Pomologen kümmern sich nicht wie die Podologen um Käsefüße. Obst ist das Geschäft von Wolfgang Subal. Möglichst alt und ausgefallen müssen die Bäume sein, damit dem Jäger der alten Obstschätze das Herz aufgeht.
Derzeit streift der Biologe mit dem blonden Haarschopf durch die Wiesen und Felder rund um Hetzles. Wie ein Ritter mit Lanze ohne Pferd steht er da und sucht den Horizont nach interessanten Baumkronen ab. Wo andere den Wald vor lauter Bäumen nicht sehen, scannt der 61-Jährige Fachmann für fruchtige Botanik das Gebiet mit seinen grauen Adleraugen. "Die Obstbäume dahinten schauen schön aus", sagt Subal und schultert seinen Obstpflücker mit Teleskopstil.

Warum er gerade in Hetzles den alten Obstsorten nachjagt? "Hetzles lebte früher von dem Obst", erzählt Subal beim Marsch durch die Landschaft. Mit einer Obsternte konnte eine Kommune früher richtig Kohle machen. Besonders in Notzeiten riss man den Bauern die Vitaminbomben aus den Händen. Subal kennt Dörfer, die nach dem Krieg mit ihren Obsternten ein kleines Vermögen gemacht haben.

Geschmacklos, süß und leer

Die Zeiten haben sich freilich gewaltig geändert. Der Mensch sammelt nichts mehr in seine Scheunen. Der Mensch geht im Supermarkt shoppen. Was er dort findet? "Geschmackloses Obst. Süß, aber leer", antwortet Wolfgang Subal und stoppt unter einer gewaltigen Baumkrone. "Der schaut wie eine Sußbirne aus. Das ist eine Sorte, die hier auf dem Land sehr beliebt gewesen ist. Das ist die fränkische Birne schlechthin", sagt der Pomologe und fährt seinen Greifarm zum Pflücken aus. Zwischen Ästen und Blättern pickt sich der erfahrene Experte gezielt eine Frucht vom Baum. Die Birnen-Beute begutachtet der Jäger der alten Obstsorten zunächst mit bloßem Auge. "Wie lang ist der Stiel? Wie ist die Form? Wie schaut der Kelch aus?" Neben dem Aussehen muss der Frucht-Forscher freilich auch den Geschmack mit eigenem Gaumen testen.

Subal zückt ein Taschenmesser und schneidet die Birne in zwei Hälften. Getäuscht hat sich der Experte nicht. Denn das Kernhaus dieser kleinen, runden Birne schaut genauso aus, wie sie die Pomologen vor hunderten Jahren in ihre Bücher feinsäuberlich mit Tusche und Farbe gemalt haben. "Das ist die typische Bergamottform", sagt Subal und schneidet sich einen Happen von der Frucht ab. "Die ist noch nicht ganz reif, aber schmeckt schon erstaunlich gut", findet Subal.

Wie viel Würmer der Obstjäger in seinem Leben schon verputzt hat? Subal grinst spitzbübisch über beide Ohren. "Mein Magen hat kein Gedächtnis", sagt er. Außerdem sei so ein Wurm doch harmlos. "Der isst doch nur Birne. Also besteht so ein Wurm doch auch nur aus Birne", sagt er und schaut sich das kleine runde Birnchen nochmal liebevoll an. "Daraus einen Schnaps. Da können Sie jeden Willi vergessen."
Dann zückt er einen kleinen Kasten. Nicht viel größer als ein modernes Mobil-Telefon. "Auf dem Gerät trage ich jetzt den Standort der Sußbirne gleich in eine digitale Karte ein", erklärt Subal und hantiert kurz mit dem Gerät herum.

Ein bisschen wie bei Don Quijote

Die Jagd nach den alten Obstsorten gleicht dem berühmten Kampf gegen die Windmühlen. Denn viele alte Obstbäume sind der Säge zum Opfer gefallen. Ein neues Wohngebiet hier. Die Flurbereinigung dort. Selbst am Straßenrand haben es die alten Apfel- und Birnbäume schwer. Weil Baum gleich Unfall. Der Zeitgeist fällt also die alten Stämme nach und nach. Die Früchte, die nach Stillleben und nicht nach Hochglanz ausschauen, verschwinden.

Der Staat will dagegen etwas tun. Aus schlechtem Gewissen sicher auch ein bisschen. Immerhin zwei Millionen Euro hat Bayern in die Hand genommen, um im ganzen Land die genetische Vielfalt und alten Obstbäume kartieren zu lassen. Das ist leichter gesagt als getan. Schließlich braucht es Pomologen wie Subal, der knapp 700 Obstsorten mit Auge und Köpfchen bestimmen kann.

Altes Obst: Ein Stück von uns

Einen "Gelben Richard" hat er neulich dort, einen "Roten Hauptmann" neulich da entdeckt. "Kein Mensch kümmert sich heute um die alten Obstsorten", sagt Subal. Trotzdem gibt er nicht auf. Beißt in Birnen und verschlingt Würmer. Warum? "Die Streuobst-Wiesen gehören zum Kulturgut. Sie machen die Landschaft reich und lebenswert."
Da kann Gerhard Bergner nur zustimmen. Der Biologe leitet das Projekt zur Sicherung der Obstvielfalt in Oberfranken. Bergner macht klar, dass die Streuobstbestände nicht nur für das Auge wertvoll sind. Als Lebensraum ist die kitschig-schöne Heimatfilm-Szenerie mindestens genauso wichtig. Hier leben so märchenhafte Tiere wie der Wendehals. Auch der Steinkauz findet in den Streuobstbeständen, die den Wandel der Moderne überlebt haben, eine letzte Zuflucht vor der ausufernden Zivilisation. Bergner schätzt, dass nur noch rund ein Drittel der ursprünglichen Obstbaumbestände in Bayern in den Himmel wachsen.

Junge Bäume der alten Sorten sprießen kaum nach. Deshalb gehen die Fachleute hinaus. Verlassen ihre Schreibtische, um die Menschen zu überzeugen. Damit alle mithelfen, die gewachsene Vielfalt zu retten. Und nicht die Axt zu schultern. Kurzen Prozess zu machen mit dem, was sich über Jahrhunderte entwickelt hat. Sondern ruhig mal in den sauren Apfel zu beißen. "Viele alten Sorten schmecken sehr gut, aber kein Mensch kennt sie mehr. Die Sußbirne gibt es nicht im Supermarkt", sagt Subal und pflückt sich eine vom Baum.