Trotz der Allgegenwart von Internet und Filmen scheint das Theater nicht seine Anziehungskraft verloren zu haben, auch nicht bei der Generation unter 20. Diesen Eindruck konnte man mitnehmen aus der Lesung der Dramatikerin Kerstin Specht in der Fachoberschule, während Theater nach Spechts Angaben eher Romane und Filme als Vorlagen für Bühnenfassungen suchen. Jemandem von Angesicht zu Angesicht befragen zu können und den Autor mit seiner Stimme seinen Text vortragen zu hören, macht eben einen Unterschied.

Kerstin Specht, die inzwischen auf ein Werk von 22 Schauspielen zurückblicken kann, stammt aus dem Frankenwald. Die kleinbürgerliche Atmosphäre dort war für sie der Impuls, mit einem Studium der Germanistik, Theologie und Filmwissenschaften etwas für sich selbst zu tun, eben ein Bühnenstück zu schreiben.

Durch einen Glücksfall, so Specht in ihren biografischen Angaben, gelangte das "Glühend Männla" nach Berlin und fand - für sie völlig unerwartet - Anklang, obwohl der Text in einer "fränkischen Kunstsprache" verfasst war, die aber hohe Authentizität hat. Denn bei einer Aufführung in Frankfurt spielte eine Schauspielerin norddeutscher Herkunft die Hauptrolle. "Sie rutschte immer wieder ins vertraute Plattdeutsch", fiel Specht bei den Proben auf.

Spechts "Küchenstücke", also alle, die gewissermaßen den heimischen Herd als Mittelpunkt haben, sind am meisten um die Welt gegangen. Das "Glühend Männla" liegt auch in einer englischen Adaption vor. Die "Traurigkeit der Provinz", meinte Deutschlehrerin Dagmar Übler, die den Kontakt zu der Villa-Concordia-Preisträgerin hergestellt hat, ist offenbar ein tragfähiger Untergrund, völlig unabhängig von der ursprünglichen Entstehungsregion.

Das "Glühend Männla", so beantwortete sie eine Schülerfrage, war das Stück, das sie am wenigsten umgearbeitet hat: "Das saß beim ersten Guss." Ganz anders verlief der Arbeitsprozess bei einem Auftragsstück über die Ingolstadter Literatin Marieluise Fleißer. Die Fassung zu deren 100. Geburtstag hatte viele Rollen; für die Münchner Kammerspiele reduzierte sie das Thema auf einen Monolog der Gefeierten.

Aus dieser Fassung trug sie auch den Fachoberschülern vor und übermittelte ihnen viele Lebensabschnitte der Ingolstadterin, die lange Jahre im Schatten ihrer berühmteren Zeitgenossen Bert Brecht und Lion Feuchtwanger gestanden hat und mit oder neben ihnen Schwabinger Faschingsorgien, die Inflation und Hitlers Aufstieg erlebte. "Ich wollte Dinge tun, die Männer tun, und wollte, dass man meine Augen schön findet", lässt Specht Fleißer über sich selbst sagen. Fast 100 Jahre liegen zwischen dieser Lebensepisode Fleißers und dem Heute, und trotzdem umfasst der eine Satz das Dilemma, dem auch Frauen des 21. Jahrhunderts kaum entgehen können.

"Außer bei diesem biografischen Stück weiß ich das Ende nie; ich habe keinen Plot im Kopf", ergänzte Specht ihre Antwort auf die Frage, wie sie denn schreibe. Und: "Erst mal suchen, was die anderen geschrieben haben. Literatur entsteht aus Literatur, auch wenn man genau das Gegenteil macht als das Vorbild."