Tick. Tack. Der Zeiger steht auf kurz vor eins. Demonstrativ stellt Christoph, 18 Jahre alt, seinen gelben Wecker auf die Steinmauer am Schulhof. Das Ticken gab ihm seit acht Uhr seinen Rhythmus vor und hielt ihn in der Zeit. Spätestens um 13.15 Uhr mussten er und seine Mitschüler vom Herder-Gymnasium den Stift weglegen.

Fünf Stunden - lesen, denken, schreiben: Deutsch-Abitur. Seit gestern und noch bis zum 6. Juni finden die finalen Schulexamen für die Gymnasiasten statt. Gleich zum Auftakt haben die 63 Zwölftklässler ihre längste Prüfung hinter sich gebracht.


Kein reines Bayern-Abi mehr

Eine Besonderheit in diesem Jahr: Die schriftlichen Prüfungen erhalten erstmals Aufgabenteile, die mit den Abituraufgaben in anderen Bundesländern übereinstimmen. In Deutsch war es die fünfte Aufgabe, eine Sachtextanalyse und Eröterung zum Thema Kunst und Literatur in Europa. Wie viele sich in den Hauptfächern Deutsch, Mathe oder Englisch letztlich für die länderübergreifende Aufgabe entschieden haben, wird sich in den nächsten Wochen zeigen.


Unterschiede werden bleiben

Die Lehrer erheben die Zahlen, wie viele Schüler, welche Aufgabe wählen, und geben es an das Ministerium weiter, "wie im jeden Jahr", sagt Lieselotte Rall-Weiß, Direktorin am Herder-Gymnasium in Forchheim. Sie findet es richtig, dass erstmals Bayern, Hamburg, Niedersachsen, Schleswig-Holstein, Mecklenburg-Vorpommern und Sachsen identische Abituraufgaben gestellt bekommen - wenn auch in einem sehr geringen Maß.

"Komplett wird sich das wahrscheinlich nie egalisieren", sagt Rall-Weiß, denn Schüler aus Bundesländern, ja schon an unterschiedlichen Schulen, haben "andere Lehrer, anderes Vorwissen." Es sei dennoch ein Schritt in die richtige Richtung, "weil sich die Schüler im Sommer mit ihrem Abi-Schnitt um den gleichen Studienplatz bewerben müssen", sagt die Direktorin. Das bayerische Kultusministerium erhofft sich "bessere Vergleichbarkeit der Abiturprüfungen" über die Bundeslandgrenzen hinweg.


Der eine so, die andere so

Von den Schritten in Richtung Zentralabitur haben die Schüler des Herder-Gymnasiums in der Prüfungsatmosphäre gestern Morgen wenig mitbekommen. Viel wichtiger ist für sie: Wie ist die Prüfung gelaufen? "Super eigentlich", findet Christoph. Anja findet das auch. Sie hat sich gegen die länderübergreifende und für die Drama-Teilaufgabe entschieden. Bis zum Schlussklingeln hat sie durchgeschrieben - anstrengend war es, müde ist sie jetzt, aber zuversichtlich blickt sie drein.

Aufreibend waren die fünf Stunden für Chiara. Sie steht vollkommen "ausgeknockt" zwischen ihren Mitschülern und zittert: "Ich kann es halt gar nicht einschätzen, wie es lief." Eine Rede an seine Mitschüler schreiben, Gedichte interpretieren oder ganz sachlich Texte erötern, von vier bis elf Seiten, von Anna bis Jonathan: Die erste Abitur-Prüfung hat jeder für sich gemeistert. Zwei schriftliche Prüfungen liegen noch vor den Absolventen. Erst dann werden die Schüler wieder ihrem Abimotto treu: "KABItän Blaubär - immer blau und trotzdem schlau".
Schlauer, was den Schritt in Richtung Zentralabitur angeht, wird auch das Bayerische Staatsministerium für Bildung und Kultus, Wissenschaft und Kunst erst dann sein, wenn Christophs grellgelber Wecker zum dritten und letzten Mal dem Ende der schriftlichen Abiturprüfung entgegentickt.