Das Alltägliche ist so selbstverständlich, dass es oft unsichtbar wird. Wer kann rückblickend sagen, wie es wirklich war - das Leben in der Vogelstraße? Oder am alten Ludwigskanal? Was wurde erzählt an den Stammtischen nach dem Krieg? Was passierte in der Seltsam-Villa, warum verschwand sie aus dem Stadtbild? Und was steckt hinter so seltsamen Begriffen wie "Akim Heftla" oder "Bodschäggäläs"?
Antwort auf solche Fragen gibt ein Buch, das Dieter George im Auftrag des Heimatvereins herausgegeben hat. Dass Menschen sich gerne in ihre eigene Geschichte zurückversetzen lassen und dass sie es lieben, die eigene Geschichte weiterzugeben - diese beiden Impulse hat der Forchheimer Kulturbeauftragte George genutzt, um eine in ihrer Vielfalt verblüffende Erinnerungsarbeit zu dokumentieren. Versammelt sind die "Alltagsgeschichten der 1940er bis 1970er Jahre" in dem Band "Zwischen Gestern und Heute". Der Besucherandrang bei der Präsentation im Gewölbekeller der Kaiserpfalz zeigte: Das Bedürfnis, die Stadt in ihrer "inneren Entwicklung mit ihren schleichenden Veränderungen" (George) zu begreifen, ist groß.

"Sachen von Juden"

Jeder Autor hatte die Gelegenheit, die Entstehung seines Beitrages mündlich zu erläutern. Die Herangehensweisen der Autoren konnten unterschiedlicher nicht sein: So umkreiste Elfriede Dittrich in ihrer Erinnerung die ehemalige VfB-Halle. Und fördert die mitunter irritierende Nutzungsgeschichte des Gebäudes zu Tage: Mal war es Sammelplatz für Soldaten oder Zwangsarbeiter, aber auch Materiallager "für die Sachen von Juden, die 1941/42 aus Forchheim deportiert wurden".
Hans Friedrich offenbarte seine Kindheit als "Kanal - und Friedhofsschlamperer". Er erzählte von einer "erschütternden Zeit" und dennoch "schönen Kindheit", als er am Kanal schwimmen und mit Bohnenstangen auf Eisschollen Schiff fahren lernte.
Fantastisch, mit welcher Akribie Autoren wie Rolf Kießling und Jochen Menzel recherchieren und verschwunden geglaubte Spuren sichern. Oder sie so weit verfolgen, dass sie von Forchheim bis in die Kaukasusrepublik Dagestan reichen. Fantastisch auch die Präzision erinnerter Namen und Details in den Geschichten von Leo Seiler, Michael Wuttke, Dieter George oder Gerhard Kraus. Hier wird eine Vergangenheit zwischen Café Kohlmann, Schulstraße, Bahnlinie und Stadtpark sichtbar, die das Forchheim in den zwei Jahrzehnten nach dem Krieg als spannende, fremde Welt erscheinen lässt. Manchmal auch als eine schmerzhafte Welt, wie bei Gerhard Kraus, der seine Erzählung "Stock" als "eine Art Kammerspiel psychologischer Erkundung der eigenen Person" präsentierte. Überhaupt lädt dieser Band mit Alltagsgeschichten nicht nur dazu ein, sich an ein vergangenes Forchheim zu erinnern; sondern auch dazu, die Frage zu stellen, was Erinnerung eigentlich ist. Und zu reflektieren, was die "Überprüfung der Tauglichkeit der eigenen Erinnerung" (Gerhard Kraus) ans Tageslicht bringt.

Dem Gedächtnis misstrauen

Dass sich immer auch Fantastisches mit ihr verbindet und die Erinnerung verzerrt, das wollte wohl Gerhard Koller sagen. Er begnügte sich bei seinem Auftritt in der Kaiserpfalz mit dem knappen Hinweis, dass das Gedächtnis nicht unbedingt das Vertrauen verdient, das wir ihm zukommen lassen. Gerhard Kollers Erzählung "Ami Kaugummi" liefert den Beleg: Der Forchheimer Norden wird zum "weiten Land". Nicht nur Forchheimer Bürger sind hier angesiedelt; in diesen "Jagdgründen" ist auch ein Stamm Indianer zu Hause.