Die Alpen sind ein großer Abenteuerspielplatz. Skifahren, Wandern oder Klettern sind Matthias Barsch und Heribert Hofmann aber zu langweilig. Während Barsch am Freitag den Ultra-Trail du Mont Blanc in Angriff nimmt, startet Hofmann einen Tag später in die erste von acht Etappen durch die Alpen.

Sieben Qualifikationspunkte muss jeder Starter für den Mont-Blanc-Trail, einen der härtesten Ultra-Läufe der Welt, vorweisen. Barsch hat sich diese bei Wettbewerben verdient, die weit über die Distanz und vor allem das Höhenprofil eines Marathons hinaus gehen, im Vergleich zum Mont-Blanc-Rennen aber ein Spaziergang sind.
In maximal 46 Stunden muss der Sportler aus der Lichteneiche 168 Kilometer und 9600 Höhenmeter durch drei verschiedene Länder bewältigen. Bis zu 35.000 Kalorien - lächerliche 70 Big Macs - wird er verbrauchen. Ein halbes Jahr hat Barsch dafür trainiert. "Da ist fast alles andere auf der Strecke geblieben", gibt der Vater eines achtjährigen Sohnes zu. Aber Freundin Michelle und sein Arbeitgeber aus Hallstadt bringen großes Verständnis für sein Hobby auf.

Beim Radsportverein Bautzen fing der gebürtige Sachse an. Etwa 100.000 Kilometer hat er in zehn Jahren auf dem Rennrad abgespult, bis er eine sportliche Auszeit nahm. "Die Luft war raus. Ich habe nur mittelmäßige Leistungen gebracht", erinnert sich der 36-Jährige. Dann ging es Schlag auf Schlag. Über seinen Wehrdienst bei den Gebirgsjägern lernte er die Berchtesgadener Alpen kennen und lieben. Nach der Geburt von Finley war für ausgedehnte Kletter- oder Skitouren keine Zeit mehr. "Ich bin einfach losgelaufen. Wollte die Seele baumeln lassen und meine neue fränkische Heimat zu Fuß erkunden", erzählt er.


Glücksgefühle statt Alp(en)träume

Sein Etappenziel Halbmarathon übersprang er; beim Rennsteig-Lauf war nur noch über die ganze Strecke Platz. Sein erster Ultra über 72 Kilometer führte ihn 2010 wieder nach Thüringen. "Das Glücksgefühl war aber nie mehr so groß wie beim ersten Marathon", findet Barsch. In Situationen, die für die meisten Menschen einem Alptraum gleichen, empfindet der Extremsportler also Glück. Doch auch für Barsch wird der Mont Blanc ("Jeder Ultra-Läufer will dorthin"), an dem alleine dieses Jahr mehr als 30 Menschen gestorben sind, kein Kinderspiel. Vor allem vor der Nacht-Etappe hat er Respekt. Mit Schlafpausen machte er schlechte Erfahrungen und will sich daher auf mehrere, kurze Unterbrechungen beschränken.

Doch warum tut er sich das an? Für Matthias Barsch ist Laufen eine Art zu meditieren. Das Überwinden seiner Grenzen helfe ihm bei Problemen im Alltag. Den Main-Donau-Kanal hat er an einem Tag mit dem Rad abgefahren. "Mein Auto bleibt die ganze Woche stehen", sagt er. "Das brauche ich nur, um zu meinen Wettbewerben zu gelangen." Der Mont Blanc soll für ihn aber eine einmalige Sache bleiben. Die Opfer dafür waren schlicht zu groß. "Und irgendwann komme ich an den Punkt, ab dem es nichts mehr mit Spaß zu tun hat", gibt Barsch zu. Dann schaut er auf jede einzelne Sekunde, die er durchsteht, und denkt an den nächsten Zuschauerpunkt, wo Michelle und Finley auf ihn warten.


Durch die Alpen in acht Tagen

Etwas mehr Zeit hat Heribert Hofmann für seine Alpendurchquerung von Ruhpolding nach Sexten in Südtirol. In acht Tagesetappen will er mit Laufpartner Roland Klimsa 293 Kilometer sowie 13 700 Höhenmeter zurücklegen. Hofmanns vorläufiger Gipfel - "2015 mache ich eine Laufpause, auch wenn mir das niemand glaubt" - wäre fast ins Wasser gefallen. Sein planmäßiger Begleiter, der Zweite Bürgermeister von Stegaurach, Bernd Fricke, musste nach einer Verletzung und Lebensmittelvergiftung passen. "Mit Bernd hätten wir in der Kategorie ab 100 Jahre laufen können", sagt der 53-jährige Hofmann. Mit Klimsa (45) muss er dagegen bei den zusammengerechnet Über-80-Jährigen antreten und braucht für dieselbe Platzierung wohl eine bessere Zeit.

Wie für Barsch zählt bei Hofmann aber nicht nur die Zeit. "Für mich ist das wie für andere Menschen zwei Wochen Strand urlaub", sagt der selbstständige Elektriker. Angst hat er nur vor dem Wetter. Zu niedrige Temperaturen könnten seinem Asthma gefährlich werden. "Als Kind durfte ich nicht am Schulsport teilnehmen. Beim Fußball wurde ich immer als Letzter gewählt", erinnert sich Hofmann. Das Asthma hat der Schlüsselauer dank fachkundiger Behandlung aber mittlerweile genauso wie sein knorpelgeschädigtes Knie oder seine vor acht Jahren gerissene Achillessehne im Griff.


Joey Kelly ins Ziel gescheucht

Hofmann war auch schon als Berater aktiv - für Fernseh-Star Joey Kelly. "Ich habe ihn 2006 beim 100-Kilometer-Lauf in Biel mit dem Rad begleitet. Damals hatte er noch ein paar Kilo zu viel auf den Rippen und brauchte entsprechend Motivation", erzählt er. "Für ein Foto mit Fans hat er seinen Lauf sogar unterbrochen."
Den Weg zum Laufen fand Hofmann über das Ringen, Vorzeigesport in seiner Geburtsstadt Aschaffenburg. Im Trainingslager mit seinem Bruder waren die Konditionseinheiten für ihn kein Problem. Mit 29 lief er seinen ersten Marathon. "Ich musste bis nach München fahren. Das war der nächstgelegene. Der Marathon-Boom hat erst später eingesetzt", erzählt Hofmann. 107 mal 42,192 Kilometer später nimmt der zweifache Vater die Alpen in Angriff.

"Ich brauche Ziele, beruflich wie privat", erklärt Hofmann. Der Vorteil eines Partnerlaufs liegt auf der Hand. Der eine kann den anderen aus den kleinen Krisen eines Ultralaufs ziehen. Der Nachteil: Zeitverlust, da das Duo nicht weiter als zwei Minuten auseinander liegen darf. Und an den Etappenorten wartet Fricke, der sich den Abenteuerspielplatz Alpen zumindest als Zuschauer nicht entgehen lassen will.