Im nächsten Jahr wird sie ihre 30-jährige Trockenheit feiern. Christine Schuh vom Kreuzbund der Caritas bezeichnet sich immer noch zuerst als Mitglied der Selbsthilfegruppe, bevor sie von ihrer Tätigkeit in der Öffentlichkeitsarbeit erzählt. Sie geht ganz offen mit ihrer Krankheit um, weil sie anderen Menschen zeigen will: "Schaut mal her, es geht. Es geht ein ganzes Leben lang - es ist möglich auszusteigen." Auch ihr Kollege, Diözesanvorsitzender Armin Hilgeroth, ist zuerst einmal Gruppenmitglied. Auch er hatte einmal ein Alkoholproblem und ist nun seit neun Jahren trocken.

Wird es denn irgendwann einmal selbstverständlich, keinen Alkohol zu trinken? "Es gibt schon Momente, wo einfach das Tüpfelchen auf dem i fehlt", sagt Christine Schuh. Wenn man im Urlaub mit einer netten Gruppe zusammen sitzt, die Sonne scheint und man sich eben kein schönes Glas Wein genehmigen kann, sei das auch nach so vielen Jahren der Trockenheit immer noch ein blödes Gefühl. Auch für Armin Hilgeroth sind es diese "Super-Momente", in denen ihm das Nicht-Trinken am schwersten fällt. Wenn er am Samstag nach getaner Gartenarbeit im Sessel sitzt und die Sportschau beginnt, ist ihm schon bewusst, dass ein Bier diese Situation jetzt perfekt machen würde. Stattdessen gönnt er sich dann eben etwas anderes aus dem Kühlschrank: ein Nusseis.

Stress anders bewältigen

In stressigen Momenten dagegen regt sich kaum das Verlangen nach Alkohol. Dafür ist schließlich die Selbsthilfegruppe da: Dort lernt man, wie man mit Stress umgeht, ohne gleich wieder zum Alkohol zu greifen. Die meisten Mitglieder sind ja genau deswegen in der Gruppe, weil sie schon einmal versucht haben, sich die Probleme und Sorgen wegzutrinken. "Das funktioniert natürlich nicht. Die Probleme werden ja immer mehr", erklärt Hilgeroth. Und wenn man erst mal gelernt und verinnerlicht hat, seine Probleme zu lösen anstatt sie mit einem Rausch aufzuschieben, werfen einen auch stressige Situationen kaum noch aus der Bahn.

Dazu muss man allerdings erst lernen, bewusst positive Impulse zu setzen. Hobbys zum Beispiel sind sehr wichtig. Hinter so einer Alkoholsucht stehe ja auch eine gewaltige Infrastruktur, gibt Hilgeroth zu bedenken. Der Alkohol muss erst einmal beschafft und getrunken, die Räusche ausgelebt und verheimlicht, die Flaschen wieder entsorgt werden. Es sei wichtig, diese gewonnene Zeit mit etwas anderem zu füllen, um keinen Rückfall zu provozieren. Erlaubt ist dabei, was der Seele und dem Körper gut tut.

Rückfall gehört dazu

Dabei ist ein Rückfall keine Seltenheit - und auch kein Beinbruch. Das weiß auch Christine Schuh, die selbst schon einmal rückfällig wurde und diesen Rückschlag mit Hilfe der Gruppe aufgefangen hat. Dass sie wieder zum Alkohol griff, lag damals an Stress und Selbstüberschätzung. Heute sagt sie: "Ich musste erst lernen, Grenzen zu setzen. Man kann nicht immer jedem gefallen, man muss auch mal nein sagen."

So ein Rückfall bahnt sich laut Hilgeroth oft schleichend an. Irgendwann fühle man sich so sicher in seiner Abstinenz, dass man immer häufiger mit dem Gedanken spiele, sich doch mal ein Bierchen zu genehmigen. Aber auch damit könne man umgehen: "Genau dafür ist die Selbsthilfegruppe ja auch da. Wenn man diese Gedanken in der Gruppe teilt, kann so etwas ziemlich leicht aufgefangen werden."

Problematisch wird es, wenn jemand partout nicht einsehen will, dass er krank ist. Dann ist der Rückfall quasi vorprogrammiert. Hilgeroth zieht Parallelen zu anderen Krankheiten: "Das ist wie wenn jemand zuckerkrank ist. Nur wenn er das wirklich akzeptiert, wird er es dauerhaft schaffen, keine Sahnetorte mehr zu essen." Er kennt Alkoholiker, die auf dem Nachhauseweg vom Entzug schon wieder das erste Bier gekauft haben - weil sie ihrer Meinung nach ja alles unter Kontrolle hatten.

Die meisten kommen zu spät

Die Selbsthilfegruppen haben allerdings ein Problem: Die meisten kommen erst, wenn es eigentlich schon zu spät ist. Viele müssen erst von Angehörigen oder Medizinern dazu gedrängt werden, an den Gruppensitzungen teilzunehmen. Ein Alkoholkranker hat in der Regel also schon einen Entzug unter Therapie hinter sich, bevor er zum ersten Mal kommt. Dabei könnte die Gruppe auch genau während dieser Phasen wichtigen Beistand leisten.

Man müsse kein diagnostizierter Alkoholiker sein, um zur Selbsthilfegruppe zu kommen. Auch Interessierte und vor allem Angehörige seien herzlich willkommen. Genau die würden laut Hilgeroth nämlich häufig vergessen. Während ein Alkoholsüchtiger stationär therapiert wird, kann der Partner in der Gruppe die notwendige Unterstützung finden, um mit der schwierigen Situation umzugehen. Deswegen müsse man dringend am Image von Selbsthilfegruppen arbeiten."Wir wollen aus den Köpfen rauskriegen, dass Selbsthilfe was Schlimmes ist. Schlimm ist es, nichts zu tun."