Sein Tonfall verrät: Er ist kein gebürtiger Franke. Michael Krug, der die dritte Pfarrstelle an der St. Johannis-Kirche in Forchheim übernommen hat, klärt auch sofort auf: Er ist Sachse, geboren in Oschatz bei Leipzigs in eine Familie eines linientreuen Stasi-Offiziers. In Sachsen leistete der 47-Jährige ab 1993 auch sein Vikariat ab.
Die Jahre dazwischen haben seinen Lebensweg bestimmt und ihn zu einem entschiedenen Verteidiger der persönlichen Freiheit gemacht. Aber auch zu einem nachsichtigen Menschen, der die Mechanismen von hierarchischen Strukturen, von Macht und ihrem Missbrauch durchschaut.
"Geboren 1964, atheistisch aufgewachsen, Tendenz zu einem naturwissenschaftliche-technischen Beruf", so beschreibt er seine Welt bis zum 16. Lebensjahr. Doch dann geriet er in eine Krise zu "diesem Staat", der DDR. Die Kluft zwischen Anspruch und Wirklichkeit macht ihm zu schaffen. Ein gängiger Witz aus der Zeit, so sagt er, mache dieses Unbehagen verständlich. "Ein Bürger stellt einen Ausreiseantrag und wird gefragt, wohin er denn ausreisen wolle. ,In die DDR, wie sie in der Zeitung beschrieben wird.'"
Krug verstand sich nicht als Verfechter eines Ideal-Kommunismus. Reisen sei für viele Jugendliche das Thema gewesen. "Wir hatten das Gefühl, die beherrschen dich. Wir fühlten uns täglich verarscht."

Dann ging es in den Knast


Dennoch wollte er erst das Abitur in der Tasche haben. Im Sommer danach fuhr er ins sozialistische Bruderland Ungarn, um dort über die Grenze nach Österreich zu entkommen. "Entweder du schaffst es oder du wirst erschossen", war seine Erwartung. Doch die ungarische Grenzpolizei verhaftete ihn, während in derselben Nacht zwei anderen die Flucht gelang. Der vernehmende Offizier verstand sein Motiv, hatte der selbst doch die Möglichkeit zum kleinen Grenzverkehr. Krug wurde an die Stasi ausgeliefert.
"Damals ging jede Woche ein Flugzeug von Budapest oder Bukarest nach Berlin, voll mit lauter gescheiterten Flüchtlingen." Krug wurde zu 15 Monaten verurteilt, die er im Gefängnis in Naumburg absitzen musste. "Da habe ich hinter die Maske des System geschaut", sagt Krug. Aber auch, dass hier seine Lebenswende eingeleitet wurde. Zu fünfzehnt waren sie in der Zelle, etwa die Hälfte seien Kriminelle gewesen, die bereitwillig den verlängerten Arm der Wachmannschaften gespielt haben. "Hätte ich mich nicht massiv gewehrt, wäre ich schon in der ersten Nacht vergewaltigt worden", sagt Krug nüchtern und beschreibt den Hass, die Aggression bei den politischen Gefangenen.
Nur einer in der Zelle fiel aus dem Rahmen: Ein 75-Jähriger, der inhaftiert worden war, weil er seinen fluchtwilligen Enkel nicht angezeigt hatte. Der alte Mann kniete jeden Abend nieder und betete. "Ich bete auch für die Wärter", bekannte er einmal. Das konnte der junge Krug nicht verstehen. "Auch heute noch ist die Bergpredigt für mich eine Herausforderung, eine unerreichbare." Dennoch begann er die Bibel zu lesen und besuchte den Gottesdienst.
90 Prozent der "Politischen", so Krug, wurden freigekauft. "Der Staat bekam gutes Geld dafür." Er war nicht darunter. Bei seiner Entlassung lehnte er ein Resozialisierungsangebot ab, kehrte zur Mutter zurück und übernahm die ihm zugewiesene Arbeitsstelle, tatsächlich Tüten abzählen.
Er wendete sich an den Pfarrer seines Wohnorts und engagierte sich in der Kirchengemeinde. "Mit 20 ließ ich mich taufen". Etwa ein Jahr arbeitet er noch für die Kirche. Dann durfte er am 29. Juli 1986 ausreisen. Erste Station war Forchheim, weil hier eben dieser Kollege wohnte. Von da an verlief sein Weg geradlinig. Studium der Theologie in Erlangen und Familiengründung. Krug arbeitete als Wissenschaftler und übernahm ehrenamtlich Pfarreraufgaben in Tennenlohe. Bis ihm die Stelle in Forchheim angeboten wurde.