Marianne Griebel kann sich noch an ihren ersten Mietvertrag aus dem Jahr 1962 erinnern. Für die Wohnung in der Gerhart-Hauptmann-Straße zahlte sie 48 D-Mark. Mit ihrem Mann, den beiden Kindern und ihrer Mutter lebte sie damals zusammen - fünf Menschen auf 45 Quadratmetern. Im Jahr 2012 ist das kaum noch denkbar. Doch damals sei es ein Glücksfall gewesen, diese Genossenschaftswohnung zu ergattern. Der Pförtner der Spinnerei hatte in der Wohnung gelebt, erzählt die heute 86-Jährige. Als er auszog, wandte sich Marianne Griebel an den Chef der Spinnerei - und bekam die Wohnung.

Heute sind auch Genossenschaftswohnungen geräumiger und komfortabler ausgestattet, aber das Prinzip sei dasselbe geblieben, sagt Wolfgang Bonengel, vom Vorstand der Wohnungsbau- und Verwaltungsgenossenschaft (WVG): Sehr viele Mitglieder kämen immer noch aus den großen Firmen wie Waasner, Piasten oder aus der Folienfabrik. Und auch an der Wohnungsknappheit habe sich nichts geändert, sagt Bonengel; wenn sie auch nach dem Krieg, bedingt durch die Flüchtlinge, extrem gewesen sei.

"Ich möchte nicht in eine private Wohnung gehen", sagt Marianne Griebel; umgezogen ist sie seit den 60er Jahren nur ein einziges Mal, von der Gerhart-Hauptmann- in die Wilhelm-Raabe-Straße. Sie blickt auf 50 Mietjahre in einer Genossenschaftswohnung zurück. "Man fühlt sich aufgenommen", sagt die 86-Jährige: "Wenn es Reparaturen oder Klagen gibt, dann geht man vor und dann wird es gemacht." Mit "vorgehen" meint sie den Weg in die Kantstraße 1, wo das Haus der Wohnungswirtschaft steht. Und wo sich Wolfgang Bonengel und Werner Appel vom WVG-Vorstand um die Verwaltung von 550 Wohnungen kümmern.

Siedlungsbau seit 1921

Begonnen hat diese Geschichte mit dem Siedlungsverein im Jahr 1927. Auch die zweite Forchheimer Wohnungsbaugenossenschaft (GEWOG) gibt es schon seit den 20er Jahren. "Das älteste Haus steht seit 1921 in der Schönbornstraße", sagt Andreas Hoffart, technischer Vorsitzender der GEWOG.

Über 600 Bewerber stehen auf den Wartelisten der GEWOG und der WVG. Dass der Genossenschaftsgedanke im Jahr 2012 weltweit gefeiert wird, ist für Andreas Hoffart einfach zu erklären: "Wir arbeiten kostendeckend und nicht profitorientiert. Die Mieterhöhungen sind nur moderat und die Mietpreise sind mit denen auf dem freien Marktes nicht zu vergleichen."

4,40 Euro kostet ein gemieteter Quadratmeter bei der WVG und auch die GEWOG bietet den Quadratmeter für unter fünf Euro an. Natürlich seien die Wohnungen auch deshalb preiswert, weil die Substanz und die Grundrisse oft aus den 50er Jahren stammen, sagt Hoffart.
Andererseits stecken beide Genossenschaften große Summen in Sanierungen und Neubauten. "Die Genossenschaften haben einen gehörigen Anteil daran, dass in Forchheim Nord in den letzten Jahren über 20 Millionen Euro in den Wohnungsbau investiert werden konnte", betont Bonengel.

Gleichzeitig trifft die Genossenschaftsidee auf grundlegende Probleme. "Für uns ist es beispielsweise unmöglich, Modernisierungskosten auf die Mieter umzulegen", sagt Bonengel. Auf dem privaten Markt sei von elf Prozent die Rede. "Würden wir nach einer Sanierung elf Prozent der Kosten umlegen, würde das zu utopischen Mieten führen."
Der Druck, günstigen Wohnraum zu schaffen, steige deutschlandweit, beobachtet Bonengel und hofft, dass die Genossenschaften vom Bauboom in Kersbach und Buckenhofen profitieren können. Hoffart warnt: "Gerade weil die staatlichen Auflagen bei den Sanierungen immer größer werden, haben wir kaum noch Polster für Neubauten."
Die Erneuerung sei schon deshalb erforderlich, weil sich das "Anspruchsdenken" der Mieter merklich verändert habe, bemerkt WVG-Mann Werner Appel: "Unabhängig von ihrem Einkommen, fordern die Mieter einen höheren Standard ein." Auch Andreas Hoffart beobachtet eine "Macht-mal-Tendenz": Viele Mieter sähen eine Wohnung heutzutage "eher als Konsummittel".
Mieterinnen wie Marianne Griebel, die an einer funktionierenden Gemeinschaft interessiert sind; die auch mal etwas in Eigenregie reparieren - und die ihre Stimme bei den Versammlung erheben, sind selten geworden. Das könne man bei den Mitgliederversammlungen klar ablesen, bedauert Wolfgang Bonengel: Von den 850 WVG-Mitgliedern kamen zuletzt 30 zur Jahresversammlung.