Seit fast 40 Jahren ist Albert Dorn in der Politik, aber so geladen wie am Dienstag dürften ihn noch wenige erlebt haben. Der SPD-Stadtrat griff sogar zu einem Mittel, zu dem er nach eigener Aussage noch nie gegriffen hatte: Nachdem sich die Räte neuerlich in eine Debatte um "Kulturzentrum Kolpingshaus - ja oder nein" verstrickt hatten, beantragte Dorn eine namentliche Abstimmung.
Die SPD stellte sich hinter "ihren" OB Uwe Kirschstein. Wie im Planungsausschuss beschlossen (nur gegen die Stimme von Josua Flierl, CSU) sollte der Realisierungswettbewerb für das Kolpingshaus endgültig vom Tisch. Doch dann meldete sich Ulrich Schürr (JB) zu Wort und betonte, dass er auch im Namen der CSU und der FGL spreche.
Fazit seines Statements: Mit dem Beschlussvorschlag der Verwaltung würden "alle weiteren Überlegungen zu einem etwaigen Kulturzentrum beerdigt". Und dies, ohne irgendeine Perspektive einer kulturpolitischen Weiterentwicklung aufzuzeigen. "Wir wollen aber an der Option für ein städtisches Kulturzentrum festhalten. In zwei, drei Jahren können die Rahmenbedingungen für eine Kulturstätte anders ausschauen."
Für Dorn war diese Option ein Graus. Das Kolpingshaus, ursprünglich mit 800 Plätzen ins Gespräch gebracht, habe sich nun mal als zu klein herausgestellt. Daher wetterte Albert Dorn gegen das "Klein-klein-Konstrukt-Zeug" und gegen jene, die einer "beschränkenden Kultur-Kubatur" das Wort redeten. Die Kultur in der Stadt werde auf die Größe des Kolpingshauses "zurechtgestutzt".
Diesen emotionalen Beitrag "von Albert" könne sie "nicht toppen", sagte Lisa Hoffmann (SPD). Das Kolpingshaus sei nun mal nicht das, "was wir brauchen".
Der Hinweis von Claudia Stumpf (Stadtbauamt), dass der Realisierungswettbewerb samt Architektenhonorar eines Tages eine Million Euro kosten würde, hielt die Koalition von CSU, FGL, JB und FBF nicht ab. "Wir brauchen doch auch noch Ziele. Wir glauben, dass es gut werden kann", sagte Annette Prechtel (FGL). Das Rathaus als Kulturzentrum reiche nicht.
Oberbürgermeister Uwe Kirschstein (SPD) und Ulrich Schürr warfen sich vor, die Anträge der jeweils anderen Seite seien "schwammig". Reiner Büttner (SPD) appellierte, dass sich die Politik um die eigenen Liegenschaften kümmern müsse (etwa Rat- und Kolonnenhaus); und dass der Beschluss aus dem Planungsausschuss umgesetzt werden müsse. Alles andere wäre dem Kolping-Verein gegenüber "unehrlich".
Die Kolpingshaus-Befürworter, die sich am Ende mit 21 Stimmen durchsetzten, drängten darauf, mit Kolping das weitere Vorgehen vertraglich abzusichern. Darin sah Udo Schönfelder (CSU) die eigentliche Verlässlichkeit: "Bisher wurden dem Verein nur Steine in den Weg gelegt."
Manfred Hümmer betonte erneut: Die FW hätten den "Kolpingshaus-Deal zwischen CSU und SPD" nie mitgemacht. Die Idee mit den 800 Sitzplätzen funktioniere eben nicht. Hümmer war für Kultur im Kolpingshaus als "Übergangslösung". Auch Sebastian Platzek (FDP) meinte: "Durch den Beschluss im Planungsausschuss verstellen wir uns nichts." Vor allem müsse eine grundlegende Diskussion geführt werden: "Welche Kultur wollen wir fördern?!"


Vorwürfe, "Bashing", Wut

Wenn Kultur, dann bitte nicht in einer Stadthalle, sondern im Kolpingshaus - das forderte Heinz Endres (FBF). Über einen Realisierungswettbewerb dürfe aber erst geredet werden, wenn das Rathaus saniert sei.
Thomas Werner (CSU) warf der Gegenseite vor, sie suche "krampfhaft Argumente, um das Kolpingshaus zu beerdigen". Anita Kern (SPD) warf der Gegenseite vor, die Arbeit des Planungsausschusses als "sinnlos" zu verunglimpfen. Daraufhin bekam Gerhard Meixner (FGL) einen Wutanfall ("Man wird doch noch kritisieren dürfen") und Hümmer warf Kern "Bashing" vor. Josua Flierl (CSU) drückte es so aus: Die Art und Weise, wie Anita Kern sich ausdrücke, sei "des Hauses nicht würdig".



Kommentar

Kolpings-Koalition, echt krass!
V on seltenen Berührungspunkten abgesehen, pflegen die Grünen und die Schwarzen im Forchheimer Stadtrat seit jeher eine ausgeprägte Gegnerschaft. Doch am Dienstag erlebten die Besucher während der Sitzung in der Herder-Mensa einen ausgeprägten Schulterschluss der beiden Fraktionen.
Nun kann die gemeinsame Ablehnung eines Dritten - in diesem Falle von OB Uwe Kirschstein - durchaus auch mal freundschaftsbildend wirken. Doch das alleine erklärt die neue Koalition nicht. Zu leidenschaftlich wurde um Inhalte gerungen, in diesem Fall um die Realisierung des Kolpingshauses als Kulturzentrum. Doch gerade deshalb wirkt die neue Kolpings-Koalition echt krass. Denn Schwarz-Grün haben sich auf ein Projekt eingeschossen, das Jahre, wahrscheinlich Jahrzehnte auf sich warten lassen wird. Und sollte das Kolpingshaus eines Tages wirklich Kulturzentrum werden, dann kann der Härtetest für diese Koalition nicht ausbleiben. Weil nämlich kaum etwas unterschiedlicher ist in Forchheim, als die Anschauungen der Grünen und der Schwarzen darüber, wie und mit welchem Aufwand Kultur in der Stadt (und auch in einem möglichen Kulturzentrum) gestaltet werden soll. Es müsste schon mit seltsamen Dingen zugehen, wenn die schwarz-grüne Kolpings-Koalition über dieser Frage nicht wieder schnell zerbrechen würde.