Einen Tag ist Nela auf der Welt. Und schon greift der Papa zur Kamera. Nichts besonderes im digitalen Deutschland, könnte man meinen. Allerdings bringt dieser Papa aus Forchheim die Bilder so schön zum Laufen, dass nicht nur die meisten Väter vor Neid erblassen. Auch die Filmwelt staunt über die technische Perfektion der kleinen Streifen aus Forchheim.
 

Nela from Sebastian Wiegärtner on Vimeo.


Als Sebastian Wiegärtner seine ersten cineastischen Gehversuche unternimmt, war Nela noch gar nicht geboren. Annabelle, seine erste Tochter, krabbelte im Garten zwischen Gänseblümchen. Das war vor drei Jahren. Der frischgebackene Familienpapa nimmt etwas Geld in die Hand und ersteht eine digitale Spiegelreflex-Kamera. Kostenpunkt 3000 Euro. Nicht ganz billig, aber erschwinglich. "Ich wollte eigentlich nur die ersten Jahre meiner ersten Tochter mit der Kamera begleiten."

 

 

 

 

 

TUMULUS from Sebastian Wiegärtner on Vimeo.


Keine Fotos, bewegte Bilder wohlgemerkt. Der Clou: Mit den digitalen Spiegelreflex-Kameras (DSLR) aus Japan kann Jedermann mit kleinem Geld plötzlich große Filme drehen. Ein paar Tricks braucht es aber schon, um die Spielfilm-Qualität hinzubekommen. In aller Kürze: Offene Blenden, Verschlusszeiten um 1/50tel Sekunden und viel (Kunst-)Licht sind wichtig. "Licht ist der Pinsel des Kameramanns", erklärt der 29-Jährige aus Forchheim.


Models in Paris und Ritter im Wald

Den richtigen Film-Look erreicht man nur, wenn man mit der Tiefenschärfe spielen kann. Mit einer geringen Schärfentiefe öffnet sich das Tor zum filmischen Erzählen. Wer sich die Eröffnungssequenz aus "Annabelle" - Sebastians Erstlingswerk mit seinem Töchterchen als Star - anschaut, der versteht sofort, was damit gemeint ist. Gänseblümchen leuchten in satten Farben scharf im Vordergrund, während das Grün der Blumenwiese und das Blau des Himmels unscharf im Hintergrund zu erahnen sind. Dann läuft schon die kleine Annabelle durchs Bild.

 

 

 

 

 

SHOWREEL 2009-2012 from Sebastian Wiegärtner on Vimeo.


Dieser kleine Familienfilm findet schnell eine große Fangemeinde im Netz. Und auch der Mann, der mit kleinen Kameras großes schafft, hat immer mehr Verehrer im Internet. "Trotzdem hab' ich Stunden mit Schnittprogrammen verbracht und wöchentlich gedreht. Übung macht eben den Meister. Und Routine ist das A und O beim Filmen." Während er in der Werbeagentur des Vaters in Forchheim immer mehr Aufgaben übernimmt, entstehen die nächsten Filme. Für ein Mode-label filmt er Models in Paris, für einen Objektiv-Hersteller dreht er einen Ritter-Film im finsteren Druidenhain, um zu zeigen, was die neuen lichtstarken Objektive im dunklen Wald leisten können. Das Schwierige beim Drehen mit DSLR-Kameras: das Scharfstellen. "Die Dinger sind halt eigentlich zum Fotografieren und nicht zum Filmen gemacht." Mittlerweile dreht Wiegärtner mit Profi-Equipment.

Das Fokussieren bei diesen digitalen "Large Sensor Film-Cameras" funktioniert wie bei echten 35-Millimeter-Filmkameras. Der Nachteil: die kleinen Kästen sind so teuer wie ein Mittelklasse-Wagen. Bei Sebastian liegen zwei solche Geräte für den nächsten Dreh einsatzbereit im Schrank. Zwischen Film-Produktionen hält er Vorträge in Istanbul oder leitet Workshops auf Mallorca. "Es ist schwer vorstellbar, was alles in diesen drei Jahren passiert ist. Begonnen hat alles mit Annabelle, dann kam Hollywood. Das ist schon irre." Bald will er Spielfilme machen. Aber erst, wenn die Töchter etwas älter sind.