Susanne Rudloff hat's begriffen: Auf einen textsicheren und emotionalen Auftritt kommt es an - und natürlich auf die richtige Wortwahl. Wohl deshalb hat sich die 32-Jährige den Künstlernamen "Frau Wortwahl" zugelegt.
Aber sie ist nicht die einzige, die sich am Mittwochabend im Forchheimer Chillies auf die treffsichere Wahl von Wörtern und Gesten versteht. Der Informatikstudent Lukas Spranger (21) eröffnet den Wettstreit. Aus dem Stand bannt er die Zuhörer mit seiner skurril-hintersinnigen Liebes-Lyrik über die Befindlichkeit eines verlassenen Liebhabers ("Sie stahl von meinem Leben schon ein Achtel").

Poetry Slam nennt sich dieser Kampf der Dichter. Felix Kaden (Erlangen), selbst ein erfahrener Slam-Poet, hat in Forchheim schon über 30 solcher Abende veranstaltet. Doch richtig Fuß gefasst hatte die Szene nicht. Wohl auch deshalb, weil der bisherige Veranstaltungsort, die Kuckucksklause, zu entfernt lag.
Nun also ein neuer Anlauf. Mit dem Chillies in der Wiesent- straße hat Slam-Master Felix Kaden den Nerv der Forchheimer Szene getroffen. Die Kneipe ist voll.

Und obwohl die Veranstaltung mit einer Enttäuschung beginnt - zwei der fünf angekündigten Dichter sind erkrankt - entwickelt sich ein spannender und unterhaltsamer Wettstreit. Susanne Rudloff, Lukas Spranger und der Nürnberger Atro Tas (20) treten in drei Runden gegeneinander an. Nach jeder Runde stimmt das Publikum applaudierend darüber ab, welcher der Texte drei, zwei oder nur einen Punkt verdient hat.
Der schlagfertig moderierende Felix Kaden meint, bei dieser Kunstform stehe die Freude an der Dichtung im Mittelpunkt; es gewinne bestimmt nicht immer der beste Text, sondern oft die bessere Show; den Poeten auf der Bühne komme es nicht auf das Gewinnen an.
Wenn sie sowas hört, lächelt Frau Wortwahl. Sie ist das Urgestein der Nürnberger Slam-Szene. "Natürlich will man gewinnen", sagt die erfahrene Autorin.

Dazu gehört auch Taktik. Nach der ersten Runde liegt Frau Wortwahl vorne. Doch weil sie gemerkt hat, wie gut der überdrehte Witz von Lukas Spranger beim Publikum ankommt, wechselt sie die Tonart; verabschiedet sich vom Blues und entzückt die Zuhörer als rasantes "Kuss-Mädchen", das in sieben Minuten (länger darf ein Slam-Vortrag nicht dauern) Einblicke in hundert Liebschaften gibt: "Jeder Kuss eine Wahrheit und eine Lüge."
Da kommt Atro Tas nicht mehr mit. Mit seinen mythologisch und gesellschaftskritisch gefärbten Vorträgen hat er sich zu sperrig präsentiert. Als er merkt, dass sich die Gäste zu unterhalten und mit Handys zu spielen beginnen, wechselt er mit dem "Schloss an der Brücke" in die leichte Lyrik hinüber. Aber zu spät. An Rudloff und Spranger kommt Tas an diesem Abend nicht ran.

Die autobiografischen Texte des 21-jährigen Lukas Spranger leben von akrobatischen Wortspielen und von einem schwarzen Humor, der sich aus traumatischen Jugend-Erfahrungen in der Provinz speist. Und aus seiner Zeit als als Waldorf-Schüler. Spranger gibt Einblicke in "sieben Jahre Eurythmie-Tänze in Gewändern in Kotzfarben". Er verarbeitet den Hohn seiner späteren Mitschüler am Gymnasium ("Hey, tanze deinen Namen, du Waldorf-Schwuchtel") zu einer Poesie, die sich auch deshalb vorzüglich für den Slam eignet, weil Spranger sie mit parodierenden Bewegungen aus der Eurythmie unterlegt.

Das Publikum klatscht ihn in der letzten Runde zum Sieg. Moderator Kaden überreicht ihm eine Flasche Wein, die Lukas Spranger spielerisch wie einen Pokal über den Kopf hebt. Die drei Slammer und der Moderator liegen sich am Ende wie Sportler nach dem Kampf in den Armen. Ein Sparschwein wird herumgereicht. Die Spenden der Zuhörer finanzieren die Fahrtkosten der Poeten. "Was übrig bleibt, wird gespart", sagt Felix Kaden. Denn am 26. Juni soll der Poetry Slam im Chillies in die zweite Runde gehen. Dann mit Sebastian Butte aus Bremen, einer der großen Namen in der deutschen Slam-Szene.