von unserer Mitarbeiterin Sabrina Friedrich

Forchheim — Es ist halb sieben und die ersten sind schon eingetrudelt. Etwa 15 Leute erwartet Michael Klaus, einer der Initiatoren des traditionellen Essens. Er nimmt einen Steinkrug und zapft Bier aus einem kleinen Fässchen. "Das haben wir im Juli selbst gebraut", sagt er stolz und reicht den Krug an einen seiner Freunde weiter. "Ein echtes untergäriges Vollbier mit Malz und Spalter Aromahopfen", erklärt Georg Hübschmann. 85 Liter haben sie gebraut, von denen am Ende des Abends noch etwa 55 übrig sein werden.
Die ehemaligen Gruppenleiter der katholischen Jugend St. Martin haben die Tradition des "Bohnakern"-Essens zur Einweihung des Jugendheims im Krottental eingeführt. "Das war 1985 und mehr oder weniger ein spontaner Einfall. Damals hatten wir noch nicht mal eine Küche", erinnert sich Peter Wild, der "Spitzenkoch" der Runde. Die ersten fünf Jahre mussten dann die Mütter ran und für ihre Söhne kochen - auch wenn sie nicht mitessen durften. Denn von Anfang an herrschte ein Frauenverbot, das die Männer - damals alle noch unverheiratet - sogar in einer Art Satzung festgehalten haben. "Und im Ehevertrag", scherzt Klaus. Die Ehefrauen haben sich damit abgefunden, dass sie im besten Fall am nächsten Tag die aufgewärmten Reste bekommen. Sie finden sich jedes Jahr zu einer Gegenveranstaltung zusammen, bei der es - etwas weniger fränkisch - meistens um Tupperware, Putzmittel oder Basteln geht.

Lange Tradition in Franken

Heute sind die Männer, zum Großteil Mitglieder des Kirchenchors von St. Martin, immer noch unter sich, aber kochen selbst nach einem bis zur Perfektion optimierten Rezept.
Immer eine Einladung bekommen der Pfarrer, der Kaplan und der Mesner von St. Martin und auch Neuzugänge sind herzlich willkommen. Pfarrer Holzschuh hat an diesem Abend einen Termin in Bamberg, doch Mesner Thomas Neidhardt und Otto Donner, Monsignore, Geistlicher Rat und Pfarrer im Ruhestand, setzen sich mit an die hellen Tische, die zu einer langen Tafel zusammengeschoben wurden. Langsam füllt sich der Raum.
Zusammen decken die Männer den Tisch und auch beim Abwasch packen später alle mit an. Schnell wird klar, dass es bei diesem Treffen nicht in erster Linie ums Essen geht, sondern um die Gemeinschaft. "Manche sehe ich das ganze Jahr über nicht. Trotzdem braucht niemand eine extra Einladung, die Leute kennen den Termin und kommen automatisch", sagt Michael Klaus. Den ultimativen Loyalitätsbeweis erbringt an diesem Abend Klaus Fietzeck: Er hatte bei einem Gewinnspiel Karten für ein Konzert des Rockmusikers Billy Idol gewonnen und sie, als ihm auffiel, dass das Datum mit dem "Bohnakern"-Essen zusammenfällt, zurückgegeben. "Ein bisschen stinkt mir das jetzt noch", gibt er zu. Statt harten Gitarrensounds gibt es für ihn anerkennenden Applaus und "einen Teller mehr sowie die goldene Bohne am Band", scherzen die Männer.
"Wenn wir uns sehen, hat es meistens was mit essen zu tun", sagt Wild und lacht. "Das hält Leib und Seele zusammen", fügt Hübschmann hinzu. Doch warum ausgerechnet "Bohnakern"? "Das Gericht passt gut zur Jahreszeit, denn es ist ja ein traditionelles Winteressen und noch dazu typisch fränkisch", sagt Wild. Das Gericht - ursprünglich ein "Arme Leute-Essen", hat in Franken eine lange Tradition.
"Im Winter war es wichtig, dass die Menschen viele Kalorien zu sich nahmen, als sie noch harte Arbeit auf dem Feld verrichteten", erklärt der Forchheimer Kulturreferent und Heimatforscher Dieter George. Schon allein die Bohnen konnten mit ihrem hohen Eiweißgehalt als Vollmahlzeit dienen.
"Das Essen machte lange satt und war in allen Schichten vertreten, wobei die ärmere Bevölkerung meistens einen Bohneneintopf zubereitete, während die Reichen teures Fleisch dazu aßen", ergänzt Ulrich Schürr, Vorsitzender der Forchheimer Sektion des Deutschen Alpenvereins. Hinzu kommt, dass früher den Menschen zur Winterzeit kein Frischgemüse zur Verfügung stand. Die Bohnen waren ein guter Ersatz und noch dazu lange haltbar.
"Das Gericht wurde zur Tradition in vielen Vereinen und Verbänden. Auch heute bauen noch viele die Bohnen in kleinen Mengen im Garten an", sagt Schürr.

Besser als bei Mutti

Die Gruppe von St. Martin traf sich ursprünglich am Dienstag vor Buß- und Bettag, doch seit der kein Feiertag mehr ist, findet das Essen am darauffolgenden Freitag statt. Das Gericht, das es an diesem Abend gibt, ist für die meisten etwas Besonderes. "Unterm Jahr esse ich es eigentlich fast nie, höchstens in der Wirtschaft. Zu Hause koche ich es gar nicht, weil ich es nur in der großen Menge richtig hinbekomme", sagt Peter Wild. Er steht in der Küche des Pfarrheims und bewacht mit Argusaugen den köchelnden Bohnensud, der in einem riesigen Topf auf dem Herd steht.
Es dampft und blubbert. Gemeinsam mit Thomas Dippold hat er das Sagen in der Küche. Hier noch einen Schluck Essig dazu, da eine Prise Pfeffer, umrühren, abschmecken. Ein Blick in den Ofen - die abgedeckten Räucherbäuche dürfen schließlich nicht austrocknen. Im Nebenraum des Pfarrheims werden die Männer langsam ungeduldig. Der Hunger wird größer, die Mägen beginnen schon zu knurren und werden mit Bier gefüllt, bis das Essen kommt.
Dann geht endlich die Türe auf und Peter Wild stellt den großen Topf mit Bohnen auf den Tisch. Monsignore Donner spricht ein Tischgebet und dann beginnt das "große Fressen". Die Teller füllen sich in Windeseile und wo vorher noch geschäkert und geplaudert wurde, herrscht jetzt Stille. Ein Kloß nach dem anderen verschwindet und Peter Wild kommt mit der Schöpfkelle voll Bohnen gar nicht hinterher. Nach dem Essen werden die Männer in Erinnerungen schwelgen, manchmal sehen sie sich selbstgedrehte Filme von früher an.
Als Nachtisch gibt es selbstgebrannten Schnaps und Espresso und zum Wieder-Wach-Werden nach dem Festmahl spielen sie eine Runde Jenga. Doch noch sind die Töpfe voll und die Teller erst halbleer. Hier und da hört man ein "Sau gut!", "Der Koch hat sich mal wieder selbst übertroffen" oder "Ist noch was da?". "Achtung", sagt Helmut Gebhardt und räuspert sich. "Es schmeckt sogar besser als bei meiner Mutter."


Rezept für ein traditionelles "Bohnakern"-Essen