Der Untertitel ist kurz und prägnant: "Zwiefaches". Doch er verrät auch, dass es gar nicht so einfach ist, den Inhalten zu folgen, steht doch da: "So gesagt und annersch gsochd".
Wer der fränkischen Sprache mächtig ist, versteht: Es geht um etwas, das schriftdeutsch anders ausgedrückt wird, als im Dialekt. Da auch noch Reinhold Schmitt und Rainer Streng samt den Frankenauern als Protagonisten genannt wurden, war Kurzweil angesagt. Der Andrang war so groß, dass der Mann an der Abendkasse etliche Gäste mangels Sitzgelegenheiten zurückweisen musste.


Kontrapunkte

Die beiden Rezitatoren präsentieren sich als Kontrapunkte, Streng übernimmt den hochdeutschen Part und Schmitt trägt denselben Gedanken in bestem Fränkisch vor. Es ist frappierend, wie in den Texten - beide Gedichtfassungen stammen von Schmitt - die Sprachbilder und Redewendungen so ganz anders lauten und doch das Gleiche aussagen. "Manchmal", so sagt Schmitt zwischendurch, "ließ sich ein Gedanke bis hin zum Reimwort eins zu eins übertragen. Manchmal ging das aber gar nicht."
So ein Problem war der Oberschenkel einer Frau. Das Wort, obwohl ganz konkret, kommt in der Mundart einfach nicht vor, noch dazu nicht mit dem leichten erotischen Unterton, den die kleine Hymne auf die Reize der Frau nun brauchte. Also ließ Schmitt den Helden seines Gedichts seiner "Allerliebsden" übers "Öbernbaa" streichen.
"Stadisdigg" - ja, das ist die Rechenkunst, der man nie trauen sollte, es sei denn, man hat sie selber gefälscht. Und ein "Körberdaal" ist keine Landschaft zu Ehren des gängigen fränkischen Nachnamens. Das Schriftbild ist höchst irritierend. Doch hält man sich an die Schmitt'sche Transkription, kommt genau der Klang heraus, den man tagein, tagaus in der hiesigen Region hört: Weich, behäbig und mit langen Vokalen, die laut Duden Diphthonge heißen.


Viele Köche haben kurze Beine

Da lässt sich Manches über Weltenlauf und Doppelkinn, über Sonnenbrand, Adleraugen und Aquarien sagen. Da lässt es sich in zwei Idiomen trefflich über die Richtung beim Queren einer Brücke philosophieren. Edel klingt das Bild der Rose; in fränkisch muss aber der Erdöbfl mit ins Bild. Und Sprichwörter lassen sich auf beide Arten wenden und verdrehen, bis jedesmal herauskommt, dass "viele Köche kurze Beine haben".
Querbeet geht es; alle Genres der Lyrik haben ihren Platz. Auch das Frühlingsgedicht - mit einem Schlag ins sehr Konkrete. "...beim ersten Zeckenbiss. Jetzt ist es gewiss: Das muss der Frühling sein." - "...dann hosd den ersten Zeck am Baa. Des is die liebe Maienzeit."
Die hochdeutschen Fassungen, so Schmitt, waren meist die ersten. Sie sind bislang nie veröffentlicht. Oft erst Jahre später kam die Mundart-Version. Der Grund liegt in Schmitts Berufsweg.
"Als Deutschlehrer muss man Goethe und Schiller erklären. Da habe ich mich nicht getraut, mich daneben zu stellen." Neben Dichterfürsten ist der Raum knapp, das sei dem Autor zugestanden. Aber es gibt auch die Gedichte eines Wilhelm Busch, eines Erich Kästner oder eines Kurt Tucholsky, und die bemühten sich, jeder in seiner Zeit, die Dinge so zu sagen, dass sie jeder verstehen konnte, so er denn wollte.


"Aufundebn"

Allerdings standen ihnen keine Ausdrücke wie "aufundebm" zur Verfügung. "Haargenau" oder "ganz und gar" dürften die Entsprechungen sein, aber sie klingen viel rauer, viel spröder, will man beschreiben, dass ein Neugeborenes nach den Behauptungen der lieben Verwandtschaft dem einen oder dem anderen Vorfahren nachkomme.
Darin lag das Vergnügen des Abends, manchmal fast gegenläufige Diktionen nebeneinander zu hören; dem vielsilbigen Rhythmus des Hochdeutschen die fast schon phlegmatischen Bögen des Fränkischen gegenüberzustellen - und doch den gleichen Gedanken auszusprechen. Mit einer Portion Humor der eher trockenen Sorte kündigten sie das volkstümliche Stück "Rauschende Birken" von den Frankenauern an: "Jetzt haben wir's gern, aber wenn die Pollen fliegen."