Eigentlich ist es ja ein Glücksfall: Dank einer Wildcard des Weltverbands (IHF) hatte sich die deutsche Handball-Nationalmannschaft, 2007 Weltmeister im eigenen Land, doch noch für die Weltmeisterschaft in Katar (15. Januar bis 1. Februar) qualifiziert. Das Fiasko dabei: Im frei empfangbaren Fernsehen wird davon nichts zu sehen sein. Lediglich der Bezahlsender Sky überträgt die Partien der Nationalmannschaft. Die Begegnungen ohne deutsche Beteiligung bietet Sky in einem kostenlosen Live-Stream mit englischem Kommentar im Internet an.

Die öffentlich-rechtlichen Sender ARD und ZDF hatten die Verhandlungen über die Fernsehrechte zuvor für gescheitert erklärt. "Wir sind massiv enttäuscht und geschockt, dass sich ARD/ZDF und der Rechte-Inhaber 'beIN Sports' nicht auf für beide Seiten akzeptable Konditionen einigen konnten", sagte Bernhard Bauer, Präsident im Deutschen Handball-Bund (DHB). Der Pay-TV-Sender Sky Deutschland hatte zwischenzeitlich abgewunken, zu teuer seien die zu erwerbenden Rechte. Das galt auch für Sport1 und seinen Pay-TV-Ableger Sport1+. Vor zwei Wochen kam die Kehrtwende beim Bezahlsender aus Unterföhring. Innerhalb kürzester Zeit sorgte Sky dafür, dass die Handball-WM überhaupt im TV zu sehen ist.


Überschneidungen im Ausland

Das große Problem an der Sache: Die Rechte werden in Europa nach Nationen vergeben, im Grunde gab es bis zum Sky-Einstieg nur noch in Deutschland einen großen weißen Fleck auf der TV-Karte. ARD und ZDF, zwei mögliche Abnehmer mit dem finanziellen Potenzial, sind über Satellit auch im Ausland zu empfangen - und würden somit in direkte Konkurrenz zu dortigen Pay-TV-Angeboten treten, etwa in Frankreich. "Overspill" lautet hier das entscheidende Schlagwort.

"Die Begründung der Absage irritiert uns sehr. Wir haben vor Abgabe unseres Angebots beim Rechteinhaber klären lassen, ob die aktuellen Ausstrahlungswege von ARD und ZDF über Satellit ein Problem seien. Uns wurde schriftlich bestätigt, dass die Verbreitung, auch über Satellit, kein Problem ist. Dies wird jetzt aber als offizielle Begründung angeführt. Wir wissen nicht, woran es wirklich gelegen hat", äußerte ZDF-Sportchef Dieter Gruschwitz sein Unverständnis auf der Homepage des Senders.


Preiß: Erfolge sind ausgeblieben

Sebastian Preiß vermutet, dass der Misserfolg des DHB-Teams in den vergangenen Jahren eine Rolle spielt. "Die Öffentlich-Rechtlichen hätten sich mehr um die Rechte bemüht, wenn Deutschland zuletzt besser abgeschnitten hätte", sagt der Kreisläufer des HC Erlangen und einer der Protagonisten des Wintermärchens vor rund acht Jahren. Die Nationalmannschaft müsse durch positive Ergebnisse erst wieder in Vorleistung treten.

"Das DHB-Team ist schließlich das Zugpferd des deutschen Handballs und dazu gehört auch eine ordentliche TV-Präsenz", findet der Franke. In der Gruppe mit starken Polen und Dänen sowie den international eher zweitklassigen Russland, Argentinien und Saudi-Arabien hält er ein Weiterkommen für machbar. "Ich sehe einen Aufwärtstrend, nach den jüngsten Resultaten können wir in Katar nur gewinnen", glaubt der ehemalige Auswahlspieler.


Letzte Ausfahrt: Internet

Und nun? Wer kein Sky-Abo besitzt, kann im Internet nur bestimmte Partien verfolgen. Denn von den Spielen, die Sky in seinem Live-Stream zeigen will, sind die mit deutscher und österreichischer Beteiligung, sämtliche Spitzenspiele sowie alle Partien ab dem Viertelfinale ausgeschlossen.

Die Plattform sportdeutschland.tv, quasi das Internetfernsehen des Deutschen Olympischen Sportbundes (DOSB), scheidet für dieses Turnier ebenfalls aus. Bei der dort übertragenen Volleyball-WM der Männer im vergangenen Jahr profitierte davon ohnehin nur, wer eine entsprechend schnelle Internetverbindung zur Verfügung hatte. Von einer flächendeckenden Versorgung mit Live-Bild-Material aus Katar kann also keine Rede sein.

Sebastian Preiß könnte sich vorstellen, die Partien in der WG seiner Mitspieler Oliver Hess sowie Nikolai und Jonas Link bei Sky zu gucken, "sofern das nicht mit unseren Trainingszeiten kollidiert", erklärt der 33-Jährige, der seit Montag mit dem HC wieder am Unternehmen Bundesliga-Klassenerhalt arbeitet.

Weitere Stimmen

Gerd Tschochohei (Präsident des Bayerischen Handball-Verbandes): Sicher nehmen alle Handballer in Bayern die Nachricht mit Bestürzung auf, dass momentan keinerlei Übertragungen, insbesondere in ARD, ZDF und Sport1 von der Männer-WM in Katar zu sehen sein werden. Es ist nicht nachvollziehbar, dass die Internationale Handball-Föderation nicht in der Lage war, Verträge abzuschließen, die dem Wunsch ihrer Mitglieder entspricht. Für den deutschen Handball ist dies eine Unzumutbarkeit hinsichtlich der Öffentlichkeitswirkung der Sportart.

Stefan Schick
(Vorsitzender, HC Forchheim): Ich habe Sky zu Hause. Wenn ich an die Stimmung 2007 denke, finde ich es aber schade, dass die Spiele nicht frei empfangbar übertragen werden. Irgendwann haben wir nur noch Fußball im Fernsehen. Die Aufgabe der Öffentlich-Rechtlichen sollte es aber sein, eine größere Bandbreite abzudecken. Die Spieler unserer Teams werden sich wohl irgendwie zusammenfinden, um die Partien der Deutschen zu gucken.

Johannes Gumbmann (Spielertrainer des SV Buckenhofen II): Für die deutschen Handball-Fans ist das sehr schade. Aber nach dem Sieg 2007 hat der Verband eben einige Sachen falsch gemacht und Gelegenheiten verpasst, die Popularität der Sportart zu steigern. Die WM in Katar ist aber ein zweischneidiges Schwert. Deutschland ist ja nur dabei, weil Australien rausgeschmissen wurde, eigentlich wäre Island der erste Nachrücker gewesen. Wir haben aber einfach den größeren Markt. Und bei so einer Veranstaltung spielen eben wirtschaftliche Interessen ein große Rolle.

Nils Oßwald (Abteilungsleiter des Baiersdorfer SV): Es ist ein äußerst schlechtes Signal für den Handball-Sport in Deutschland. Wir merken, dass immer weniger Jugendliche Lust auf Handball haben. Das war 2007 nach dem WM-Sieg noch ganz anders. Da haben es die Öffentlich-Rechtlichen aber verpasst, auf den Zug aufzuspringen, Handball präsenter zu machen und auch mal die Bundesliga zu zeigen. So droht, dass der Sport immer mehr aus dem Sichtfeld verschwindet.

Max Willert (Spieler bei der HSG Erlangen/Niederlindach): Das ist ein herber Rückschlag. Wenn man überlegt, welcher Aufwand bei der Fußball-WM 2014 betrieben wurde und jetzt die Handball-WM nicht mal übertragen wird, ist das für unsere Sportart natürlich sehr bitter. Im Freundeskreis haben wir schon ausgemacht, dass wir es schaffen wollen, möglichst viele Spiele bei Sky gemeinsam anzuschauen. Allerdings werden wir die deutsche Mannschaft wohl nach dem Achtelfinale nicht mehr sehen. Auch wenn Deutschland die stärkste Liga der Welt hat, reicht das Potenzial der Nationalmannschaft nicht aus, um den Titel zu gewinnen. Dieses Phänomen ist mit der englischen Fußballliga vergleichbar. Dort ist das Niveau auch sehr hoch, während die Nationalmannschaft im internationalen Vergleich hinterherhinkt. Das Ganze liegt eventuell am sehr hohen Anteil der ausländischen Profis, beziehungsweise daran, dass junge, deutsche Spieler nicht ausreichend gefördert werden.

Andreas Kanka (Torhüter beim HV Herzogenaurach): Diese Entwicklung zeichnet sich schon seit Längerem ab. So sind ja auch die Champions-League-Spiele nicht mehr frei zu empfangen. Das ist für die Fans natürlich sehr traurig. Vor allem, wenn man dann sieht, dass Basketball, der sportliche Gegenpart des Handballs, so viele Spiele im Fernsehen übertragen lässt. Ich habe mir vorgenommen, so viele Spiele wie möglich im Internet anzuschauen. Ich bin mal gespannt, ob es zumindest einige gute Livestreams geben wird.

Sarah Stephan (Bayernliga-Spielerin bei der TS Herzogenaurach): Das ist bitter für den Handball. Bislang wurde ja so gut wie jede Europa- oder Weltmeisterschaft bis hin zur Champions League übertragen. Teilweise kamen sogar Spiele ohne deutsche Beteiligung im Fernsehen. Diese Entwicklung macht wohl jeden Handballfan traurig. Trotzdem werde ich versuchen, alle Spiele anzuschauen, die mich interessieren. Ich hoffe, die deutsche Mannschaft kann in Katar überraschen - egal in welcher Hinsicht. Was am Ende rauskommt, kann man jetzt nur schlecht einschätzen.

Christian Rothe (Spieler beim HV Herzogenaurach): Viele machen es sich jetzt einfach und schieben die Schuld auf die Vermarktung der TV-Rechte. Ich sehe die generelle Entwicklung und die Strategie der Öffentlich-Rechtlichen äußerst kritisch. Der Handballsport leidet darunter, dass die WM-Spiele nicht übertragen werden. Meine Alternative lautet Sky. Und da freu ich mich auch schon drauf! So kann ich sämtliche Partien trotzdem in Ruhe verfolgen. Man sollte in Sachen Titelambitionen die Kirche im Dorf lassen. Zwar ist generell im Sport alles möglich. Aber wenn man das Ganze nüchtern und sachlich betrachtet, muss man zugeben, dass Länder wie Frankreich oder Dänemark deutlich weiter als wir sind. Diese Mannschaften sind qualitativ besser und breiter als wir aufgestellt und sind damit die klaren Favoriten. Zudem bin ich mir noch nicht sicher, ob die deutsche Sieben schon richtig eingespielt ist. Allerdings hat die deutsche Mannschaft aus meiner Sicht nichts zu verlieren. Ich glaube und hoffe auf eine Platzierung unter den letzten acht Mannschaften.