Schon kurz nachdem ich mich für den Selbstversuch "Faschingsmuffel auf dem Umzugswagen" freiwillig gemeldet habe, hätte ich mich dafür beißen können. Fasching und ich, das passt einfach nicht zusammen. Davon war ich fest überzeugt - bis Dienstag.
Da war ich zum ersten Mal seit zwölf Jahren wieder auf einem Faschingsumzug. Das letzte Mal stand ich als Zehnjährige bei Regen mit einer Freundin in der ersten Reihe. Von den Wagen haben sie Bonbons und Gummibärchen geworfen - und ich habe keine abbekommen. Und als die Hexen dann den Vater meiner Freundin entführt und auf ihrem Wagen eingesperrt haben, fand ich Fasching einfach nur noch blöd und gemein.

Sekt und Schnaps zur Begrüßung


Am Dienstag bot sich mir dann die Gelegenheit, mal die Perspektive zu wechseln. Auf dem Wagen des Neunkirchner Carnevalsvereins (NCV) werde ich herzlich aufgenommen - mit einem Glas Sekt und einem Schnaps zur Begrüßung. Letzteren habe ich selbstverständlich abgelehnt. Von steifen Umgangsformen will hier keiner was wissen, wir bleiben ganz einfach beim "Du".
In voller Hippie-Montur mit knallbuntem Oberteil, Stirnband und einer Brille mit kreisrunden, pinkfarbenen Gläsern stehe ich zwischen den Männern in den rot-schwarzen Uniformen, als um Punkt 14 Uhr der Zug startet. Vorne weg fährt die SeKu, ein als schwarze Lokomotive verkleideter Traktor.
Da steht unser Wagen noch am Straßenrand und lässt alle anderen Teilnehmergruppen erst einmal passieren. Denn die werden traditionell vom Gastgeber NCV begrüßt, mit kurzer Ankündigung von Präsident Steffen Habel (32) und einem dreifachen "Selau!". Da schreie auch ich schon bald kräftig mit.
Die Gruppen ziehen nacheinander an uns vorbei, ein Wagen kreativer gestaltet als der andere. Mit Bildern und Parolen nehmen sie die Euro-Finanzkrise auf die Schippe. Und alle Narren tragen bunte Kostüme und Uniformen. Besonders angetan haben es mir die Wendelsteiner Guggenmusiker, die in prachtvollen Gewändern in Gold und Schwarz, mit weiten Röcken und Turmhüten laut musizierend an uns vorbeiziehen.

Rockig geht es los


Wir fahren am Schluss des Zugs. Der DJ, Björn Kirsten (32), rockt die Zuschauer mit AC/DC in Stimmung - wie wohl jedes Jahr. Und so ruckeln wir endlich los.
Unsere Hauptaufgabe: Süßigkeiten, Brezeln und Leberwürste werfen - und ganz viel Spaß haben! Das Auswerfen ist gar nicht so leicht. Immer nach hinten in die Menge muss ich werfen, erklärt mir Matthias Braun (31), NCV-Vorstandsmitglied, damit die Kinder nicht unter den Wagen laufen, um die Bonbons aufzusammeln. Das ist schade, denn die Kinder stehen fast alle vorne in der ersten Reihe - und schauen mit ihren großen Augen zu mir hoch. Und ich kann einfach nicht anders und werfe noch eine Hand voll mehr Gummibärchen in ihre Richtung.
An einer Stelle sind sie besonders kreativ: Mit einer Zielscheibe stehen sie am Straßenrand und machen uns klar, wo die Bonbons hinmüssen. Mit Erfolg, denn diese Herausforderung lässt sich auf unserem Wagen keiner nehmen. Ich muss zugeben erst getroffen zu haben, als der Vater der Kinder mir die Zielscheibe direkt unter die Hand gehalten hat, aber die Bonbons haben bestimmt trotzdem geschmeckt.
Am Ende bekomme ich vom Präsidenten persönlich und begleitet mit zwei Wangenküsschen noch einen Faschingsorden des NCV überreicht.

Spaß statt Bonbons


Und was nehme ich von dieser Erfahrung mit? Bonbons keine. Die konnte ich den Kids nicht einfach wegessen. Aber Fasching kann wirklich unheimlich Spaß machen! Vielleicht erinnere ich mich ja nächstes Jahr daran - wenn ich wieder auf dem Wagen mitfahren darf?