Wäre es nach dem Willen seines Vaters gegangen, hätte Reinhold Müller entweder Pfarrer oder Bauer werden sollen. Er wäre aber lieber Indianer oder Cowboy geworden. Mit zwei Colts. Noch mehr geprägt hat den Leiter der Forchheimer Stadtwerke, der am 7. Februar seinen 65. Geburtstag feiert, aber die erste Eisenbahn. "Ich hab sie zerlegt, hab darin Drähte gefunden und wollte herausfinden, warum die fährt", berichtet der Jubilar.

Maschinen haben von klein auf eine ungeheure Faszination auf ihn ausgeübt, gesteht Müller. Er habe erlebt, wie hart seine Eltern in Regnitzlosau im Landkreis Hof in der Landwirtschaft arbeiten mussten und beschäftigte sich deshalb mit technischen Innovationen.

Elektrische Energie zu nutzen, um den Menschen die Arbeit zu erleichtern, war für Reinhold Müller der Anlass, nach seiner Elektriker-Ausbildung das Abitur nachzuholen, Energie- und Hochspannungstechnik zu studieren und sich mit Steuer-, Mess-, Regelungs- und Rechnertechnik zu befassen.


Isolatoren eingefärbt

Der Eletrotechniker (mit Schwerpunkt Energiewirtschaft) ist dafür verantwortlich, dass die Hochspannungs-Isolatoren blau sind. "Früher waren die aus Keramik", erzählt Müller. Dann sollte auf Silikon umgestellt werden. Doch das zerstörten die Wildvögel.

So experimentierte Müller während seiner Studentenzeit, wie das zu verhindern sei. Er hungerte Krähen aus und ließ sie auf die Silikon-Isolatoren los. "Die haben sich auf alles gestürzt, nur blau mochten sie nicht", schildert Müller, der sich damals bereits für Kraftwerke interessierte. Und er hat Versuche gemacht, wann es unter Blitzeinschlägen zu Spannungsüberschlägen kommt. Da konnte Müller wieder mit der Eisenbahn "spielen", die ihm als Demonstrationsobjekt diente.

Nach dem Studium zog es den zeichnerisch sehr begabten Elektroingenieur nach Amerika. "Aber da war ich schon verheiratet. Mein sehr bodenständiges Frankenwald-Mädel legte mir nahe, dass es in Bamberg doch auch ganz schön sei", erzählt Müller und lächelt. "Ich bin als Tiger gesprungen und endete als Bettvorleger, arbeitete also zunächst in Bamberg. Das habe ich nie bereut."

Ebensowenig den Wechsel zu den Stadtwerken nach Forchheim. "Aber geschmeichelt hat es mir schon, dass ich damals die Auswahl hatte und auch die Stadtwerke von Städten mit ein paar hunderttausend Einwohnern hätte leiten können. Meine Frau hat abgeraten: "Da bist du nicht skrupellos genug, sagte sie, und ich glaube, sie hatte Recht."

Es begann eine technische Revolution. "Wenn ich überlege, hat die sich bereits zwischen 1970 und 1980 angedeutet", erinnert sich Müller. Dank Transistoren und Thyristoren hielt die Elektronik zuerst Einzug in der Unterhaltung und wanderte dann in die Industrie.

Müller, der bereits in den 1990-er Jahren Computerprogramme schrieb, dachte damals noch, das wäre ein Werkzeug für Ingenieure. "Ich war fasziniert von der Technik, aber den Siegeszug des PC und seine rasante Weiterentwicklung in Richtung Informatik mit vielen Spezialfächern konnte niemand ahnen", räumt Müller ein.


Vom Bummelzug zum ICE

Als aufgeschlossener, politisch interessierter Mensch, der mehrere Zeitungen und Fachpublikationen verschlingt, erkannte Reinhold Müller die Zeichen der Zeit viel früher als andere. So wusste er um die Liberalisierung des Strommarktes bereits, als noch kaum jemand etwas mit diesem Begriff anfangen konnte. "So konnten wir uns rechtzeitig darauf einstellen", betont Müller, der die Stadtwerke Forchheim vom Bummelzug zum ICE umgestaltet hat.

So setzte Müller ein Umspannwerk in der Nähe des Obi-Baumarktes durch, als es dort nur Brachland gab. "Heute stoßen wir dort, angesichts der angesiedelten Industriebetriebe, an unsere Grenzen. Damals wurde ich belächelt", stellt der Stadtwerke-Chef fest.

Sich selbst bezeichnet Müller als Netzwerker, nicht nur weil er Stromnetze baut, sondern auch, weil er im Gasthof Neder in Forchheim die Kontakte pflegt. "Wirtschaft findet in der Wirtschaft statt", zitiert er den Ex-Wirtschaftsförderer Heinz Schwab.


Das Trinkwasser unterschätzt

"Mit Strom kenne ich mich aus. Den kann ich berechnen, in eine Leitung zwingen, und wenn du ihn richtig behandelst, kann überhaupt nichts passieren", erläutert Müller. Als Leiter der Stadtwerke ist er aber auch für das Wasser zuständig.

"Das war eine viel größere Herausforderung, eine, die ich gründlich unterschätzt habe", gibt Reinhold Müller zu. Aber er hat es geschafft, Bauern, Politiker und die Stadtwerke an einen Tisch zu bringen und die Forchheimer Trinkwasserversorgung dauerhaft zu sichern.

Dabei hielt sein Vater die Leiter der Stadtwerke noch für "Strauchdiebe, die für Trinkwasser landwirtschaftlichen Ackerboden entwerten". Deshalb macht Reinhold Müller das gedeihliche Miteinander von Landwirten und Stadtwerken sehr glücklich. "Das war mein größter Erfolg", urteilt der 65-Jährige.

Als Ritterschlag empfindet es der Hobbyfotograf, der zuhause eine Nikon-Photomic in einer Vitrine stehen hat, dass er als Vertreter der Regnitz-Stromverwertung die Interessen der Stadtwerke Fürth, Erlangen und Forchheim im Bundesverband der Energie und Wasserwirtschaft vertreten darf. Hier werden Empfehlungen für das Wirtschaftsministerium ausgearbeitet. 90 Prozent der Sitzungsunterlagen sind englisch. " Wir versuchen, dass die EU den Stadtwerken die Butter nicht vom Brot nimmt", erklärt Müller sein Engagement.


Dienstleister statt Rohrverleger

Heutzutage, meint Müller, seien Stadtwerke in erster Linie Wirtschaftsunternehmen, die schnelle Entscheidungen fällen müssten. "Wir sind keine Rohrverleger mehr, sondern Energie-Dienstleister. Unsere größten Verbündeten auf dem Markt sind die Verbraucher", unterstreicht Müller.

Erfolg definiert er so: Etwas tun, das für die über 30 000 Bürger der Stadt Forchheim und für seine Mitarbeiter gleichermaßen Sinn ergibt.

"Ich bin mit mir im Reinen und würde alles wieder so machen", zeigt sich Müller, zu dessen Jugend-Idolen Jimmy Hendrix, die Rolling Stones, Eric Clapton und CCR (Creedence Clearwater Revival) gehören, zufrieden. Als höchste Auszeichnung hat er es verstanden, von Ex-Oberbürgermeister Franz Stumpf (CSU/WUO) gelobt zu werden.


"Kind" das Laufen lernen

"Ich weiß, wann es Zeit ist, aufzuhören", versichert der Werkleiter, der stolz ist auf seine Mannschaft. "Da sind zwei, drei Leute, die meinen Job jederzeit übernehmen könnten", findet Müller, der aber noch zwei Jahre dranhängt.

Der Grund: "Wir investieren jetzt viel in die Glasfasertechnik. Das ist aber noch ein Baby." In zwei Jahren, wenn dieses "Kind" laufen könne, werde er in Ruhestand gehen und seinen Hobbys, dem Rad- und Skifahren, frönen, versichert der Familienvater, der zwei Kinder hat.


Geburtsstadt Hof

Und was hält Reinhold Müller von der Idee, sich vielleicht in 20 Jahren einfrieren und 100 oder 200 Jahre später wieder auftauen zu lassen? "Philosophisch verlockend", antwortet der gläubige Reinhold Müller, der lieber darauf vertraut, dass Petrus ihm dereinst den einen oder anderen Blick auf Franken, seine Geburtsstadt Hof und seine Heimat Forchheim gewähren wird.