Mit 20 Jahren auf dem sportlichen Höhepunkt: Lukas Kohl aus Wohlmuthshüll bei Ebermannstadt (Landkreis Forchheim) hat sich vor 6000 Zuschauern in Stuttgart zum Weltmeister im 1er Kunstfahren gekürt - in einem epischen Finale mit einem spektakulären Ende. Und doch: Notiz davon haben nur die wenigsten genommen, der Sport fristet unberechtigterweise ein Nischendasein.

Im Interview spricht der Student über die emotionalen Stunden der WM, die Verbundenheit zu seinem Dauerrivalen - und wie es gelingen kann, dem Hallenradsport endlich zu mehr medialer Präsenz zu verhelfen.

Frage: Herr Kohl, Ihr guter Freund ist auch gleichzeitig Ihr größter Rivale. Weil Michael Niedermeier aber wenige Sekunden vor Ende stürzte, wurden Sie Weltmeister. Ihre Gefühlswelt muss da ziemlich Achterbahn gefahren sein...
Antwort: In der Tat. Ich habe ihm diesen Sturz nicht gewünscht, es tut mir auch sehr leid für ihn. Ein Sturz wie dieser passiert vielleicht einmal in fünf Jahren: Beim Übergang passieren eigentlich andere Fehler, er konnte aber nicht richtig zupacken und ist abgerutscht, seine Hände waren zu schwitzig. Das war großes Pech. Aber seine Reaktion war herzzerreißend...

Frage: Er hat Sie direkt danach auf seinem Kunstrad auf eine Ehrenrunde durch die Porsche-Arena mitgenommen. Das ist wohl nicht üblich?
Antwort: Das habe ich in dieser Form noch nicht erlebt, ein Novum. Es zeugt von seinem enormen Sportsgeist. Er hat mir diesen Titel von Herzen gegönnt und sich gefreut, da war nichts gespielt oder aufgesetzt - das nenne ich wahre Größe. Wir kennen uns seit Jahren, trainieren gemeinsam und haben uns in Stuttgart auch ein Zimmer geteilt. Er hat mir vor meiner ersten WM so viele Tipps gegeben und mir einen Großteil der Nervosität genommen. Das ist keine Konkurrenzsituation im klassischen Sinn. Jeder unterstützt den anderen, Titel hin oder her.

Frage: 6000 Zuschauer waren begeistert, die Deutschen Presse Agentur meldete über die WM aber keine einzige Zeile. Ärgert Sie das?
Antwort: Es macht mich traurig, weil ich es einfach nicht nachvollziehen kann. Der Fußball schwebt über allem und erdrückt quasi viele kleinere Sportarten, die in der medialen Berichterstattung keine Berücksichtigung finden. Da gehören wir natürlich auch dazu. Andere Sportarten haben wenigstens das Glück, alle vier Jahre im Rahmen der Olympischen Spiele für einen kurzen Moment im Fernsehen zu sein. Das fehlt bei uns komplett. Das Bayerische Fernsehen hat bislang keine Bilder gezeigt, obwohl viele bayerische Sportler dabei waren und Medaillen geholt haben. Und damit meine ich nicht nur den Michi und mich. Der SWR hatte am späten Sonntagabend einen 30-minütigen Beitrag über die WM gebracht, den Fokus aber verständlicherweise auf die lokalen Starter gelegt. Wir kamen vielleicht eine Minute darin vor, aber selbst darüber bin ich schon sehr dankbar.

Frage: Was bestärkt Sie im Glauben, dass Kunstrad eine größere Aufmerksamkeit bekommt?
Antwort: Diese WM war ein sehr großer Schritt, eine super Atmosphäremit insgesamt 18 000 Zuschauern an drei Tagen. Das zeigt doch schon, dass wir mehr Aufmerksamkeit verdient haben als wir tatsächlich bekommen. Mit Brian Cookson war erstmals der Chef des Weltradsport-Verbands UCI bei einer Hallenrad-WM, er zeigte sich begeistert. Das sind gute Signale, dass es sich lohnt, auch andere Bereiche des Radsports zu beleuchten. Der Weltverband hat die Möglichkeit, uns zu pushen und mehr TV-Präsenz zu verschaffen. Es wird Zeit, dass es auch dazu kommt.

Frage: Der Ruf des Radsports im Allgemeinen hat in den vergangenen Jahr sehr stark gelitten, Stichwort Doping.
Antwort: Das stimmt. Aber da reden wir in erster Linie vom Rennrad-Sport. Die Dopingproblematik ist da nicht von der Hand zu weisen, das haben die vielen Fälle ja bewiesen. Dass dieser Bereich so dopingverseucht ist, hat auch für uns, den Mountainbike-Bereich oder die BMX-Schiene negative Folgen. Man setzt es eben gleich. Das ist bedauerlich.

Frage: Im Rennrad-Zirkus wird aber das große Geld bewegt...
Antwort: ... was wohl auch dazu führt, dass die Hemmschwelle sinkt, sich einen Vorteil zu verschaffen. Für den Weltmeister-Titel habe ich keine Siegprämie erhalten, nicht einen Cent. Mir ist die Goldmedaille und das Regenbogen-Trikot des Weltmeisters aber ohnehin lieber. Trotzdem geht es auch darum, dass wir unseren Sport finanzieren können. Sponsoren in diesem Sinne gibt es nicht, weil eben die mediale Präsenz fehlt. Im Jahr 2015 habe ich von der Deutschen Sporthilfe eine monatliche Unterstützung von 150 Euro erhalten, diese muss immer wieder neu beantragt werden. Man kann da auch leer ausgehen. Das Kunstrad stellt mein Verein, für das Training haben wir uns im Kunstradteam Bayern zusammengefunden - eine private Initiative ohne Fördergelder. Ohne meine Mutter, die auch meine Trainerin ist, hätte ich diesen Aufwand in jungen Jahren niemals stemmen können.

Frage: Sie sind erst 20 Jahre und schon am Höhepunkt der Karriere. Manch einer beendet da seine Laufbahn. Und Sie?
Antwort: Das kommt nicht in Frage, ich liebe den Sport und will ihn weiter betreiben. Es ist zwar schon jetzt stressig, Studium mit Sport unter einen Hut zu bringen. Aber das ist es mir wert. Ich will noch viele tolle Momente erleben, Erfahrungen sammeln und eventuell den ein oder anderen Erfolg feiern. Aber jetzt gönne ich mir mal ein bisschen Pause, bevor ich nächstes Jahr meine Wettkämpfe genießen werde.


Die erste fränkische Radball-Medaille seit 1957

Auch im Betreuerteam der deutschen Radball- und Kunstrad-Elite wird fränkisch gesprochen. Der Kulmbacher Orthopäde Frank Pensel ist seit 18 Jahren Arzt der deutschen Nationalmannschaft. "Es macht großen Spaß, mit jungen Leistungssportlern zusammenzuarbeiten. Eine willkommene Abwechslung", sagt Pensel, für den es seine 17. Weltmeisterschafts-Teilnahme war.

Frank Pensel war einst selbst aktiver Radballer, wurde sogar in den Junioren-Nationalkader berufen. Noch erfolgreicher war aber Vater Willi Pensel (89). Vor 61 Jahren gewann er gemeinsam mit seinem schon 1979 verstorbenen Bruder Rudi erstmals den WM-Titel. Bei der WM 1955 holten sie sich vor vor 20 000 Zuschauern in Mailand mit ihrem gefürchteten "Kulmbacher Kreisel" die Goldmedaille. Zwei Jahre später wiederholte das Brüderpaar den Titelgewinn.

Nach den Brüdern Pensel konnte sich kein fränkisches Radball-Duo mehr für eine WM qualifizieren - bis heuer die Cousins Bernd und Gerhard Mlady aus Stein bei Nürnberg - gegen deren Opa spielten einst die Pensel-Brüder - in ihre Fußstapfen traten. Frank Pensel war schon 2008 als Mannschaftsarzt dabei, als die beiden Mittelfranken Junioren-Europameister wurden.

Pensels Arbeit begann schon Monate vor der WM. Es galt, Verletzungen adäquat zu behandeln, um mit einem gesunden und optimal vorbereiteten Team nach Stuttgart zu reisen. Dort warteten anstrengende Tage auf den promovierten Mediziner: "Die Kunstradfahrer trainierten bereits ab 6.30 Uhr, so dass die Tage bis zum letzten Finale am Sonntagabend endlos erschienen."

Die 26-jährigen Cousins Mlady zeigten bei ihrer ersten WM eine konzentrierte Leistung und begeisterten mit schönen Spielzügen und Toren. Durch einen 5:4-Sieg gegen die Bronzemedaillengewinner der WM 2015 aus Frankreich zogen die Mittelfranken ins Halbfinale gegen die Schweiz mit Planzer/Schneider ein. Während die Mladys in der Vorrunde noch einen 3:1-Sieg gegen die Eidgenossen verbuchen konnten, spielten diese nun wie ausgewechselt und revanchierten sich mit einem 3:2-Sieg.

Immerhin aber holten die Mladys mit einem 6:5-Erfolg im "kleinen Finale" gegen Tschechien die Bronzemedaille. Weltmeister wurden wie im Vorjahr die Österreicher Schnetzer/Bröll vor den Schweizern. cs


Bewegtbilder: Das Finale zum Anschauen

Sie haben das packende Finale der Top 4 im 1er Kunstfahren am Sonntag verpasst? Unter sportdeutschland.tv, einem Angebot des Deutschen Olympischen Sportbunds (DOSB), stehen die dramatischen Minuten zum kostenlosen Abruf bereit. Der Direktlink: http://sportdeutschland.tv/radsport/uci-hallen-radsport-sonntag-teil-4


So läuft eine Kür im Kunstfahren ab

Eine Kür im 1er Kunstfahren dauert fünf Minuten. In dieser Zeit müssen 30 Elemente vorgeführt werden, bis zu 200 Übungen sind im Reglement klar definiert und mit einer Punktzahl versehen. Der Sportler stellt sich seine Kür im Vorfeld selbst zusammen. Risiko gehen oder auf Nummer sicher? Eine Abwägungsfrage. Die einzelnen Elemente summieren sich zu einer Gesamtpunktzahl (z.B. 209 Punkte). Mit diesem Ausgangspunktwert startet der Sportler. Das Besondere: Die Punktzahl wird in der Halle bzw. auf den TV-Bildschirmen direkt angezeigt. "Ich finde es sehr transparent, für die Zuschauer ist es nachvollziehbar, warum es Punktabzüge gibt", sagt Kohl. Das sei ein großer Unterschied, etwa zum Boxen oder dem Eiskunstlauf. Dort sind Punkte oder Noten erst am Ende ersichtlich. Punktabzüge kann es zum Beispiel für einen unrunden Tritt (Kohl: "Nicht vermeidbar"), eine unsaubere Ausführung, unruhige Arme, ein unvollständiges Element oder Stürze geben. "Ich mag dieses System, weil man am Ende seiner Kür nicht auf die Auswertung warten muss. Das Ergebnis steht bereits fest", so Kohl.


Ein weltmeisterlicher Empfang in der Heimat

40 Personen aus Kohls Heimatverein, dem RMSV Concordia Kirchehrenbach, feierten bereits in Stuttgart mit dem neuen Titelträger. Die große Sause steigt aber am Samstag: Dann findet ab 12 Uhr im Rathaus der VG Kirchehrenbach ein großer Empfang statt. Das genaue Programm ist Kohl unbekannt. "Ich habe da keinerlei Ansprüche und Erwartungen", so Kohl, der schon als Junioren-Europameister in den Genuss eines Auto-Korsos kam: "Keine Ahnung, wie man das noch toppen kann. Ich lasse mich überraschen und freue mich einfach darauf." tsc