In der Stadtverwaltung geh'n die Uhren anders. Während die Wahllokale um 18 Uhr schließen, wird im Einwohnermeldeamt das Wahlergebnis schon um 17.30 Uhr verkündet. Ein Wahlskandal? Nein, schlicht und ergreifend ist in der Hektik des Geschehens vergessen worden, die Amtsuhr auf Sommerzeit umzustellen!

Das ist aber auch die einzige Unstimmigkeit. Ansonsten läuft alles präzise ab in der Schaltzentrale der Stichwahl. Im Minutentakt wird Kiste um Kiste mit Wahlunterlagen hereingereicht. Hektisch die Atmosphäre, immer drangvoller die Enge im Meldeamt. Mittendrin Uwe Kirschstein (SPD), der Herausforderer, mit einer Hand voll Genossen. Als "angenehm angespannt" beschreibt er seine Gefühlslage. Das ändert sich, als um 17.11 Uhr - pardon 18.11 Uhr - die erste Schnellmeldung aufhorchen lässt. 12 von 47 Stimmbezirke sind ausgezählt und Wahlleiter Dieter Walda gibt bekannt: "Stumpf 55 Prozent, Kirschstein 45". Eine Tendenz, die knapp 20 Minuten später zur Gewissheit wird: Der Wahlsieger heißt Franz Stumpf! Der alte Oberbürgermeister ist mit 55,47 Prozent der Wählerstimmen auch der neue!


Kirschstein: "Riesenergebnis"
Der Lokalmatador ist noch nicht im Raum, da scharen sich die Medien schon um den Verlierer. Und der kann sich als alles andere fühlen denn als eine "Nullnummer" . Das sei doch ein "Riesenergebnis", kommentiert der SPD-Senkrechtstarter seine 44,53 Prozent. "Das hatte vor mir noch keiner auf dem Zettel", freut sich Kirschstein mit Blick auf die bescheidenen SPD-Ergebnisse der Vergangenheit.

Dies sei ein Zeichen, "dass der Wechsel in der Luft liegt". Auf die Frage, ob er mit seinem Ergebnis nun auch Ansprüche in seiner Partei stelle - etwa Fraktionssprecher im Stadtrat - meint Kirschstein unverblümt: "Mit diesem Ergebnis werde ich selbstverständlich eine stärkere Rolle in der Fraktion wahrnehmen." Und Klartext spricht er auch zum künftigen Verhältnis zu den Freien Wählern, deren Vorsitzender und gescheiterter OB-Kandidat Manfred Hümmer, entgegen vorheriger Zusagen, keine Wahlempfehlung abgeben wollte. Mit den Freien Wähler könne man zusammenarbeiten, nicht aber mit einer "Person Hümmer". Dessen Handeln sei "nicht zuträglich" und was man auf Facebook habe lesen können sei "schräg" .

Gegenseitiger Respekt
Als Franz Stumpf den Raum betritt geht sein Kontrahent als einer der ersten auf ihn zu: "Alles Gute", wünscht Kirschstein dem alten und neuen Oberbürgermeister. Und der bekennt seinem Herausforderer: "Respekt!"

Stumpf ist zufrieden mit seinem Wahlerfolg. "Ein gutes Ergebnis" betont er - und verweist darauf, dass er 1990 mit 56 zu 44 Prozent fast das gleiche Ergebnis eingefahren habe. Nach 24 Jahren zeige dies, "dass meine Politik nicht die schlechteste ist", erklärt Franz Stumpf mit Selbstbewusstsein. Dann spricht er all jenen Dank aus, die zu seinem Erfolg beigetragen haben: zu allererst seiner Familie, seinen Parteifreunden und seinen Unterstützern - und auch der FDP, "die für mich mit ihrer Wahlempfehlung Farbe bekannt hat!"

Das Wahlergebnis bedeute keinen Vertrauensverlust sondern einen Vertrauensbeweis. Denn für gewöhnlich verliere bei Stichwahlen zu 80 Prozent der Amtsinhaber. Seine Frau Johanna drückt ihm ein Bussi auf die Wange: "Zusammen sind wir unschlagbar!"