Seit seinem Debütband "Frankn lichd nedd am Meer" (von 1992) hat Helmut Haberkamm immer wieder die Ausdruckskraft des fränkischen Dialekts demonstriert. Jetzt will der aus dem Aischgrund stammende und in Erlangen lebende Autor demonstrieren, dass Mundart auch lehr- und lernbar ist. Heute Abend bringt Helmut Haberkamm gemeinsam mit dem Erlanger Schauspieler und Musiker Winni Wittkopp den "Gräschkurs Fränkisch" auf die Bühne des Jungen Theaters Forchheim. In einem FT-Interview spricht Haberkamm über den tiefgreifenden Wandel des Dialekts - und darüber, wann der Dialekt "unschlagbar ist".

FT: Kann man Fränkisch lernen, wenn man nicht mit dem Dialekt aufgewachsen ist? Kennen Sie jemand, der es versucht hat?
Helmut Haberkamm: Es ist schwer, als Erwachsener eine Mundart zu lernen, in der man nicht aufgewachsen ist. Aber es geht! Ich kenne einen Nord-Iren, der als junger Mann zum Studieren nach Erlangen kam, sich in eine Fränkin verliebte, hier blieb und im Steigerwald lebt. Heute schreibt er Texte auf Hochdeutsch und macht Kabarett und Songs auf Fränkisch: Killen McNeill. Siggsders, des gibbds!

Dient der "Gräschkurs Fränkisch", den sie am Samstag Abend mit Winni Wittkopp in Forchheim geben, lediglich der Unterhaltung? Oder schwingt da auch der Wunsch mit, Fränkisch zum Schulfach zu machen?
Immer wieder fragten mich Leute, ob man Fränkisch irgendwo lernen kann. Daraus entstand dann die Idee, ein Programm über diese Sprache zu machen, bei dem Einheimische und Mundartsprecher ebenso etwas lernen wie "Reigschmeckte" und Neufranken. Der Dialekt ist ja die Ausdrucksform des Alltags, des Privaten. Ein Schulfach muss es nicht gleich sein, obwohl man z.B. im Norden Plattdeutsch mittlerweile unterrichtet und mit Zertifikat lernen kann.

Sie schreiben und sprechen Fränkisch. Aber wohl nicht immer. Wann und warum wechseln Sie persönlich zwischen Dialekt und Hochsprache?
Früher waren Mundartsprecher oft der Standardsprache nicht mächtig, von daher gibt es das Vorurteil des hinterwäldlerischen, unterbelichteten Dialekts. Heute sind Mundartsprecher mehrsprachig. Das zeugt von Intelligenz und Flexibilität. Ich liebe den Wortschatz und Klangreichtum der Mundart. Im Privaten und Vertrauten, wenn es emotional zugeht, ist der Dialekt unschlagbar direkt und gleichzeitig nuancenreich und hintersinnig-gewitzt. Wenn es formaler, offizieller zugeht, zum Beispiel bei einer Trauerfeier, ist Hochdeutsch angebrachter und ernsthafter.

Hat der fränkische Dialekt als Alltagssprache eine Chance oder wird er nur im Kabarett und in der Mundartlyrik überleben?
Die Wissenschaftler stellen einen weltweiten Schwund der kleinen Sprachen fest, einige Tausend werden in diesem Jahrhundert unwiederbringlich verschwinden. Beim Dialekt findet ein tiefgreifender Wandel statt, der den Wortschatz betrifft, aber auch Grammatik und Lautung. Der Trend geht zur regionalen Umgangssprache mit einer Annäherung ans Schriftdeutsche. Aber wir Menschen brauchen auch Eigenheiten, Unterschiede und Abgrenzungen. Andere Sprachen beweisen dies ja auch mit ihren Akzenten, Jargons und Mundarten.

Im Jungen Theater wollen Sie "original fränkisch" vermitteln, so steht es im Programmheft. Werden die Oberfranken ihre mittelfränkischen Lektionen verstehen?
Wir hören den ganzen Tag im Radio Lieder, die in einer Fremdsprache daherkommen, und niemand stellt die Frage, ob wir das verstehen oder nicht. Sobald es sich um Dialekt handelt, wird gejammert, dass das schwer zu verstehen sei, oder andernorts wieder ganz anders gesagt wird. Immer werden in Franken zuerst die Unterschiede gesehen und nicht das Verbindende, das Anregende. Am Beispiel meiner Mundart zeige ich auf, wie eigentümlich und ausdrucksstark unser Dialekt ist. Das versteht man. Wer des net versteht, dem is wergli nämmer zu helfn.


Das Interview führte
Ekkehard Roepert