Wenn der Winter endet, steigt die Gefahr von Wildunfällen. "Von März bis Mai und von Mitte Juli bis Mitte August ist das Risiko am größten", berichtet Erich Fiedler, Kreisjagdberater für den Landkreis Forchheim. Verkehrsteilnehmer sollten zu diesen Zeiten die rot-weißen Hinweisschilder und die blauen Reflektoren noch ernster nehmen als sonst.

Der Grund für die Häufung im Frühjahr: Das Rehwild, das in der kalten Jahreszeit in so genannten Sprüngen mit mehreren Tieren zusammenlebt und dabei seinen Haushalt um bis zu 50 Prozent zurückfährt, beendet seine Winterruhe und unternimmt verstärkt Streifzüge durch Wälder und Wiesen. Vor allem in der Dämmerung suchen die Tiere intensiv nach Knospen und frischem Grün.


Tiere brauchen viel Energie

Erich Fiedler erklärt warum: "Im Frühjahr braucht das Rehwild viel Energie für das Wachstum der Kitze im Mutterleib bei den Weibchen beziehungsweise der Trophäen bei den Männchen." Und bei ihrer Suche nach Delikatessen machen die Tiere auch vor Straßen nicht Halt, um zu Obstgärten oder Wiesen zu gelangen. "Ab Mai leben sie fest in Einständen, ihren Wohnbereichen, zusammen. Dann wird es ruhiger," erklärt Jäger Erich Fiedler. Eine zweite Hochzeit der Wildunfälle gebe es dann von Mitte Juli bis Mitte August während der Brunftzeit.

Neben der Jahreszeit spielt der Verlauf der Straße eine Rolle. Alexandra Oberhuber vom Polizeipräsidium in Nürnberg rät: "Die Gefahr von Unfällen mit Wildtieren ist auf Straßen durch den Wald sowie entlang von unübersichtlichen Wald- oder Feldrändern erhöht. Deshalb gilt insbesondere in diesen Bereichen Fuß vom Gas. Bei Tempo 60 ist der Bremsweg 35 Meter lang, bei Tempo 100 bereits 79 Meter." Vorsicht sei insbesondere auf neuen Straßen geboten, denn das Wild verändert seine vertrauten Wege kaum.

Etwa alle zwei Minuten kommt es in Deutschland rein rechnerisch zu einem Unfall mit einem Wildtier. Das geht aus der aktuellen Statistik des Gesamtverbands der Deutschen Versicherungswirtschaft hervor. Danach gab es 2015 rund 263 000 Kollisionen mit Rehen, Wildschweinen oder anderen Wildtieren. Das war eine Zunahme von rund zehn Prozent im Vergleich zum Vorjahr. Im Schnitt zahlten die Versicherer pro Wildunfall 2485 Euro. Insgesamt stieg der Schaden im Vergleich zu 2014 um fast 15 Prozent auf 653 Millionen Euro an.


Zunahme im Kreis Forchheim

Eine Entwicklung, die auch im Landkreis Forchheim festzustellen ist. 2015 und 2016 waren die Fallzahlen laut Hartmut Demele von der Polizei Forchheim höher als in den Jahren zuvor. Während von 2012 bis 2014 im Schnitt 623 Wildunfälle aktenkundlich wurden, registrierten die Beamten 2015 810 und 2016 760 Fälle. Damit war im abgelaufenen Kalenderjahr fast jeder vierte der insgesamt 2821 Unfälle ein Wildunfall. Sechs Personen wurden dabei verletzt.

Den einen Grund für den Anstieg sieht Hartmut Demele nicht. "Saisonale Einflüsse oder bestimmte Wetterlagen", nennt der Polizeibeamte, der darauf hinweist, dass auch bayernweit in diesem Zeitraum die Zahl der Wildunfälle gestiegen ist.


611 Kollisionen mit Rehen

Am häufigsten waren im Kreis Forchheim Rehe in Unfälle involviert - 611 Mal in 2016. Zusätzlich gab es 78 Kollisionen mit Hasen oder Kaninchen, 23 Unfälle mit Schwarzwild, 18 mit Dachsen, 16 mit Füchsen und 14 mit sonstigen Tieren wie Flugwild oder Greifvögel.

Schwerpunkte waren die Landstraße von Pretzfeld nach Ebermannstadt, die Straßen zwischen Effeltrich und Neunkirchen sowie zwischen Gräfenberg und Egloffstein und der Drügendorfer Berg. An diesen Orten gab es bis zu fünf Unfälle an der gleichen Stelle.

"Mit den Unfällen und der Jagd zusammen kamen im Jagdjahr 2016 im Kreis 2781 Rehe und 602 Stück Schwarzwild zur Strecke", sagt Erich Fiedler, der als Kreisjagdberater für eine jagdbare Fläche von 61 214 Hektar zuständig ist, die sich in neun Hegegemeinschaften mit 115 Gemeinschaftsrevieren, neun Eigenrevieren und sieben Staatsrevieren aufteilt.


Wenn der Unfall nicht vermeidbar ist

Was aber, wenn eine Kollision unvermeidbar ist: Dann gilt es, das Lenkrad festzuhalten, geradeaus zu fahren und dabei zu bremsen. Laut Polizeisprecherin Oberhuber sei ein kontrollierter Aufprall besser als ein unkontrolliertes Ausweichen. Sie sagt: "Nach einem Wildunfall sollte man kontrolliert anhalten, die Unfallstelle sichern, wenn nötig Hilfsmaßnahmen für verletzte Personen einleiten sowie Polizei oder Jäger benachrichtigen."

"Und das sollte man nicht nur, sondern muss man tun. Es ist Pflicht", betont Erich Fiedler. Nur so könne das Tier bei Bedarf von seinem Leid durch einen Todesschuss erlöst und anschließend professionell von der Straße gebracht werden. Die Autofahrer selbst sollten sich bei Wildunfällen von verletzten Tieren fernhalten. Außerdem dürfen Blut- und Haarspuren am Fahrzeug nicht beseitigt werden, bevor die Versicherung den Schaden begutachtet hat. So können Fahrer beweisen, dass sie mit einem Wildtier zusammengestoßen sind. Ohne diesen Nachweis wird die Versicherung voraussichtlich nicht zahlen.

Wer sich ausführlicher informieren möchte, dem empfiehlt Polizist Demele die Internetseite wuidi.de, ein von den Behörden unterstütztes Wildwechsel-Radar mit eigener App.