Es ist ein archäologisch-historischer Krimi. Was bisher für das Forchheimer Rathaus gehalten wurde, hat viele Schichten und offenbart eine spannende Baugeschichte. Ein Planungsteam aus 20 Experten (Architekten, Bauforscher, Archäologen, Statiker, Bau-Physiker und Tragwerkplaner) legt seit 2013 Schäden frei, analysiert die Statik und erforscht die Baugeschichte.

Restaurator Peter Turek ist fasziniert von der "historischen Chance, das Rathaus in Angriff zu nehmen": Zum ersten Mal seit der Entstehung im frühen 15. Jahrhundert biete sich die Gelegenheit "das Gebäude zu begreifen". Die Kartierung sei zu 90 Prozent abgeschlossen, sagt Sigrun Wagner (Hochbauamt): "Die Freilegung dient auch der Kostensicherheit."

Erstes Fazit der Untersuchung: "Wir sind überrascht, über so viel bauzeitliche Substanz ", freut sich Peter Turek. Immer wieder tauchten Original-Bohlen auf. Besonders kostbar sei das Zierfachwerk im Magistratsbau von 1535. "Das war die Schaltzentrale", erläutert der Restaurator. "Die Stube mit den Stab-Wänden ist das absolute Highlight".


Rathaussaal war Tanzboden

Was die Forchheimer überraschen dürfte: Der Sitzungssaal, wo sich seit 1869 die Räte trafen, hatte ursprünglich eine ganz andere Funktion. Ein Blick auf das Tragwerk zeigt, dass der sogenannte "Historische Rathaussaal" ein Kontor war und auch als Tanzboden diente. Im Raum darunter (heute Ausstellungshalle) befand sich eine Markthalle.
Der Blick auf die Baugeschichte verrät einen nachlässigen Umgang mit den überlieferten Kostbarkeiten. Auf einer beklagenswert langen Liste stehen: gebrochene Deckenbalken und verbogene Stützen; reihenweise abgehängte Decken; "hineingezwungene" Beton-Träger, verspachtelte Wandmalereien oder Gipsarbeiten, die Decken suggerieren, die es nie gab. "Viele Mängel sind in den Nachbauten versteckt", sagt Bauamtschef Gerhard Zedler.
"In 150 Jahren wurden viele Teile herausgeschnitten, worüber man sich heute nur noch wundern kann", stellt Restaurator Turek erstaunt fest. "Das ging 1870 los, ab dieser Zeit schätzte man das Überkommene nicht mehr und wollte der Zeit ein eigenes Muster aufdrücken." Fatale Folgen hatte diese Musterbildung im sogenannten kleinen Sitzungssaal: Von der historischen Substanz ist dort rein gar nichts geblieben.
In der Baugeschichte des Rathauses habe es Phasen gegeben - "da wurde alles kaschiert, was bauzeitlich war", bedauert Turek. Teils wurden Deckenbalken unterseitig mit der Axt abgeschlagen - ein Rätsel", sagt Statiker Martin Pudelko.
Und wie soll nun eine Sanierung aussehen? Keinesfalls werde man "krampfhaft versuchen", das Kern-Gebäude von 1535 wieder herzustellen, betont Bauamtschef Zedler. "Der Architekt wartet auf das Ergebnis der Kartierung, dann beginnt die Planung."