"Mit der geplanten Gesetzesänderung, die Jens Spahn angesprochen hat, wird trotzdem niemand zur Organspende gezwungen", sagt Chefarzt Jürgen Gschossmann. Seiner Meinung nach, muss sich dadurch jeder Bürger in Deutschland einmal intensiv mit dem Thema beschäftigen. Ungefähr 12 000 Menschen sterben jährlich, weil sie kein Organ erhalten, so Gschossmann. "Ich finde es gut, dass so jeder aktiv werden und auch eine Position beziehen muss."

Mit dieser Meinung ist er nicht alleine: auch der Hausarzt Hans-Joachim Mörsdorf hofft, dass das Gesetz kommt. "Wir haben zu wenig Organe um Menschenleben zu retten, deshalb komm diese aus dem Ausland wie zum Beispiel Österreich."

Schriftlich festgehalten

Gesetzlich sieht die aktuelle Situation noch so aus, dass eine Organspende komplett freiwillig erfolgt und entweder in einem Organspendeausweis oder in der Patientenverfügung festgehalten werden kann. Falls kein Vermerk darüber schriftlich festgehalten wurde, liegt die Entscheidung bei den Angehörigen. "Wir als Ärzte sprechen natürlich noch mit ihnen über eine Organspende des Verstorbenen. Ansonsten hätten wir noch weniger", sagt Gschossmann.

Auch in der Pressemitteilung der Krankenversicherung AOK vom 5. September heißt es, dass jetzt umfassender über das Thema informiert werden soll. Ziel sei es, alle Versicherten ab dem 16. Lebensjahr zu ermutigen, sich mit der Organspende auseinander zu setzen. So dürfen Jugendlich ab 14 Jahren einen Widerspruch ohne die Zustimmung ihrer Eltern treffen. Wie sieht es aber bei Kindern aus? Dazu gibt es auch feste Regelungen, die beispielsweise in der Informationsbroschüre der AOK nachzulesen sind. In diesem Fall muss nach dem geäußerten oder mutmaßlichen Willen des Kindes gehandelt werden. Ist dieser Wille nicht bekannt, können die Eltern nach ihren Vorstellungen entscheiden.

Dazu kann auch Gschossmann eine sehr emotionale Geschichte erzählen, die er bei einer Informationsveranstaltung zu dem Thema erlebt hat: Dort haben die Eltern eines Mädchen gesprochen, deren Tochter tödlich verunglückt war und deren Organe gespendet wurden. "Auf der anderen Seite, erzählte dann ein Ehepaar von ihrer Tochter, die aufgrund einer Organspende weiterleben konnte." Sein Kollege Mörsdorf behandelt in seiner Praxis ebenfalls Empfänger einer Organspende: "Die gespendeten Organe haben ihnen ihr Leben gerettet und sie sind überglücklich."

Frage nach dem Warum

Für den Chefarzt ist es wichtig, die Frage zu klären, warum es so wenige Spender gibt. Dafür kann er sich drei Gründe vorstellen: generelle Ablehnung, fehlende Aufklärung oder das Misstrauen nach dem Organ-Spende-Skandal aus dem Jahr 2012. "Für mich ist die Bezeichnung "Organ-Spende-Skandal" nicht richtig", erklärt er. "Es wurden nicht widerrechtlich Organe entnommen, sondern ein paar Personen wurden auf der Dringlichkeitsliste bevorzugt behandelt." Dafür sei jedoch nur ein kleiner Personenkreis verantwortlich gewesen und Gschossmann. Obwohl es sich dabei um eine Straftat gehandelt hat, findet er es trotzdem nicht fair, dass dadurch unschuldige Menschen, die auf die lebensnotwendigen Organe warten, bestraft werden.

Mörsdorf kann sich noch zwei weitere Gründe vorstellen, warum viele Angst davor haben: zum einen religiöse Gründe und davor, dass sie noch nicht wirklich tot sind. Er meint, dass jemand der an die Wiedergeburt glaubt auch möchte, dass sein ganzer Körper beerdigt wird. "Dass man noch lebt und die Organe einfach entnommen werden, dass ist eine unbegründete Angst", sagt der Hausarzt lachend. "Die Vorgehensweise um den Hirntod festzustellen ist bei uns sehr eindeutig und wird auch mehrmals geprüft."

Gschossmann appelliert an die Menschlichkeit und Empathie: "Es ist doch schrecklich, wenn man sich in die Situation versetzt, dass ein naher Angehöriger wie der Partner oder das Kind weiterleben könnte, aber man muss sagen "Weil kein entsprechendes Organ da ist, musst du sterben". Die Frage, die man sich stellen müsse ist, ob man die Möglichkeit nutzen möchte, nach seinem Tod ein anderes Leben retten zu können und ob man selbst ein Organ annehmen würde. Er betont nämlich, dass es jeden Menschen treffen kann und ein neues Organ die letzte Möglichkeit ist um zu überleben.