Die Siegerurkunden hängen am Treppenaufgang zum Schlafzimmer, in der Küche sowie im Arbeits- und Bügelzimmer. Dort zieren auch zahlreiche Pokale das Wandregal. Alles Erinnerungen an die mehr als 40 Jahre, in denen Gregor Seubert den Brieftaubensport intensiv betrieben hat. Eine Leidenschaft, mit der er auch seine Frau Erika angesteckt hat.

"Fasziniert hat mich als Jugendlicher an den Brieftauben das bis heute unerforschte Phänomen, dass die Tiere von überall her wieder nach Hause finden", erklärt Gregor Seubert. Mit 17 oder 18 kaufte er sich von erfahrenen Züchtern seine ersten Tauben. "Die hab' ich mitgeheiratet", lacht Ehefrau Erika.

Als die Vermieterin dem Taubenfreund und seiner jungen Frau erlaubte, auf dem Gelände einen eigenen Taubenschlag zu errichten, ließ sich der heute 76-jährige das nicht zweimal sagen. Er begann damit, seine ersten Brieftauben zu trainieren und trat dem Brieftaubenverein "Falke" Pinzberg bei.

Per Rad zum Auflass

"Für die ersten Trainingsflüge habe ich die Jungtauben mit dem Fahrrad in die umliegenden Dörfer gefahren und dann aufgelassen", erinnert sich Seubert. Die Tauben waren ein Teil seines Lebens. Auch als die Familie in Wimmelbach ein Haus kaufte und umzog. Alles drehte sich um die gefiederten Freunde.

Der gesamte Tagesablauf war auf die Tauben abgestimmt. "Morgens bin ich um halb sechs Uhr aufgestanden, habe als erstes die Tauben gefüttert und sie dann fliegen lassen, ehe ich zur Arbeit bin", erinnert sich der Tierfreund. "Abends wenn er heim kam, ging er als erstes wieder zum Taubenschlag", ergänzt Erika.
"Wenn ich meinem Mann eine Freude machen wollte, haben ich den Taubenstall sauber gemacht. Mit einer Spachtel. Da war es so sauber, wie im Wohnzimmer auf dem Fußboden", erinnert sich die 72-jährige, die Gregors Begeisterung stets geteilt hat. Sie habe sonntags mindestens mit der gleichen Anspannung auf die Ankunft der Tauben gewartet, wie ihr Mann. "Einmal", so berichtet Erika, "wollte ich gerade die Klöße ins Wasser legen, als ich aus dem Fenster sah und die die erste ankommende Taube bemerkte. Da habe ich die Schüssel fallen lassen, bin hinausgestürzt, um die Taube zu fangen und ihr den Gummiring abzunehmen, der in ein Fach der Konstatier-Uhr geworfen werden musste, die den exakten Zeitpunkt der Ankunft der Siegertaube festhielt."
Heute ist dieses System veraltet. Längst wird die Ankunft digital festgehalten. Aber es gibt immer weniger Taubenzüchter, klagt Seubert. Der Verein "Heimattreue Burk", dem er jahrzehntelang angehörte, ist mittlerweile aufgelöst. "Dabei hatte der einmal 35 Mitglieder mit zehn reisenden Schlägen", erinnert sich Seubert, der in seiner Glanzzeit zwischen 150 und 200 Tauben hatte. 50 davon gingen während der Saison Woche für Woche auf Reisen.

Wehmut macht sich breit

Seubert fuhr auch den Kabinenexpress mit den Tauben. "Wir waren in Saarbrücken, Le Mans und Verdun. Von den Orten haben wir nicht viel gesehen. Lediglich den Soldatenfriedhof in Verdun haben wir uns angeschaut", berichtet Seubert, der mit seinen Tauben aber auch bis Wien und Budapest fuhr. "Und als sie angekommen sind, hat er von weitem erkannt, welche seiner Tauben gerade im Anflug war", ergänzt seine Frau.
Die Erinnerung macht Gregor Seubert ein wenig wehmütig: "Es ist ein bedrückendes Gefühl, miterleben zu müssen, wie der Verein aufgelöst wurde." Und von der Begeisterung seiner Tochter Sabine, die mit drei oder vier Jahren im Taubenschlag "zuhause" war, ist wenig geblieben. Von den Tauben lassen kann der Rentner aber bis heute nicht. Etwa 20 Renner der Lüfte hat er noch in seinem Schlag. Die Beste hat 50 Flüge mit Distanzen von bis zu 600 Kilometer hinter sich, die Jungflüge nicht mitgerechnet. Jetzt hat sich Gregor auf die Taubenzucht verlegt. Schließlich sollen die herausragenden Flugeigenschaften weiter vererbt werden. Und die anderen landen in der Bratröhre.