Bis vor zwei Jahren betrieb der Landkreis keine eigene Unterkunft für Asylbewerber. Das änderte sich ab November 2012. Damals lebten 71 Flüchtlinge im Landkreis. Aktuell sind es 336. "Die Not ist groß", sagte Landrat Hermann Ulm (CSU) am Donnerstag. Und er meinte nicht nur die Not der Asylsuchenden.
Denn im Sozialamt versucht Bernhard Rettig mit einem fünfköpfigen Team eine Arbeit zu koordinieren, die kaum noch zu bewältigen sei. Nur mit Hilfe der Asyl-Sozialarbeiterinnen der Caritas und dank des ehrenamtlichen Engagements gelinge es, "sich ein Rundum-Bild zu machen", sagt Rettig.

Er sei permanent auf der Suche nach Unterkünften. Das jüngste Quartier entsteht gerade in der alten Spinnerei; dort, wo künftig Lofts gebaut werden, können vorübergehend 40 Asylbewerber wohnen. Wöchentlich müssen 15 neue Flüchtlinge im Landkreis untergebracht werden. "Zu Jahresbeginn hieß es noch, dass vier pro Woche kommen." Rettig verhandelt bereits jetzt mit Vermietern, in deren Wohnungen jene Flüchtlinge beherbergt werden, die im Dezember Forchheim erreichen.
Seit Mittwoch hat sich die Lage erneut verschärft. Die Regierung forderte alle Landkreise auf, Notunterkünfte zu eröffnen. Das heißt: Auch in Forchheim muss es möglich sein, kurzfristig 200 bis 300 Flüchtlingen Unterschlupf zu gewähren.
Am Freitag trommelte Landrat Ulm seine Mitarbeiter zur "Krisensitzung" zusammen. Bernhard Rettig kommentierte die zusätzliche Arbeit trocken: "Dieser Aufgabe müssen wir uns stellen." Teil des "Notfallplans" sei es nicht nur, ein Quartier mit hunderten von Feldbetten zu bestücken und zu verwalten. Innerhalb weniger Stunden muss es möglich sein, bis zu 300 Flüchtlinge mit Nahrung und Medizin, mit Strom und Wasser zu versorgen.
"Die Zahlen sind dramatisch", sagt der Grüne Kreisrat Matthias Striebich. Er fordert "eine Aufstockung der Asyl-Sozialarbeit". Auch Bernhard Rettigs Abteilung soll aufgestockt werden. Ulrich Schürr (JB) regte im Kreis-Sozialausschuss am Donnerstag zudem an, eine "zentrale Koordinierungsstelle" einzurichten.

Denn das Rettig-Team wird permanent mit Anfragen überhäuft, die im Landratsamt gar nicht beantwortet werden können. Wer fährt mit den Asylbewerbern zum Arzt? Wer managt, dass ein Dolmetscher dabei ist? Wer sorgt dafür, dass die Asyl-Kinder, etwa in Buckenhofen, einen Platz im Kindergarten bekommen, wo doch die Kapazitäten erschöpft sind? Wer hilft, Sponsoren für Deutsch-Lehrbücher zu finden? Wo können gespendete Güter gelagert werden?

Geiziger Vermieter

In Gößweinstein zum Beispiel verbietet ein Vermieter den Flüchtlingen, einen zweiten Kühlschrank aufzustellen, weil er Stromkosten sparen will. Auch der Wasserverbrauch der Bewohner ist dem Vermieter zu hoch. Wer gebietet dem Vermieter Einhalt oder kündigt ihm den Vertrag? Diese Geschichte erzählt Rainer Polster. Der FW-Kreisrat engagiert sich in der ehrenamtlichen Asylarbeit und appelliert: "Der Kreis der Helfer muss größer werden!"
Alarm schlägt auch die Caritas: "Der Anspruch an die Betreuung ist expansiv", sagt Werner Lorenz. Daher verdoppele die Caritas jetzt die Stundenzahl in der Asyl-Sozialarbeit - ohne Rücksicht darauf, ob dann auch Fördergelder fließen.
Mittlerweile kooperieren Bernhard Rettig und die Gemeinden reibungslos: Die Angebote potenzieller Vermieter werden vorgefiltert. "Es ist schon eine Erleichterung, wenn ich mir nur noch 30 statt 50 Unterkünfte ansehen muss." Angeboten werde ihm viel, sagt Rettig. Der Zustand sei oft nicht akzeptabel. Mitunter müsse möbliert werden. Die Verhandlungen seien manchmal mühsam, weil die Vermieter von überzogenen Preisen ausgehen. "Sie verweisen auf Erlangen oder Bamberg - und ich sage ihnen, das zahlen wir in Forchheim nicht."

Über die Bezahlung der Quartiere spricht Rettig nicht öffentlich. Grob gilt: Es werden ortsübliche Mieten bezahlt und pro Bewohner um die 20 Euro am Tag. Je nach Größe der Unterkunft muss dann aber auch ein Hausmeister vor Ort sein.
Wo in Kürze die Notunterkunft für 300 Flüchtlinge eröffnet wird, das konnten die Verantwortlichen im Landratsamt am Freitag noch nicht entscheiden.
In Frage kämen Turnhallen und ähnlich große Gebäude, sagt Pressesprecherin Kathrin Schürr. Eine Koordinationsgruppe (Mitarbeiter des Gesundheitsamtes, Experten für öffentliche Ordnung, etc.) werde sich in den nächsten beiden Wochen mit dem Notfallplan und der Standortsuche beschäftigen.

CSU-Kreisrat Eduard Nöth spricht von der "derzeit größten politischen Herausforderung". Dass sie organisatorisch bewältigt werde, daran habe er keinen Zweifel. Besorgt sei er aber wegen der "langwierigen Verfahren". Und auch über die "Vorstellungen mancher Asylbewerber" macht sich Nöth Gedanken: "Ein Großteil der Flüchtlinge kehrt nicht zurück und wir müssen ihnen hier einen Lebenssinn geben."