Das smaragdgrüne, leicht milchige Wasser des Schöngrundsees erinnert ein wenig an die Plitvitser Seen in Kroatien. Die Felstürme am Rande des Tals, die Kiefern und lichten Buchen tragen ihren Teil bei, um der Landschaft um Pottenstein ein südliches Flair, ein gutes Stück Ähnlichkeit mit den Karstlandschaften Südeuropas, zu geben. Die Touristen wissen das zu schätzen.

Die wenigsten aber ahnen, dass diese geologische Verbindung auch im Zweiten Weltkrieg eine große Rolle spielte. Die SS-Einheit Karstwehr übte im Raum um Pottenstein ihre späteren Einsätze im italienischen, slowenischen und kroatischen Karst.

Eingerichtet wurde das Übungsgelände unter dem Leiter der Einheit, Hans Brand.
Brand ist der Mann, der seit den 20er-Jahren die Teufelshöhle Besuchern zugänglich machte. Der Gymnasialprofessor aus München war ein Vertrauter Himmlers und nutzte seine geologischen Kenntnisse, um seiner Eliteeinheit ein Trainingsgelände zu verschaffen.

Gleich hinter dem Pottensteiner Felsenbad verläuft die B 470 auf etwa einen Kilometer erhöht über dem Talgrund. Linkerhand zweigt eine für den Verkehr gesperrte Straße ab und führt steil die Anhöhe hinauf. Abgeböscht ist sie zur Bundesstraße mit behauenen Quadern.

Anstelle gewöhnlicher Blechleitplanken ist sie mit steinernen Pollern zum Abgrund gesichert. Sie führt auf die Hochfläche der Bernitz. Hier oben standen die 28 Baracken für die Mitglieder der Karstwehr. Nie mehr gebaut wurde das von Brand geplante militärische Erholungsheim.

Vor der Teufelshöhle gibt es einen großzügigen Parkplatz, der Zugang ist durch eine breite Treppe erschlossen. Als angenehm empfinden das die Touristen. Ebenso den großen Parkplatz am Ortsausgang von Pottenstein. An der Staumauer des Schöngrundsees gibt es angenehme Rastplätze. "Das ist prima für Touristen hier", mag sich mancher denken. Doch bis auf den Höhleneingang wurden die Planierungs-, Erd- und Straßenbauarbeiten für das militärische Training der SS- Karstwehr geschaffen.

369 Gefangene befreit

Von Soldaten? Von SS-Angehörigen? Nein, von KZ-Häftlingen. Dank seiner Beziehungen in den NS-Führungsspitzen erhielt Brand die preiswerten Hilfskräfte aus dem Konzentrationslager Flossenbürg. Pottenstein war eines der 100 Außenlager.

Peter Engelbrecht hat seine Geschichte und die der SS-Karstwehr akribisch erforscht und in zwei Büchern veröffentlicht. Eine Besuchergruppe aus verschiedenen Gruppierung gegen Rechtsextremismus führte er zu den Spuren der braunen Vergangenheit. Auf der Einladung war als Treffpunkt Magerscheune, Löhrgässchen, angegeben.

Ein schmales, beidseits bebautes Sträßchen im Ort ist das, kurz bevor das Wandergebiet Oberes Püttlachtal beginnt. Die Magerscheune ist ein zweistöckiges Fachwerkgebäude. Ihre Grundfläche beträgt, so Engelbrecht, 14 auf 15 Meter.

Aus diesem Gebäude befreiten amerikanische Soldaten am 16. April 1945 369 Gefangene. Überwiegend politische Häftlinge, Homosexuelle, Kriminelle und auch ein paar Juden. Seit das KZ 1942 erreichtet worden war, waren insgesamt 746 Personen dort eingesperrt. Kranke wurden nach Flossenbürg zurückgebracht; etwa 100 der dort zu Tode Gekommenen ordnen die Forscher dem Außenlager zu.

Engelbrecht berichtet mit ruhiger Stimme, belegt die genannten Fakten. Und doch spürt man, dass er keineswegs der unberührte Heimatforscher ist. "Stellen sie sich vor", sagt er und deutet auf einen Lageplan, "hier mitten im Ort war das KZ." Ein winziges Gelände am Flüsschen mit unmittelbaren Nachbarhäuser. Zwei Wachttürme gab es, alles war mit Stacheldraht umzäunt, und was heute ein Werkstattgebäude an der früheren Brauereischeune ist, das war der Appellplatz.

Elendszug durch die Stadt

Jeden Tag zog die Kolonne mit den ausgemergelten Gestalten in Holzschuhen quer durch die ganze Stadt mit damals 900 Einwohnern. Ein Elendszug, sagten die Einheimischen später. Auch der "Lagerälteste" , der Sozialdemokrat Wilhelm Geusendam aus Lübeck, stellt in seinem Buch über die Zeit seiner Verfolgung und Inhaftierung ein gutes Zeugnis aus. "Die Bevölkerung war sehr hilfsbereit", schreibt er.

Engelbrecht untermauerte dieses Urteil mit den Wahlergebnissen vor 1933. "Bei der Reichstagswahl im November 1932 wählten 41 Prozent der Oberfranken die NSDAP, bei den Bayreuthern waren es 47 Prozent, doch nur 16 Prozent der Pottensteiner."

Trotzdem stellte man sich in den Jahren nach dem Zweiten Weltkrieg wenig der Vergangenheit. In den 60er-Jahren errichtete man am Eingang der Teufelshöhle eine ehrende Gedenktafel für der Erforscher Hans Brand - ohne mit nur einem Wort auf dessen SS-Zugehörigkeit einzugehen. "Eine ihm gewidmete Straße wurde inzwischen wieder umbenannt. Die Tafel in den 90er-Jahren gestohlen und dann nicht wieder angebracht", berichtete Pottensteins Bürgermeister Stefan Frühbeißer.

Ihm ist es ein großes Anliegen, mit der Vergangenheit offen umzugehen, vermittelten seine Ausführungen vor der Besuchergruppe. "Die Thematik ist eine gesellschaftliche Herausforderung. Der sich Pottenstein stellt.

Mit der Stiftung bayerischer Gedenkstätten und mit Hilfe von Historikern, deren Spezialgebiet das KZ Flossenbürg ist, wird derzeit ein Konzept für eine Ausstellung in der Magerscheune erarbeitet. Sie soll möglichst barrierefrei zugänglich sein. Frühbeißer rechnet deswegen mit einer Eröffnung der Gedenkstätte 2015.