Den Plagiatsvorwurf gegen Annette Schavan (CDU) hat Dieter George "sehr intensiv verfolgt". Und der Forchheimer Kulturbeauftragte sagt, dass ihm der Fall "ein Rätsel" geblieben - und zugleich "sehr nahe gegangen" sei. Während der Plagiats-Affäre Guttenbergs "hatte sich Schavan sehr weit aus dem Fenster gelehnt", erinnert George. Doch wohl nur deshalb, weil sie sich selbst "nichts vorzuwerfen hatte", meint George und spricht daher von einer "persönlichen und akademischen Tragik".

Er bezweifle nicht den "Befund der Düsseldorfer Fakultät", betont der Kulturbeauftragte. Dennoch gebe es Grund zur Kritik: "Im Vergleich zu Bayreuth im Fall Guttenberg, hat sich Düsseldorf jetzt nicht glanzvoll verhalten." Unter 17 Gutachtern fänden sich sieben "Nicht-Promovierte". Da vermisst George "das personelle Gewicht und die Würde". Man dürfe nicht vergessen, dass hier "eine ganze akademische Biografie zerstört wird".
Im Gegensatz zu George hat sich die FGL-Stadträtin Annette Prechtel mit dem Fall Schavan "weniger beschäftigt". Wirklich zu beurteilen, ob die CDU-Politikerin abgeschrieben habe, das traue sie sich nicht zu, sagt die promovierte Geo-Ökologin. "Aber ich frage mich schon, wie es damals abgelaufen ist. Wie hat sich die Prüfungskommission von damals verhalten? Wenn falsch zitiert wurde, warum hat es niemand wahrgenommen?"


Extrem genauer Doktorvater

Annette Prechtel hat ihre Doktorarbeit über "gelösten organischen Schwefel in saueren Waldböden" verfasst. Aus eigener Erfahrung sagt sie: Regelmäßige Treffen mit dem Doktor-Vater machten es im Grunde unmöglich, Plagiate zu formulieren. "Mein Doktorvater zumindest war extrem genau, was dann auch zum genauen Formulieren zwingt."

Der Rücktritt der Bildungsministerin, sollte zumindest diese Frage klären, fordert Prechtel: "Wie sind die Universitäten und Lehrstühle aufgestellt, dass es möglich ist, Plagiate anzufertigen? Einem Doktorvater müsste so was ins Auge stechen."

Auch der Kunreuther Bürgermeister Hermann Ulm sagt: Zu wenig Hintergründe seien bekannt, um im Fall Schavan ein Urteil abgeben zu können. Zu bedenken sei aber: "Wer promoviert, unterschreibt dafür, dass er keine anderen Mittel verwendet. Dies nachzuprüfen, ist Sache der Universität." Im übrigen findet Ulm es "schade, dass es zum Volkssport geworden ist, die Arbeiten der Leute, die in der Öffentlich stehen, zu zerlegen".

Unabhängig von Plagiatsvorwürfen: Der Kulturbeauftragte Dieter George unterstreicht, dass Promotionen, die sich auf umfangreiche Sekundärliteratur stützen, "anfälliger sind für Abdrücke, die auf andere Arbeiten verweisen". Das sei eine Gratwanderung. "Daher habe ich auch Verständnis für Annette Schavan."

Ähnliches sagt Annette Prechtel: Naturwissenschaftliche Promotionen seien unabhängiger von Sekundärliteratur: "Es geht immer um eigene Daten und Experimente". Oder, wie bei Dieter George, um Quellenforschung. Er hat seine Promotion über historische Ortsnamen in Lichtenfels geschrieben. Er habe verstärkt Quellen analysiert. "Eine Quelle hat immer ein Stück weit Unschuldscharakter."

Unschuldscharakter hat definitiv auch die Promotion von Herrmann Ulm. Titel: "Nachhaltige Entwicklung im stadtnahen ländlichen Raum am Beispiel von Kunreuth". Der Inhalt stütze sich "größtenteils auf empirische Arbeit", erzählt Ulm. Vorrangig dienten Interviews und Fragebögen als Material. Sekundärliteratur war hier Mangelware und "Quellen gab es wenige", sagt Ulm. Mit seiner Promotion hatte er Neuland betreten. "Ich war froh, wenn ich überhaupt ein paar Zitate anfügen konnte."

Hermann Ulm erinnert daran, dass die allermeisten Doktorarbeiten entstehen, weil jemand ein persönliches Hobby oder eine Forscherleidenschaft verfolge. Durch die Jagd auf Plagiate kämen nun aber bedauerlicherweise "alle Promotionen unter Generalverdacht."