Ist es wirklich nur ein modernes Phänomen, dass junge Erwachsene anders sein möchten und am Sonntagmorgen lieber unterwegs sind , als auf der Kirchenbank zu sitzen? Wahrscheinlich nicht. Denn schon vor 20 Jahren ging es den jungen Erwachsenen so. "Zum Anderssein gehörte es, den Sonntagmorgen on the road zu verbringen. Kirche war etwas für alte Leute, für Spießer und Angepasste", erinnert sich der Gräfenberger Jochen Schleicher an seine jungen Jahre.

Trotzdem gab es auch für diese jungen Leute den Glauben an Gott. "Wir sind Christen, die auch gern Motorrad fahren", sagt Schleicher.


Auf Bierbänken


Die ersten Motorradgottesdienste wurden Mitte der neunziger Jahre gefeiert. Der allererste fand auf dem Tautenhof bei Jagsthausen in der Nähe von Heilbronn statt. Die Atmosphäre hatte mit Kirche nichts mehr zu tun. Auf Bierbänken in einer ausgeräumten Maschinenhalle saßen die Christen und lauschten der Predigt des Pfarrers. Dazu spielte eine Live-Band. Oft mussten die Biker anschließend 150 Kilometer und mehr zurück nach Hause fahren.

Warum machen wir so etwas nicht im Gräfenberger Raum? Das war eine Frage, die sich immer mehr junge Leute in der Region stellten. Vor 20 Jahren setzten sie ihre Idee dann in die Realität umsetzten.

Sie, das sind die Familien Göller, Schleicher und Gräbner. Sie waren von Anfang an dabei und organisierten den Motorradfahrergottesdienst. Zunächst taten sie dies in der Lindelberghalle in Stöckach, später dann im Feuerwehrhaus in Hiltpoltstein. Inzwischen wird längst im Jugendheim in Kappel gefeiert.

"Das Besondere am Motorradfahrergottesdienst ist, dass wir nicht der Ordnung folgen, die für einen normalen Sonntagsgottesdienst vorgesehen ist", sagt Schleicher und fährt fort: "Viele jüngere Leute haben ja kaum eine Bindung zur Kirche, ihnen ist der Ablauf eines normalen Gottesdienstes fremd, sie fühlen sich deswegen dort in der falschen Veranstaltung."


Immer mit Live-Musik


Dagegen hätten sie mit Singen, Beten und einer verständlichen Predigt grundsätzlich kein Problem. Wenn sie sich dann noch von den anderen Menschen akzeptiert wissen, würden sie gerne kommen.

Ein Gottesdienst für Menschen eben, die mit dem üblichen Gottesdienstablauf wenig anfangen können. Zweimal im Jahr trifft sich dieser Kreis, um den Gottesdienst auf grüner Wiese mit Blick in den Wald zu feiern. Dass sich im Lauf der Zeit Freundschaften gebildet haben, ist ein weiterer positiver Effekt der ungewöhnlichen Gottesdienste, die längst zu einer nicht mehr wegzudenkenden Institution geworden sind. Zwischen 30 und 80 Leute, selbst aus Unterfranken und Niederbayern, besuchen die Feier, viele davon kommen mit dem Auto.

"Wir versuchen alle abschreckend wirkenden Elemente zu vermeiden, ohne etwas an der guten Nachricht von Jesus Christus wegzulassen. Deswegen haben wir auch immer Live-Musik dabei", sagt Schleicher. Die Band kommt meist mit Anhänger. Einmal, als es heftig regnete, wurde der Platz unter dem Dach knapp. Die Musiker hingegen bauten kurzerhand das Schlagzeug auf dem Anhänger auf und spielten unter der Anhängerplane weiter.


"Bis jetzt hat es immer gereicht"


"Viele der Besucher wünschen sich einen relativ kleinen, fast familiären Gottesdienst, keine Massenveranstaltung", weiß Schleicher. Finanziert werde dieser ausschließlich durch die Kollekte und Spenden. "Bis jetzt hat es immer gereicht", fügt Schleicher an.

Der gemeinsame Ausflug im Anschluss rundet den Gottesdienst ab. Den Jubiläumsgottesdienst feiern sie ganz normal am Sonntag, 8. Mai, ab 10 Uhr am Jugendheim in Kappel (Bundesstraße 2 zwischen Gräfenberg und Hiltpoltstein). "Das Programm ist das übliche: Singen, Beten, Predigt, Ansagen, Segen. In irgendeiner Weise werden wir das 20-jährige Bestehen einbauen", sagt Schleicher.