In drei Monaten werden Bettina Hohler und ihre Kolleginnen ihr Examen als Altenpflegerinnen machen. Hohler hat schon etliche Jahre Berufserfahrung hinter sich und dabei ganz verschiedene Menschen gepflegt. Eine davon war eine türkische Frau, die einen Schlaganfall erlitten hatte.

Nur weil deren Ehemann jeden Tag ins Heim kam, gelang anfangs die Verständigung. Bis die Pfleger selber von ihm die wichtigsten Fragen und Sätze auf Türkisch gelernt hatten. Diese Erfahrung mag ein Auslöser gewesen sein, als besonderes Ausbildungsthema die kultursensible Pflege intensiv zu behandeln. Ein weiterer: In dem Kurs des bfz werden Menschen aus mindestens fünf Herkunftsländern ausgebildet.

Im internationalen Sprachcafé trafen deshalb die Pflegeschülerinnen und ihre Lehrerinnen Elisabeth Stock und Anne Köthke mit überwiegend türkischen Frauen zusammen, um sich über die Pflege dementer Menschen auszutauschen.

Im Türkischen gibt es als offizielle Bezeichnung dieser Erkrankung zwar das Wort demans, im täglichen Sprachgebrauch wird dafür aber ein Ausdruck mit beleidigendem Inhalt verwendet. Dementsprechend schwer fällt es betroffenen Angehörigen über die Krankheit ihrer Senioren zu sprechen.

Das kennt auch die Pflegeschülerin Isabella Barthel. Sie stammt aus Nigeria. Nur in der Staatsprache Englisch gibt es mit "mental disorder" ein Wort für die Krankheit, aber nicht in den anderen Landessprachen. So schämten sich viele für das Verhalten ihrer Angehörigen.

Die Wahrscheinlichkeit, dass ein türkischstämmiger Senior in ein deutsches Altersheim kommt, ist nicht besonders hoch, stellte sich schnell heraus. Viele kehrten dann in ihre Heimat zurück oder blieben, solange es geht, hier in familiärer Pflege.

"Ich möchte aber darüber lernen", betonte Gülderen Karabag, auch im Namen der anderen interessierten Frauen. Nicole Kohlmann führte die Frauen in das Krankheitsbild und seine Auswirkungen auf Alltag und Umgang ein. Erschreckend für viele war dabei, dass Betroffene plötzlich eine vertraute Sache nicht mehr können oder Funktionen von einfachen Geräten verwechseln. "Jemand wollte sich mal mit dem Löffel kämmen", erinnert sich Barthel.

Das große Problem für Pflegende und Angehörige ist oft, dass Demente in einer Stufe ihrer Vergangenheit leben und deshalb für Dritte völlig Unverständliches tun oder sagen. Wie die 84-Jährige, die am Abend unbedingt heim wollte, weil sie ihre kleinen Kinder ins Bett bringen müsse. Oder dass Demente altes Brot in Schüben horten, das dann verschimmelt. Hintergrund für solche Handlungen ist oft die in Kindheit und Jugend erlebte Not, besonders in Folge der beiden Weltkriege, wie sie die allermeisten Bewohner der Altenheime erlebt haben.

Der Begriff Migrationshintergrund muss für diese Altersgruppe ausgeweitet werden, waren sich alle Teilnehmer einig. "Ich weiß nicht, wie eine Kindheit in Polen, Russland oder Siebenbürgen war", bekannte eine der angehenden Altenpflegerinnen. Sie weiß, dass Demente eventuell Begriffe aus ihrer Kindheit, die heute in Deutschland unbekannt sind, verwenden oder völlig in eine andere Sprache verfallen. Missverständnisse seien da vorprogrammiert.

"Der Verstand lässt nach, aber die Gefühle steigen nach oben", verdeutlichte eine der Schülerinnen. Freilich müsse man die Menschen in ihrer Welt lassen und manches mit Diplomatie regeln, ergänzte Köthke, aber man könne auf Vertrautes zurückgreifen und gemeinsam lachen.