauert

In Sicherheit wiegen können sich die Weilersbacherinnen trotz der zwei Punkte Vorsprung nicht. Daher warnt Amon vor allem vor Mannschaften wie Obereichenbach und Frauenaurach, die dem Tabellenführer im Nacken sitzen.

Auch die bei den Konkurrentinnen als etwas überheblich geltende Mannschaft des FSV Großenseebach II ist nicht zu unterschätzen. Und selbst vor der mittlerweile auf den drittletzten Platz zurückgefallenen DJK FC Schlaifhausen, die in der letzten Saison noch "top" war, wird Amon nicht müde zu warnen.

Die Weilersbacherinnen legten den Grundstein für ihren Halbzeiterfolg mit sechs Siegen am Stück, bevor es am siebten Spieltag eine ärgerliche und vermeidbare 1:3-Niederlage gegen die Großenseebacherinnen gab. In der Liga ist Weilersbach mit einem Spiel im Rückstand, das ausgefallene Spiel in Schlaifhausen soll am 9. März nachgeholt werden.

Revanche gegen Oberreichenbach

Wie schnell es gehen kann, zeigte sich am 11. November mit einem schweren Rückschlag gegen den SC Oberreichenbach (2:9), gegen den sie allerdings am letzten Spieltag, am 18. Mai, Gelegenheit zur Revanche haben. Doch bis dahin haben die Spielerinnen um Anna Schlenz noch genügend Gelegenheit, den Charakter zu zeigen, der sie in der bisherigen Saison ausgezeichnet hat.