Als deutscher Meister machte sich Lukas Kohl vom RMSV Concordia Kirchehrenbach auf den Weg nach Stuttgart, dort fand die 80 Hallenradsport-Weltmeisterschaft in der Porsche-Arena statt. Sein Ziel, das Finale der besten Vier zu erreichen, hat er mehr als übertroffen: Nach einem dramatischen Finale kehrte der 20-Jährige als Titelträger im 1er der Männer nach Hause - ein unglaublicher Erfolg. Mit 199,43 Punkten war er an diesem Tage der Beste, wurde dafür mit WM-Gold und dem Regenbogen-Trikot belohnt. Ein großer Feiermarathon mit Ehrung, Autokorso und allem, was dazu gehört, wird in den nächsten Tagen in Kirchehrenbach stattfinden. Erst am späten Montagabend ist Kohl in seinem Wohnort Wohlmutshüll angekommen.


Es kann nur einen geben

Der amtierende Weltmeister Michael Niedermeier und der "Lukinator" waren im Vorfeld die großen Favoriten. Es war nur die Frage, wer ganz oben stehen wird. Beide bilden gemeinsam im Kunstradteam Bayern eine Trainingsgemeinschaft, haben sich 2016 schon mehrfach zu Höchstleistungen gepusht und packende Zweikämpfe geliefert. Zuletzt stand Kohl bei der deutschen Meisterschaft ganz oben und hatte auch die WM-Generalprobe beim Drei-Nationen-Cup für sich entschieden.

Im 1er Kunstrad der Männer waren 21 Athleten angetreten. Lediglich Außenseiterchancen hatten Yannick Martens (Schweiz), Wong Chin To (Hongkong) und Martin Schön (Ungarn). Der Vorkampf begann am Samstagnachmittag und setzte sich am Sonntagmorgen fort. Das hieß für Kohl: viel Wartezeit. Trotzdem gingen "die Tage für mich wie im Fluge vorbei", so Kohl. Für ihn hieß es am Sonntag ganz früh aufzustehen, bereits um 5.40 Uhr klingelte der Wecker, "damit ich um 6.45 Uhr den ersten Handstand des Tages auf dem Rad absolvieren konnte", so Kohl.

Um 12.38 Uhr wurde er unter großem Beifall der 6000 Zuschauer auf die Fläche gerufen. Mit einem spitzbübischen Lächeln im Gesicht betrat er die Fläche, über 40 Mitglieder seines Heimatvereins drückten kräftig die Daumen. "Es war schon richtig geil, vor so einem großartigen und begeisterten Publikum aufzutreten", sagte Kohl. Unbeeindruckt von der Umgebung fokussierte er sich auf seinen Auftritt und zog Übung für Übung durch. Am Ende standen 199,86 Punkte auf dem großen Videowürfel. Damit hatte er Wong Chin To (170,58) und Yannick Martens (186,02) deutlich übertroffen. Das Finale war erreicht. Niedermeier fuhr ebenfalls perfekt und übertraf mit 201,71 Punkten alle bisherigen Resultate. Das Final-Four war damit komplett.

Nun hieß es, neue Kräfte sammeln und sich auf das WM-Finale vorzubereiten, das dreieinhalb Stunden später stattfinden sollte. Und alle vier begannen wieder bei Null, die Leistungen aus dem Vorkampf spielten keine Rolle. Wong Chin To eröffnete, musste aber einmal vom Rad. 174,68 lautete seine Punktzahl, die vom Schweizer Yannick Martens mit 186,51 übertroffen wurde. Um 15.30 Uhr begann der WM-Finalstart von Kohl, anfangend mit seinem "Start-Ruf". Sattelstand und anschließender Mautesprung, hier springt er vom Sattel auf den Lenker, während es rollt (bitte nicht nachmachen!), waren perfekt. Der Sattellenkerhandstand und die weiteren 27 Übungselemente reihten sich nahtlos an. Um 15.35 Uhr stieg Kohl nach der letzten Übung, dem Kehrstandsteiger rückwärts, von seinem Sportgerät. Das Kunstrad auf der "Fläche" parken, Rundumblick durch die Arena und den lautstarken Beifall genießen. Danach die Verbeugung in alle vier Richtungen, die Hände in die Höhe als Zeichen, dass er mehr als zufrieden war. Co-Trainerin Sonja Kaiser und seine Mutter erwarteten ihn am Flächenrand, um ihm zu gratulieren. 199,43 Punkte hatte er vorgelegt, damit war ihm WM-Silber sicher. Jetzt hieß es: Platz nehmen auf der Leader-Coach und zuschauen, was der amtierende Weltmeister so macht.

Wie im Vorkampf spult Niedermeier seine Kür perfekt ab. Bis vier Sekunden vor Schluss war er der alte und neue Weltmeister. "Ich hatte total verschwitzte Hände und konnte meinen Lenker nicht mehr festhalten", so Niedermeier zu seinem Missgeschick bei der Schlussübung, als er stürzte und auch die Punkte auf 192,32 Punkte purzelten. Damit war Kohl der WM-Titel sicher, erst nach der Siegerehrung konnte er Worte zu seinem Aufritt finden. Erster Gratulant war sein Kontrahent und Freund Niedermeier, der ihn gleich auf eine Ehrenrunde durch die Arena auf seinem Kunstrad mitnahm, wo beide die stehenden Ovationen des Publikums genießen konnten. Bei der Pressekonferenz konnte Kohl immer noch nicht glauben, was da gerade passiert war. "Ich kann einfach keine Worte finden. Weder bei der DM noch heute hier in Stuttgart habe ich im Vorfeld mit dem Titel gerechnet. Ich habe mich immer als Verfolger gesehen", so die bescheidenen Worte des Studenten. "Ich wollte einfach nur die WM genießen. Das ist mir gelungen. Jetzt wird erstmal gemeinsam mit der Mannschaft gefeiert. Was in Kirchehrenbach abgehen wird, das weiß ich nicht. Da lass ich mich einfach mal überraschen."

Auch Dankesworte vergaß er nicht. "Ohne meine Mutter Andrea, die auch gleichzeitig meine Trainerin ist, wäre das für mich heute nicht möglich gewesen. Mein Dank geht auch an alle Fans, an das Publikum in Stuttgart, an die Bundestrainer Natürlich kann ich nicht alle aufzählen. Vielen, vielen Dank."