Betrunken fallen die Hemmungen. Warum man deshalb den Inhalt seines Bierkruges in ein wartendes Auto schüttet, bleibt auch dem Amtsgericht Forchheim unklar. Umso klarer war Richterin Silke Schneider, dass der Angeklagte mit dem leeren Bierkrug nach einem Insassen des Autos schlug. Der 50-Jährige wurde deshalb zu einer Freiheitsstrafe von neun Monaten auf Bewährung verurteilt.

Der Vorwurf der Anklage lautete: schwere Körperverletzung. Dabei wird der Bierkrug als Waffe angesehen, mit der der Angeklagte sein Opfer schwer verletzen hätte können. Richterin Silke Schneider deutet dem Angeklagten sofort die Schwere des möglichen Bierkrugschlagens an: "In Nürnberg wird das oft als versuchter Totschlag gewertet."

Wie es beim Annafest bei den meisten Besuchern üblich ist, wird dort Alkohol getrunken. So auch am 23. Juli 2017. Der 50-Jährige "hatte so neun Bier - oder mehr - getrunken". Deshalb könne er sich an den Vorfall nicht erinnern. Er sagte jedoch auch, dass die Beschuldigungen durchaus stimmen könnten - er weiß es einfach nicht mehr.

Sein 35-Jähriges Opfer erinnerte sich jedoch an diesen Abend, da er "nur eine Radlermaß und eine Biermaß" getrunken hatte. Er sei mit seinen Begleitungen auf dem Heimweg gewesen. An einem Zebrastreifen mussten sie wegen der vielen Passanten anhalten. Der 35-Jährige saß hinter dem Fahrer. Dort habe der Angeklagte grundlos das Bier aus einem Maßkrug auf ihn durch die geöffnete Scheibe geschüttet.

"Ich bin ausgestiegen und habe den Angeklagten geschubst. Deswegen ist er hingefallen", berichtete das Opfer. Als sich der Angeklagte wieder erhoben hatte, schlug dieser mit dem Maßkrug in die Richtung des 35-Jährigen. "Das habe ich mit meinem rechten Arm abgewehrt", erinnerte er sich. Dann habe er einen Schlag ins Gesicht bekommen - mit der Hand.

Der 35-Jährige ist daraufhin gestürzt. Laut ärztlichem Attest hat er sich dabei mehrere Schürfwunden an Stirn, Knie, Nase und im Gesicht zugezogen. "Circa zwei Wochen hatte ich deshalb Schmerzen."

Zuletzt richtete der Geschädigte noch einige Worte an den Angeklagten: "Ich bin stinksauer. Ich habe ein dreijähriges Kind - das hätte ganz anders ausgehen können." Als er den Verhandlungssaal verlassen wollte, entschuldigte sich der Angeklagte beim 35-Jährigen.

Da an diesem Tag viele Besucher vor Ort waren, wurden auch zwei Zeugen gehört. Ein 28-Jähriger hat den Vorfall beim Annafest gesehen. Er bestätigt die Aussagen des Geschädigten. Diese Aussage hatte er bereits im November bei der Polizei getätigt. In der Gerichtsverhandlung konnte sich der Zeuge noch an die Tat erinnern, allerdings nicht mehr an die Reihenfolge.

Der 28-Jährige Zeuge verwechselte zeitlich den Schlag mit den Bierkrugattacken. "Aber die Schläge mit dem Bierkrug sind sicher", versicherte der Zeuge. Er selbst war an diesem Abend nüchtern, da er Fahrer war. Deshalb erkannte er auch, dass der Angeklagte "sehr betrunken war, weil er geschwankt hatte". Ob der Angeklagte den Geschädigten mit dem Bierkrug getroffen habe, konnte der Zeuge allerdings nicht sicher erkennen.

Doch dann kam eine 26-Jährige Forchheimerin, die den Vorfall ebenfalls beobachtet hatte. Sie stand hinter dem Auto des Geschädigten. Auch sie bestätigte, dass der Angeklagte grundlos Bier in das Auto des Opfers geschüttet hatte.

Dann schilderte die Forchheimerin die Geschehnisse allerdings anders. Sie sah das Opfer als Täter. "Er ist aggressiv auf den Angeklagten losgegangen” wiederholte sie einige Male. Sie habe auch den Bierkrug nicht gesehen, mit dem der Angeklagte geschlagen haben soll. Sie dreht die Rollen sogar: Der Geschädigte solle auf den Angeklagten, der am Boden gelegen war, eingeschlagen haben.

Auf die Nachfragen der Richterin Schneider erklärte die Zeugin allerdings, dass sie sich zwischendurch auch mit ihrer Begleiterin unterhalten hatte. Sie habe das Geschehen also nicht dauerhaft sehen können.

Dennoch sah Staatsanwalt Meyer den Tatvorwurf der schweren Körperverletzung für bestätigt. "Die Aussagen des Geschädigten seien am treffendsten", erläuterte er. Er glaubt auch allen Zeugen, dass der Angeklagte stark alkoholisiert war. Das ist insofern entscheidend, da von diesem Abend keine Alkoholwerte des Angeklagten vorliegen. Deshalb forderte der Staatsanwalt eine Freiheitsstrafe von einem Jahr auf Bewährung. Bewährung kann gegeben werden, da sich der 50-Jährige entschuldigt hatte und die Tat auf den Bierkonsum zurückzuführen ist.

Anwalt Klaus Brönner setzte auf das Rechtsmittel: Im Zweifel für den Angeklagten. Da von allen drei Zeugen, drei verschiedene Aussagen gemacht wurden, bestehe der Zweifel, ob tatsächlich mit einem Bierkrug geschlagen wurde. Deshalb sei es keine schwere Körperverletzung.

"Der Schlag mit der Hand ist unumstritten", sagte der Anwalt. Deshalb sei es eine einfache Körperverletzung. Er forderte eine Geldstrafe von 70 Tagessätzen von je 60 Euro.

Richterin Schneider entschied, den Angeklagten wegen versuchter gefährlicher Körperverletzung und vorsätzlicher Körperverletzung zu insgesamt neun Monaten auf Bewährung zu verurteilen. Diese Verhandlung "war ein Paradebeispiel, wie unterschiedlich Menschen etwas wahrnehmen". Sie stimmte allerdings den Ausführungen von dem Geschädigten und dem 28-Jährigen Zeugen zu. Wie die Zeugin "keinen Bierkrug sehen konnte, ist mir schleierhaft", erläuterte Schneider.

Zu Gunsten des Angeklagten sei sein Alkoholkonsum gewesen. Er habe eine verminderte Schuldfähigkeit. Außerdem habe er den Geschädigten nicht mit dem Bierkrug getroffen. "Das war allerdings extrem gefährlich. Sie hätten ihm den Schädel einschlagen können", mahnte Schneider den Angeklagten. Die Bewährung wird auf drei Jahre angesetzt. Als Auflage muss er zusätzlich insgesamt 1000 Euro an einen gemeinnützigen Verein spenden. Der Angeklagte akzeptierte das Urteil.