Der Abschluss der Literaturtage "Blätterwald" führte in den Keller der Pfalz, einen angemessenen Ort für historische Romane. Er führte just in die Zeit, schaut man jedenfalls die alten Mauern näher an, in der Roman Rauschs erster historischer Roman "Der falsche Prophet" spielt: in den Ausgang des Mittelalters.

Mit dem Tiepolofresko in der Würzburger Residenz hat sich der in Berlin lebende Mainfranke befasst, mit der Bombennacht, die kurz vor Kriegsende die Domstadt in Schutt und Asche legte. Doch ins Mittelalter hatte ihn sein Schreibweg bislang noch nicht geführt.

Der erste Anstoß kam von seinem Lektor, berichtete Rausch von der Entstehung des Romans um Hans Behem.
Als der Lektor nach Behem fragte, musste Rausch erst einmal passen, obwohl er nicht so weit weg vom Taubergrund aufwuchs: "An eine Figur aus einem Sagenbuch, wohl von meinem Großvater, konnte ich mich blass erinnern." Den nächsten Impuls erhielt er an seinem Wohnort im Berliner Osten.

Dort gehörte zu DDR-Zeiten Hans Behem zum Schulstoff, war der Laienprediger doch als erster Sozialrevolutionär Deutschlands eingestuft worden. Analphabet, Schafhirte, Hochzeitsmusiker, ein Filou, der die Frauenwelt begeisterte - so kam Rausch die Figur entgegen, als er sich mit den Quellen befasste. Sie gibt es verhältnismäßig reichlich, schickten doch die Bischöfe von Würzburg und Mainz ihre Späher aus, um dem Treiben im Taubertal nachzugehen.

Und Schmähbilder kursierten in deren Auftrag. In der Pfeiferstube in Niklashausen sind einige zu sehen und auch eines auf dem Cover des Buches. Bis 100 000 Menschen sollen den historischen Quellen zufolge in das winzige Niklashausen gekommen sein, Behem dabei zuzuhören, wie er gegen die Obrigkeit wetterte: "Schlagt die Pfaffen tot!"


Gefasst und verbrannt

Die Zahl der Zuhörer ging Rausch nicht mehr aus dem Kopf, hatten doch damals Reichsstädte wie Nürnberg oder Köln allenfalls 20 000 Einwohner. Noch mehr aber faszinierte ihn die Tatsache, dass Behem nur drei Monate predigte: von April bis Juli 1476. Dann fassten ihn die Würzburger und verbrannten ihn.

Die Zeit religiösen Aufruhrs hatte schon begonnen, aber Hans Behem war der Erste aus dem Laienstand, der öffentlich die sozialen Missstände anprangerte. Ihm folgten viele, meist mit demselben tragischen Schicksal.
Größte Armut auf der einen Seite, ein Leben in Saus und Braus bei Adel und Geistlichkeit. Diesen krassen Gegensatz betonte Rausch auch bei der Auswahl der vorgetragenen Buchauszüge. Da war einmal der Tod des Leibeigenen Barthelmess; 30-jährig war er an Erschöpfung gestorben. Er hinterließ eine junge Witwe mit zwei Kleinkindern, der der Lehensherr, ein Klosterbruder aus Brombach, auch noch die einzige Ziege wegnahm.

Den Pfarrer mussten die Dorfleute zur Bestattung aus dem Badezuber holen. "Er stand da, wie ihn der Herrgott geschaffen und die gute Küche des Wirtshauses vollendet hatte", beschreibt Rausch ihn als einen Vertreter der oberen Schichten.

Die dort um sich greifende Badekultur mit nahezu ganztägigem Aufenthalt im warmen Wasser stand auch am Anfang eines neuen Blicks auf Adel und Geistlichkeit. Viele Passagen im Roman sind fiktiv. Die Schilderungen der Pilger und Ablasssucher hingegen nicht. Die Angst vor der Hölle ging um und trieb die Menschen zu Wallfahrten und Spenden an die Kirche, bis an die Grenze ihrer Leistungs- und Leidensfähigkeit.
Es waren nur mehr wenige Jahrzehnte, bis sich dieser Druck in den Bauernaufständen Luft zu verschaffen suchte.